Weinstock und Rebe

Predigt am 5. Sonntag der Osterzeit – 06. Mai 2012
Lesungen: Apg 9,26-31 / Joh 15,1-8
Alle liturgischen Texte (hier)

Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
[print_link]

Wenn wir in einem Weinanbaugebiet leben würden, könnten wir durch die Weinberge gehen und den Winzern bei ihrer Arbeit zuschauen. Der Winzer muss mit großer Sorgfalt jeden Weinstock beschneiden, wenn er im Herbst eine gute Ernte einbringen will. Dabei werden verdorrte Reben abgeschnitten, eingesammelt und – so hat es Jesus auch gesehen – im Feuer verbrannt. – Fruchtbringende Reben werden gereinigt, damit sie noch mehr Frucht bringen.

Jesus hat seine Lebensweisheit und sein Wissen von Gott oft mit Bildern aus der Alltagswelt veranschaulicht. Er bezeichnet sich übrigens auch selbst als Weinstock und hält mit dieser Gleichnisrede den Jüngern und uns vor Augen, wie eine Beziehung zu ihm aussehen kann. Die mit dem Weinstock verbundene Rebe wächst; wo die Verbindung getrennt wird, trocknet sie ein und stirbt mit der Zeit ab.

 

Du kannst also ohne Verbindung zu Jesus Christus kein Christ sein. Es kommt darauf an, mit ihm in Beziehung zu bleiben, „in ihm zu bleiben“, wie die Bibel sagt. Getrennt von ihm können wir nichts tun, ist unser Christsein nur leere äußere Form; verbunden mit ihm, leben wir auf, bleiben wir – sprichwörtlich – „am Leben“ (dran).

Ich möchte laut darüber nachdenken, wie man eine Beziehung zu Jesus Christus pflegen kann. Ist das nicht doch nur ein frommer Wunsch, mit jemanden, den man nur vom Hörensagen kennt und nie persönlich gesehen hat, eine persönliche Beziehung zu haben?

Wie machen wir es denn, wenn wir mit einem Menschen, den wir nie gesehen haben, eine Beziehung aufbauen wollen. Welche Möglichkeiten gibt es?

Wir haben drei Möglichkeiten:

  1. Wir interessieren uns für einen solchen Menschen und versuchen deshalb, etwas über ihn zu erfahren. Gibt es Bücher von ihm oder über ihn? Dann werden wir sie lesen.
    Ein Beispiel: da ist jemand ein Fußballfan. Sein Star ist meinetwegen Bastian Schweinsteiger. Also liest er alles, was er über ihn zu lesen bekommt. Er schaut sich Fernsehsendungen an und hegt den Wunsch, seinen Fußballstar irgendwann einmal aus nächster Nähe sehen zu können und vielleicht sogar ein Autogramm von ihm zu ergattern.
  2. Wir suchen nach Gleichgesinnten, die sich ebenfalls für den gleichen Menschen interessieren und tauschen Meinungen und Erfahrungen über ihn aus. Am Beispiel des Bayern-Spielers Schweinsteiger: seine Anhänger suchen untereinander Kontakt. Sie fahren gemeinsam zu einem Spiel. Sie bewundern seine Spielkunst und reden stundenlang über seine Art, Fußball zu spielen.
  3. Wir neigen dazu, es dem Bewunderten nachzumachen. Der Schweinsteiger-Fan wird versuchen, ebenso gut Fußball zu spielen wie sein großes Vorbild. Er wird versuchen, die gleiche Balltechnik, die gleiche Spielhaltung einzuüben, weil er glaubt, auf diese Weise auch ein großer Kicker zu werden.

Diese drei Möglichkeiten haben wir, wenn wir mit einem Menschen, den wir nie persönlich gesehen haben, eine Beziehung aufbauen wollen.

Wie sieht das nun in der Welt des Glaubens aus?

  • Wer mit Jesus Christus in Beziehung treten will, wird versuchen, etwas über ihn zu erfahren, er wird lesen, was über ihn geschrieben wurde und suchen, ob er nicht Worte findet, die er selbst gesprochen hat. Also greift er zu Bibel.
  • Ein Christ, der zu Jesus Christus eine Beziehung suchen will, wird sodann nach Mitmenschen Ausschau halten, die sich ebenfalls für ihn interessieren und er wird mit ihnen über Jesus ins Gespräch kommen – in einem Bibelgesprächskreis, in einem Glaubenskurs z.B..
  • Und ein Christ, der mit Jesus Christus eine persönliche Beziehung eingehen will, wird drittens versuchen, ihn nachzuahmen. Er wird so leben, wie er gelebt hat, so denken, reden und handeln wie er gedacht, geredet und gehandelt hat.

Eigentlich ist das schon die ganze Kunst des christlichen Lebens. Früher sagte man dazu: „Nachfolge Christi“.

In der Praxis bedeutet das:

  • Lesen in der hl. Schrift. Denn darin erfahren wir etwas über Jesus Christus.
  • Pflege der Gemeinschaft mit den Mitchristen in der Kirche. Denn die Kirche ist der Ort, wo Menschen miteinander über Jesus Christus ins Gespräch kommen – und wo sie mit ihm (durch Gebet, Gottesdienst) ins Gespräch kommen.
  • Ein christlicher Lebensstil – als Praxis des ersten und wichtigsten Gebotes der Liebe, so wie sie uns von Jesus Christus vorgelebt worden ist.

So kann eine lebendige Beziehung zu Jesus wachsen, können wir am Weinstock bleiben wie die Reben, die dann nicht mehr verdorren, sondern Frucht bringen.

Von Paulus wird übrigens berichtet, dass er nach seiner Bekehrung wie es heißt „Anschluss“ gesucht hat bei den Jüngern in Jerusalem. Nach anfänglicher Skepsis – er war ja als Christenverfolger bekannt – hat man ihn aufgenommen. Barnabas hatte vermittelt. So begann ein unglaubliches Wachstum der Jesusgemeinde – hinein in das griechisch-römische Weltreich der damaligen Zeit. Paulus, von jetzt an „verbunden mit dem Auferstandenen“, hat das Evangelium fruchtbar unter den Heiden verkündet. Es ging ihm nicht um einen Erfolg im weltlichen Sinn, sondern um Frucht – als Ergebnis eines Wachstumsprozesses, der liebevoll begleitet und gefördert wird vom Weingärtner Gott selbst.

Paulus hat uns im Rückblick auf seine Wirkungsgeschichte ein wunderbares Bekenntnis überliefert, das die Worte Jesu bestätigen. „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“  schreibt er in einem seiner Briefe (Gal 2,20). Christus, der wahre Weinstock, wurde seine Lebensgrundlage.

Nicht genug können wir über unser christliches Leben nachdenken. Wir müssen es immer wieder tun. Denn an den äußeren Formen allein wird sich ein Christentum in den kommenden Jahren nicht mehr durchhalten, wenn es nicht von innen her gereinigt und gestärkt wird:

  • durch das Wort der Schrift
  • durch die Gemeinschaft der Glaubenden
  • und durch den Bruderdienst der Liebe.

Lassen wir uns auf das Abenteuer einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus ein. Ein großer Heiliger, Ignatius von Loyola, hat es auf den Punkt gebracht, als er sagte: „Viele Menschen ahnen nicht, was sie bewirken könnten, wenn sie sich nur vorbehaltlos auf die Führung Gottes einlassen würden“. 

Print Friendly, PDF & Email