Ein liebender Mensch werden

Predigt am 6. Sonntag der Osterzeit – 13. Mai 2012
Lesungen: Apg 10,25-26,34-35.44-48) / 1 Joh 4,7-10 / Joh 15,9-17
Alle liturgischen Texte (hier)

Hören Sie die 7-Minuten-Predigt hier an!

Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Es ist kein Geheimnis: wir sehnen uns nach einem Leben in Frieden. Streit möchten wir nicht haben. Auch wer kein gläubiger Christ ist, möchte mit seinen Nachbarn im Frieden leben. Alle Menschen guten Willens verstehen die Einladung auf Spruchkarten oder im Heck eines Autos: „Seid nett zueinander!“ Wir brauchen unsere Nerven für wichtigeres als für ständigen Streit.

Dale Carnegie, ein erfolgreicher amerikanischer Geschäftsmann, hat in den 60iger Jahren herausgefunden, dass bestimmte Spielregeln im Umgang miteinander den Erfolg eines Unternehmens begünstigen. Für seine Geschäftsfreunde schrieb er ein Buch mit dem Titel: „Wie man Freunde gewinnt“.

Darin empfiehlt er …

  • Nimm aufrichtig Anteil am Schicksal deines Nächsten.
  • Für jeden Menschen ist sein Name das schönte und bedeutungsvollste Wort in seinem Sprachschatz. Darum sprich deinen Mitmenschen immer mit seinem Namen an.
  • Sei ein guter Zuhörer. Lass den anderen von sich selbst erzählen. Lass ihm die Unterhaltung bestreiten.
  • Sprich vor allem auch von Dingen, die den anderen interessieren.
  • Achte die Ansicht des anderen und sage niemanden brutal, dass er Unrecht hat.

Warum brauchen wir Christen dann noch eine gesonderte Einladung aus dem Munde Jesu: „Liebt einander!“, wenn die geschäftstüchtige Welt aus guten Gründen schon Menschenfreundlichkeit und Nächstenliebe empfiehlt?

Vielleicht deshalb, weil es einen Unterschied in den Motiven gibt. Dale Carnegie hat für Manager, Unternehmer und Geschäftsleute geschrieben – sein Ziel war die Optimierung seines Gewinns. Als Instrument für dieses Ziel erkannte er den verbindlichen und freundlichen Umgang miteinander.

Jesus geht es um mehr. Darüber haben wir vermutlich noch viel zu wenig nachgedacht. Der Apostel Johannes, auch Lieblingsjünger genannt, hat aus seiner Freundschaft mit Jesus wichtige Lebensweisheiten aufbewahrt. Nach seiner Erinnerung sagte Jesus: „Dies ist mein Gebot! Liebt einander, wie ich Euch geliebt habe“.

Das war nicht nur  ein Impuls zur praktischen Verbesserung des Verhaltens, sondern es war die Vorstellung eines Beispiels, die Demonstration des Ernstfalls der Liebe. Jesus ist dieser Ernstfall.

Wir wissen, wie der Ernstfall ausgesehen hat. „Niemand hat eine größere Liebe als der, der sein Leben hingibt für seine Freunde!“ Das ist ein Aufruf zur einer Liebe, die mit der ganzen Wucht des eigenen Lebens – bis zur Hingabe des Lebens – unterstrichen und bekräftigt wird.

Hier hört der bloße Pragmatismus auf. Hier kommt auch alle Romantik, wie sie etwa im  Schlusschor der 9. Sinfonie von Beethoven zu hören ist, ans Ende. Der geschäftliche Erfolg oder das Gefühl: „Seid umschlungen Millionen“ reichen nicht aus, wenn es an den innersten Kern der Liebe geht. Im Leben Jesu wird die Liebe herb und tödlich ernst. Die Liebe Jesu geht mit ihm bis zur Hingabe seines Lebens für uns.

Ein weiterer Unterschied.

„Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt ihr in meiner Liebe“, sagt Jesus. Gebote haben doch nichts mit Liebe zu tun, meinen wir. „Liebe und tu, was du willst“, haben wir vom hl. Augustinus gehört. Das hat er tatsächlich gesagt. Er wollte den Primat der Liebe sichern! Aber so ein Satz aus dem Zusammenhang genommen ist missverständlich, als ob die Liebe locker und leicht zu verwirklichen wäre.

Wir tun gut daran, den ganzen Tonumfang des Aufrufs zur Liebe zu hören. Wer der Weisung des Evangeliums folgt und den Weg der Liebe beschreitet, gerät ohne Zweifel in die Nähe des Lebensschicksals Jesu. Er muss damit rechnen, dass die verheißenen Folgen der Liebe: Friede, Freude, Geborgenheit und Glück – die selbstverständlich zu den realen Erfahrungen dazugehören – immer wieder durchkreuzt werden von realen Erfahrungen ganz anderer Art: von Leid, Missverständnis, Unlust, Banalität, Alltäglichkeiten.

Man könnte unter diesen Umständen schon dazu neigen, sich erst gar nicht auf die Liebe einzulassen. Denn dann erspart man sich Ärger und schont seine Haut.

Die Zumutung, ein liebender Mensch zu werden nach dem Maß Jesu, ist dennoch anzunehmen, weil sie immer und zuallererst von Gott selber ausgeht. Denn ER hat uns zuerst geliebt – und dies wird so bleiben. Immer ist ER der Ersthandelnde, der nicht nur zur Liebe aufruft, sondern auch zeigt, wie man das macht und wie ernst die Liebe gemeint ist – beispielhaft in seinem Sohn Jesus Christus, der sich zu uns herabgeneigt und uns Freunde nennt, nicht mehr Knechte.

Bernhard von Clairvaux, der große Reformer des Benediktinerordens im MA hat einmal gesagt: „Das Maß der Liebe ist die Liebe ohne Maß“. Das versteht man nur, wenn man auf das Beispiel Jesu schaut. Seine Liebe zu uns ist an keine Bedingung geknüpft. Nicht unser Wohlverhalten entbindet die Liebe Gottes zu uns, sondern sein Erbarmen und seine Menschenfreundlichkeit.

Christen werden weiter gehen als die durchaus empfehlenswerten Lebenslehren unserer freundlichen Geschäftswelt. Sie werden versuchen, das Maß ihrer Liebe von Jesus Christus zu nehmen.

Unvergleichlich hat das der Evangelist Johannes aufbewahrt in seinem Bericht über die Fußwaschung beim letzten Abendmahl. „Da er die seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zum Ende.“ – bis zum Sklavendienst für die Seinen, bis zum bitteren Ende am Kreuz.

Diese Liebe ist unsere Lebensgrundlage – sie ist mehr als Romantik und Pragmatismus.

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