Hirtenhafte Leitung

Predigt am 4. Sonntag der Osterzeit – 29. April 2012
Lesungen: Apg 4,8-12 – 1 Joh 3,1-2 – Joh 10,11-18
Alle liturgischen Texte (hier)

Diese 7-Minuten-Predigt hier anhören.

Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Das Gleichnis vom Guten Hirten ist wohl allen bekannt. Aber die wenigsten wissen, dass Jesus in dieser sog. Selbstoffenbarungsrede auf eine Vorlage zurückgreift, die im Buch Ezechiel zu finden ist.

Dort klagt Gott über die bestallten Hirten, die religiösen Führer des Volkes Israel. Sie haben versagt und sollen deshalb ihr Hirtenamt nicht mehr länger ausüben. „Jetzt setze ich sie ab“, lässt Gott durch den Propheten mitteilen: „Ab jetzt will ich mich um meine Schafe selber kümmern“. (vgl. Ez 34,11)

Jesus kannte diese große Hirtenrede bei Ezechiel und verstand sich als Vollstrecker der angekündigten Absicht Gottes. Er wollte in seinem Leben und Wirken der gute Hirt sein, wie er im Buch Ezechiel beschrieben worden war. Fünf Weisen einer hirtenhaften Leitung lassen sich erkennen, die Jesus dann persönlich verwirklicht. Wir wollen sie kurz betrachten:

 

Ein Hirte:

– kümmert sich um seine Schafe
– er versammelt die Herde an einem guten Ort
– er sorgt für ausreichende Nahrung
– er heilt ihre Wunden
– und –  er tut das Rechte.

1) Das sich Kümmern – ist die Grundhaltung, die allem Tun vorausgeht. Sich kümmern bedeutet für den, der sich kümmert: Mühsal, Gram, Belastung, Mitleiden. Es verlangt eine gesammelte Aufmerksamkeit. Wer sich nicht kümmert, schaut weg, dem sind die Anderen egal. Übertriebene Sorge ist nicht gemeint, sondern eher eine Art wandernde Aufmerksamkeit, die die Freiheit und Eigenständigkeit der Anvertrauten nicht aufhebt, also sie nicht bevormundet.

Eltern wissen, wie wenig es ihren Kindern gefällt, wenn erzieherisches Bemühen bevormundend daherkommt. Ein Gespür dafür, was ein Mensch wirklich braucht, muss man sich in jahrelanger Übung erst aneignen. Es ist kein Naturtalent. Gute Hirten können das. Sie halten Abstand zur Herde, sind aber doch mit wachen Augen immer bei ihr. Eine Fehlform des „sich Kümmerns“ hat der Psychotherapeut Erwin Ringel einmal humorvoll so geschrieben: „Wenn einer zu dir kommt und sagt, dass er dir helfen will: dann rate ich Dir: nimm deine Füße unter die Arme und lauf weg so schnell du kannst….“. So kann Fürsorge gewiss nicht aussehen, das wissen wir. Sich kümmern, sich sorgen um das Wohl des Anderen ist nicht Manipulation und nicht Bevormundung. Das sehen wir auch bei Jesus. Er überrumpelt die Menschen nicht mit seinem Hilfsangebot, sondern fragt zuerst immer: „Was willst du, dass ich Dir tun soll“

2) Die zweite Weise ist das Versammeln an einem guten Ort. Ezechiel spielt auf die Zerstreuung an, die das Volk Israel in der Zeit der Babylonischen Gefangenschaft erlitten hatte. Am dunklen, düsteren Tag wurden sie  versprengt, wie auch heute immer wieder Menschen in Kriegszeiten vertrieben, Familien und ganze Dorfgemeinschaften auseinander gerissen werden. Welch seelischer Schaden dabei entsteht, kann man ermessen, wenn man Heimatvertriebene erzählen hört. Auch nach langen Jahren brechen alte Erinnerungen immer wieder auf. Man weiß aus der Psychologie, dass jeder Mensch irgendwie beheimatet sein muss. Der Mensch ohne Zuhause, der ort-los gewordene Mensch, kann leicht krank und heillos werden.

Deshalb schaffen jene Menschen Heil, die andere immer wieder „an einen Ort versammeln“, die Gemeinschaft stiften und anregen. Die Kirche tut das. Sie kann ein Gefühl der Verbundenheit vermitteln. Sie ist eigentlich eine einzige Sammlungsbewegung. Auch unser Gottesdienst jeden Sonntag ist so ein Ort der Sammlung und der Versammlung. Wie wichtig solches Zusammenkommen ist, verstehen wir erst, wenn wir den Gegenspieler Gottes und sein Ziel ernst nehmen. Er trägt nämlich den Namen Diabolos – und das heißt: der „Zerstreuer“, der „Durcheinanderbringer“, der nicht will, dass Menschen zusammenkommen. Er mag Gemeinschaft nicht. Er ist der Feind der Einheit. Ein guter Hirt aber sammelt seine Schafe an einen Ort, damit sie Gemeinschaft erleben können. Wir brauchen das Gefühl, dazuzugehören und nicht ausgeschlossen zu sein.

3) Das Nähren gehört wohl zu den wichtigsten Aufgaben eines Hirten. Er kennt die guten Weideplätze. Die Nahrung wird er aber seinen Schafen nicht vorkauen. Es genügt, wenn er sie auf gute Weideplätze führt. Kauen können sie selber. Ohne Nahrung und Nähe verhungert und verkümmert der Mensch.

Das Nähren ist eine lebensförderliche Haltung. In der Brotvermehrung erweist sich Jesus als Herr über die Nahrungsquellen. In seiner Nähe sollte niemand verhungern müssen – weder körperlich noch seelisch.

4) Das Heilen der Wunden. Darüber wäre viel zu sagen. Was ein kranker Mensch vor allem braucht, ist Ruhe an einem Ort – Bettruhe. Wir wissen aus der Krankenpflege, dass sie für ein Klima der Ruhe und Stille sorgen möchte. Gerade heute braucht der gehetzte und ruhelose Mensch dringend einen Ort des Ausruhens, damit die seelischen und körperlichen Wunden heilen können.

5) Das Rechte tun. Gott spricht bei Ezechiel: „Ich sorge für Recht“, „Ich handle, wie es recht ist“. Was ist damit gemeint? Jeder Mensch hat ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben. Das sind die hohen Ziele der Vereinten Nationen. Man kann heute sagen, dass viele Verantwortliche nicht immer für das Recht sorgen, sondern nach Eigennutz und Wählergunst handeln. Unsere Welt ist voll von Unrecht. Es gibt zu wenig gute Hirten unter den Führungsgestalten in Staat, Gesellschaft und auch in der Kirche.

Was Jesus im heutigen Evangelium uns zusagt, ist deshalb von großer Bedeutung für uns. Wir können uns ihm anvertrauen. Denn er ist der treue und verlässliche Vollstrecker des göttlichen Willens – und Gott will unser Wohl und unser Heil. Jesus geht in seinem Einsatz für uns sogar so weit, dass er sein Leben einsetzt und hingibt. „Es gibt keine größere Liebe als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt, sagt er. (vgl. Joh 15,12).

Eigentlich haben wir keinen Grund zu klagen, sondern allen Grund zu danken dass wir einen solchen Hirten haben.

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