Ein Zugang zum Geheimnis Gottes

Predigt am 7. Sonntag der Osterzeit – 20. Mai 2012
Lesungen: 1 Joh 4,11-16 / Joh 17,6a.11b-19
Alle liturgischen Texte (hier)

Die 6-Minuten-Predigt hier anhören!

Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Der Zugang zum Geheimnis Gottes, der uns durch die Lesungen des heutigen Sonntags gewiesen wird, ist in verschiedener Hinsicht bemerkenswert. Lesung und Evangelium stammen aus der gleichen Feder, sind vom gleichen johanneischen Eifer und und von liebendem Einfühlungsvermögen diktiert und treffen in das Zen­trum des biblischen Gottesbildes, in die Mitte der Offenbarung.

Wir waren soeben Zuhörer eines sehr persönlichen Gebetes, das Je­sus an Gott-Vater im Himmel gerichtet hat.

Ich meine, in der Lesung einen Zugang zur „Außenseite“, im Evangelium einen Zugang zur „Innenseite“ Gottes erkannt zu haben, wenn diese Ausdrucksweise einmal erlaubt ist.

Die Außenseite Gottes, wie er auf uns wirkt, ist zunächst negativ beschrieben: Gott ist unsichtbar. „Niemand hat Gott je gesehen“, heißt es. Wir werden also ernüchtert und an die Grenzen unserer Erkenntnis verwiesen. Wir sol­len uns nicht täuschen. Alle Versuche, Gott be­greifen und festlegen zu wollen, müssen scheitern. Diese nüchterne Einsicht ist gerade heute wichtig geworden, weil immer mehr religiöse Führer auftreten und den Menschen eine unmittelbare und einfache Gottes­erfahrung versprechen.

Es gibt keine umfassende Schau, keine hinrei­chende „Theoria“ von Gott. Der Verstand kann Gott nicht ergründen, er kann nur über ihn nach­denken. „Niemand hat Gott je gesehen“. Der Kopf des Menschen, seine Denkfähigkeit und seine Theorienbil­dungskraft enträtseln das Geheimnis Gottes nicht. „Du darfst nicht wähnen, daß deine Vernunft dazu aufwachsen könne, daß du Gott zu erkennen vermöchtest“, schreibt Meister Eckhart.

Aber dann, so meint die Lesung, gibt es paradoxer­weise doch einen Weg, wie Gott erreicht werden kann. „Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns“, schreibt Johannes.

Was für den Kopf wie eine Sackgasse ist, ist für das Herz und seine Liebesfähigkeit ein Weg. Noch einmal zitierte ich Meister Eckhart: „Die Liebe beginnt da, wo das Denken aufhört“.

Die gelebte gegenseitige Liebe ist die Art und Weise, wie Gott sich uns nahe bringt, wie er in uns bleiben möchte. Seine erfahrbare Nähe vollzieht sich nicht vorrangig im Denken, sondern im Tun. Dazu braucht es nur eine kleine Voraussetzung: an die Liebe Gottes muß man glauben und danach handeln.

Johannes hat von sich und den Seinen geschrieben: „Wir haben an die Liebe geglaubt, die Gott zu uns hat…“. Das war wohl auch der Ursprung der Er­kenntnis und der Liebeskraft überhaupt, der Anfang der revolutionären Bewegung von sich weg auf andere zu.

Man kann nicht von sich wegkommen, man kann nicht lieben, wenn man nicht der Liebe glaubt, d.h. wenn man nicht einfach anfängt, zu lieben ohne Gewähr, ohne Garantieschein und ohne Absicherungen.

Wer es wagt, der Liebe zu glauben und anfängt, zu lieben, gelangt in das Kraftfeld Gottes und wird eines Tages jenes Glaubensbekenntnis sprechen können, das einen der tiefsten und schönsten Gottesnamen offenbart: Gott ist die Liebe – und wer der Liebe folgt, ist Gott auf der Spur.

Von der Außenseite Gottes sind wir nun unversehens zu seiner „Innenseite“ gelangt. Und da müssen  wir noch einmal den Text des heutigen Evangeliums anschauen. Jesus erleben wir in einem Gespräch mit Gott, seinen Vater. Was uns aufhorchen läßt, ist das Thema dieses Gesprächs. Das Thema nämlich sind die Jünger, sind wir, als ob – menschlich gesprochen – Gott nicht Besseres zu tun hätte, als sich dauernd nur mit seinen Geschöpfen zu beschäftigen. Aber es ist so: Jesus redet mit Gott, seinem Vater und sie reden über uns.

Unsere alte Sehnsucht, nicht vergessen zu werden, in irgendeiner Form „bedacht“ und „besprochen“ zu werden, im Gespräch zu bleiben, findet hier seine Erfüllung. Wir sind das Thema des innergöttlichen Gesprächs.Oft habe ich über diese Wahrheit nachge­dacht. Es liegt eine erlösende und befreiende Kraft darin. Fortan brauche ich mich nicht mehr angestrengt bemühen, für irgend jemanden wichtig zu sein, ich brauche mich nicht durch raffiniertes Ver­halten in Szene setzen, mich zu Wort melden, mich in Erinnerung bringen, mich da und dort vorstellen, dar­auf achten, daß mein Name auch ab und zu in der Zei­tung steht, damit man mich nur ja nicht ver­gißt !

Das wird alles überflüssig. Denn ich bin schon längst im Gespräch. Ich bin ein Thema. Gott hat mich auf seine Tagesordnung gesetzt. Ich bin ihm der Rede wert!

So etwas kann nur die Liebe. Nur die Liebe ist ganz beim Anderen, ist selbst-verges­sen. Sie redet über den Anderen in guten Worten, für­sorglich sprechend.

So ist unser Gott. Jesus offenbart das.

Eigentlich wäre unsere angemessene Reaktion, daß wir uns gelegentlich in dieses inner­göttliche Gespräch einschalten, daß wir uns unsererseits bei Gott zu Wort melden – mit einer Dankadresse. Beten nennen wir das.

Denn für Gott – und das ist seine Innen- und seine Außenseite, das ist sein unbegreifliches Geheimnis, sind wir Menschen der Rede wert. Er eröffnet durch sein Wort die Rede an uns, indem er  sich uns zum Thema macht, damit wir aus dumpfem Schweigen erwachen und uns – wie an Pfingsten – die Zungen lösen lassen zur Ehre und zum Lobpreis der Liebe. „Herz und Mund und Tat und Lebe“ ist der Titel  zweier Kirchen-Kantaten von Johann Sebastian Bach. Herz und Mund und Tat und Leben sollen neu bewegt werden. Pfingsten ist nahe. Das wäre das neue Leben, auf das die Welt so sehnlich wartet.

 

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