Die Frage, wer der Mensch ist, entscheidet sich an der Frage, wer Gott ist.

Predigt am Dreifaltigkeitssonntag – 03. Juni  2012
Lesungen: Dtn 4,32-34.39-40  /  Röm 8,14-17  /  Mt 28,16-20
Alle liturgischen Texte (hier)

Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Zahlreich sind die Sendungen im Radio und Fernsehen, die sich mit den neuesten Erkenntnissen aus der Wissenschaft beschäftigen. Planet Wissen z.B. bietet erstaunliche Einblicke in die Geheimnisse des Lebens und Zusammenlebens der Menschen. Wir werden immer klüger und kommen aus dem Staunen nicht heraus.

Die Sicht des Glaubens auf die Welt und den Menschen erscheint dabei immer brüchiger. Ein naiver Glaube hat bei den wissensdurstigen und aufgeklärten Menschen unserer Zeit keine Chance mehr. Das nützen die modernen Atheisten aus. Sie haben z.B. vor drei Jahren von Berlin ausgehend einen Werbebus gestartet, auf dem in großen Lettern geschrieben stand: ES GIBT KEINEN GOTT. Gläubige Menschen sollten so verunsichert und in ihrer Gottesvorstellung lächerlich gemacht werden.

Diese atheistische Kampagne hatte allerdings auch seinen besonderen Reiz. Diesem Omnibus folgte nämlich auf den Fersen ein anderer – gechartert von den Freien Christengemeinden in Deutschland. Und der trug die Aufschrift: UND WENN ES IHN DOCH GIBT!

Man könnte schmunzeln über so viel Streit über die uralte Frage, die die Menschen doch nicht locker lässt, auch wenn sie kämpferisch für die Gottlosigkeit werben. Wären sie ihrer Sache wirklich sicher, dann bräuchten sie keinen solchen Aufwand treiben und das Thema Gott einfach den Dummen und Ewiggestrigen überlassen.

Aber es bleibt eben wahr, dass wir Menschen von der Frage nach Gott nicht loskommen. Darauf hat schon der Apostel Paulus in seiner berühmten Rede in Athen aufmerksam gemacht. Gott, so sagt er, „ist keinem von uns fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17, 28).

Wenn ein Fisch fragen könnte, ob es Wasser gibt, würde man ihm antworten können: Wieso fragst Du? Du schwimmst doch darin. Du kannst doch ohne Wasser gar nicht leben.

Dass wir am Leben sind, ist auch schon ein Beweis dafür, dass wir von Gott ins Dasein gerufen wurden, dass wir – wie wir bekennen – seine Geschöpfe sind.

Und dieser Gott ist keine abgeschottete Macht, der wir willkürlich ausgeliefert sind – wie eine Marionette in der Hand eines Puppenspielers. Er ist  ein Freund des Lebens. Und Leben ist immer Beziehung und Gemeinschaft mit anderem Leben.

In unserer persönlichen Lebensgeschichte müssen wir nachlesen, um diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Dazu hatte Mose aufgerufen: „Forsche einmal in früheren Zeiten nach, forsche nach von einem Ende des Himmels bis zum anderen. Gibt es nicht viele Zeichen und Wunder, die auf einen Schöpfer der Welt und des Menschen hinweisen, auf einen, der nicht bei sich geblieben ist, sondern die Menschen angesprochen hat?“ (5 Mos 4,32)

Mose hatte doch diese rätselhaften Erlebnisse in der Wüste und auf dem Berg Sinai – mitten aus dem Feuer und im Donner hatte er die Stimme Gottes vernommen und sich einen Reim darauf gemacht. Deshalb gilt bis heute: „Du sollst erkennen und dir zu Herzen nehmen: Jahwe ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten.“ (5 Mos 4,39)

Nun könnte man solche Einsichten auf sich bewenden lassen und zur Tagesordnung übergehen. Denn die Frage, welchen Wert eine solche archaische Erkenntnis für das praktische Leben heute hat, ist damit noch nicht beantwortet.

Ändert sich etwas in meinem Selbstwert, wenn ich einem atheistischen Welt- und Menschenbild zustimme oder an einen Gott glaube, der mit mir in Beziehung leben will?

Paulus behauptet: ja. Im Römerbrief sagt er den suchenden und fragenden Stadtmenschen eine Neuigkeit zu, die ihre Selbsteinschätzung radikal verändert. Die in Rom üblichen religiösen Kulte waren ein Versuch, sich den vielen Göttern gegenüber annehmbar zu machen. Mit Göttern kann man nicht spaßen. Sie sind unberechenbar. Der Mensch ist ihnen hilflos ausgeliefert.

Paulus hingegen verkündet einen berechenbaren Gott, der das Gesicht eines liebenden Vaters trägt und in Jesus von Nazareth menschenfreundlich unter den Menschen war. Wie in einer guten Familie die Kinder geschwisterlich miteinander umgehen, weil sie sich als Töchter und Söhne ihrer Eltern erleben, so sind wir durch den Geist Gottes wie Kinder angenommen und in eine unverdiente Nähe zu Gott gekommen.

Das hat Jesus Christus, der Sohn Gottes, bewirkt: dass wir mit ihm Söhne und Töchter Gottes sind – und nicht nur so heißen. Die Gottesanrede Jesu mit dem hebräischen Kosenamen Abba – in unsere Kindersprache übersetzt heißt das „Papa“ – ist revolutionär. Kein Irdischer konnte sich bisher eine so vertraute Anrede leisten. Im Gegenteil, man musste die Götter fürchten und vor ihrer Größe und Macht erschrecken.

Wer wir sind und was wir voneinander zu halten haben, das entscheidet sich an der Frage, wer Gott ist und ob es Gott gibt. Am heutigen Festtag der Heiligsten Dreifaltigkeit dürfen wir Jesus glauben, dass er uns nicht angelogen hat, sondern sein göttliches Geheimnis allen offenbart, die ihm vertrauen.

Von sich selber sagt er am Ende seiner irdischen Lebenszeit: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Und das sollt ihr nicht vergessen und verschweigen. Alle Menschen sollen diese frohe Botschaft hören. Sie gipfelt in der Zusage: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

Auch wenn der Glaube in unserer Gesellschaft bedrohlich schwindet und für viele Zeitgenossen ein christlicher Lebensstil uninteressant geworden ist, können wir mit Paulus daran festhalten: Ja, Gott ist da. In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir. Wir sind von seiner Art (vgl. Apg 17). Das glauben und bekennen wir am Dreifaltigkeitsfest – und das ist unsere Lebensgrundlage.

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