Wunden anschauen kann Wunder wirken

Predigt am 2. Sonntag der Osterzeit – 15. April 2012
Lesungen: Apg 4,32-35 / 1 Joh 5,1-6 / Joh 20,19-31
Alle liturgischen Texte (hier)

Sie können hier die Predigt auch anhören!

Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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„Hast du dir weh getan?“ fragen wir erschreckt, wenn uns jemand eine blutende Wunde zeigt. Mit Wunden haben wir nicht gern zu tun. Sie erinnern uns zu sehr an unsere eigene Verletzlichkeit – und wenn es Wunden sind, die nicht mehr zuheilen – auch an unsere Sterblichkeit.

Das war schon eine Zumutung für die Jünger, als ihnen der auferstandene Herr seine durchbohrten Hände und Füße zeigte. Sie waren so erschrocken, daß er sie mit seinem Friedensgruß beruhigen mußte. Die Freude über das Wiedersehen überwog dann doch und ihre Zweifel verschwanden. Nur einer, der diese unerwartete Begegnung nicht miterlebt hatte, meldete Zweifel an: Thomas. Er wollte es genau wissen. Denn ein gekreuzigter Toter kann doch nicht leben!  Acht Tage später – so erzählt der Evangelist – zeigte sich der Auferstandene erneut. Und nun konnte Thomas seine Zweifel ablegen.

Wie das geschah?
Durch die Einladung Jesus an ihn, seine Wunden zu berühren – die Hände und die Seite!

Das ist eine seltsame Glaubenserfahrung, die vielleicht auch mit unserem Leben etwas zu tun hat. Wenn wir an Jesus Christus Gottes Sohn denken und über ihn reden, entsteht vor unseren Augen normalerweise das Bild eines strahlenden Herrschers über die Welt und die Menschen, wie ihn die christliche Frühzeit dargestellt hat – als Pantokrator, Allherrscher. Wunden – so meinen wir – passen nicht zu ihm.

Aber da täuschen wir uns. Da verdrängen wir den Karfreitag, das Leiden und Sterben Jesu. Wir sind nämlich alle in einem Winkel unseres Herzens wie Thomas der Zweifler. Auch er konnte sich einen leidenden und gekreuzten Gott nicht vorstellen – bis zu dem Tag, da ihm die Augen aufgingen und er gläubig wurde.

Und was war das dann für ein Glaube?
Zuerst das Eingeständnis, daß Gott in Jesus von Nazareth wirklich Mensch geworden ist – und damit auch verwundbar und sterblich – wie wir alle auch. Jesus war jetzt für die Jünger nicht mehr nur ein guter Mensch und begnadeter Heiler, sondern in ihm war Gott selbst unter ihnen erschienen.  Geahnt hatten sie es schon, aber glauben konnten sie es lange nicht.

Man darf ja nicht übersehen, daß nur eine kleine Gruppe von Juden bereit war, diese unglaubliche Wahrheit anzunehmen, dass da ein Mensch Gottes Sohn ist, der sogar den Tod überwindet. Die meisten Bewohner von Jerusalem und ihre religiösen Führer ließen sich nicht von ihrem Gottesbild abbringen: Gott ist und bleibt Gott und kann niemals ein Mensch sein. Weil Jesus dies vor den Hohepriestern und auch vor dem Stadthalter Pilatus offen bekannt hatte, war er für sie ein Übeltäter, ein Gotteslästerer, der den Tod verdient hatte.

Und was war dann dieser Glaube noch?
Es war ein neues Miteinander der Jesusleute, wie wir in der Apostelgeschichte gehört haben: „Die Gemeinde“, so heißt es da, „war ein Herz und eine Seele“. Es gab keinen unter ihnen, der Not litt. So etwas läßt sich nur da denken, wo Menschen anfangen, zu teilen und die Güter dieser Welt nicht mehr nur als ihr Privateigentum ohne soziale Verpflichtung festzuhalten. Wo sie aber anfangen, die Mauern und Grenzen abzubauen und aufeinander zuzugehen, da öffnet sich der Himmel und es wächst die Zuversicht, dass Gott wirklich unter den Menschen ist.

Diese neue Art, sich als Mensch in liebender Gemeinschaft mit seinen Mitmenschen zu fühlen, beschreibt auch der erste Johannesbrief. Christen sind nicht nur Menschen mit leiblichen, seelischen und geistigen Bedürfnissen, sondern sie stehen in einer neuen Verbindung zu Gott. Johannes drückt das so aus: „Wir erkennen, daß wir Kinder Gottes sind. Jeder der glaubt, daß Jesus der Christus ist, d.h. der von Gott gesandte Messias, stammt von Gott“. Wer aber ein Kind Gottes ist, und nicht nur so heißt, was kann dem dann noch fehlen?

Früher einmal konnte man sich auf seine Abstammung etwas einbilden. Söhne und Töchter von Fürsten und hochstehenden Persönlichkeiten hatten allein aufgrund ihrer Herkunft ein höheres Selbstwertgefühl. In abgeschwächter Form ist das ja auch heute noch so. Die Tochter eines Ministerpräsidenten oder das Kind einer Fürstin zieht immer noch mehr Interesse auf sich als die Tochter eines Arbeiters. Der Wert eines Menschen bestimmte sich also aus seiner Herkunft und seiner Zugehörigkeit. Wenn wir glauben dürfen, zu Gott zu gehören, wirklich seine Kinder zu sein und nicht nur so zu heißen, dann heilen auch die Wunden unseres Selbstwertgefühls. Dann dürfen wir dankbar und ohne Stolz groß von uns denken.

Und der dritte Aspekt dieses neuen Glaubens ist die Erfahrung der Sündenvergebung. Als der Auferstandene den Jüngern erschien, hat er ihnen den kräftigen Lebensatem des Hl. Geistes geschenkt. Das war wie ein frischer Wind in eine drangvolle, beklemmende Atemnot hinein. Der Auferstandene Christus befreit uns von aller Einengung und Verstrickung, in die wir wegen unserer Verfehlungen immer wieder hineingeraten. Er befreit uns zum Leben.

Es ist nicht verwunderlich, daß das Evangelium des heutigen Sonntags demonstrativ mit der Feststellung endet, daß Jesus der Messias ist, damit wir durch den Glauben das Leben haben. „Durch den Glauben das Leben haben“, d.h. in der Annahme der frohen Botschaft von der Überwindung des Todes – aufatmen, neue Lebenskraft schöpfen, überhaupt erst richtig zu leben beginnen. Auch wenn uns – wie den Zweifler Thomas – immer wieder Skepsis und Ratlosigkeit befallen, die Kraft des Auferstandenen Christus wird uns aufrichten. Darum wollen wir uns zu ihm gesellen, seine Nähe suchen und uns von seinem Lebensatem anhauchen lassen, damit wir im Glauben an ihn das Leben haben.

 

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