Goldkörner

Predigt am 10. Sonntag im Jahreskreis – 10. Juni 2012
Lesungen: Gen 3,9-15 / 2 Kor 4,13-5,1 / Mk 3,12-35
Alle liturgischen Texte (hier)

Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Wer sich um ein besseres Verständnis der Hl. Schriften bemüht, gleicht manchmal einem Goldwäscher. Lange und geduldig muss er die Schüssel mit dem aus dem Fluss geschöpften Sand drehen und schütteln, bis sich ein paar winzige Goldkörnchen herausfischen lassen.

Mir ging es bei den heutigen Lesungen so ähnlich. Da ist so viel Text aus uralten Zeiten, aus einer ganz anderen Welt und Gesellschaft. Vieles verstehen wir einfach nicht mehr. Nur ganz selten blitzen dann zeitlos gültige Sätze auf. Wer sie findet und aufbewahrt, gleicht einem glücklichen Goldwäscher. Ganz abgesehen davon, dass er damit auch einen bescheidenen Reichtum erwerben kann. Die Freude über das kleine gefundene Goldkörnchen aber überwiegt.

Welche Goldkörner glaube ich, gefunden zu haben? Ich möchte sie ihnen heute zeigen:

In der ersten Lesung wird ein uraltes Verhaltensmuster aufgedeckt: die Verschiebung der Schuld auf den Anderen.  Adam wird von Gott gestellt und schämt sich seines Versagens. Dieser Peinlichkeit entledigt er sich ganz einfach: Eva war es. Sie hat mich dazu verleitet, vom Baum des Lebens zu essen. Und Eva handelt nach dem gleichen Muster. Eigentlich war es die Schlange, nicht ich. Schuldverschiebung ist bis heute eine beliebte Form, sich reinzuwaschen.

Man hat fast den Eindruck, dass sich der Schöpfergott gar nicht weiter um dieses Spiel der Menschen kümmert. Ihm geht es vielmehr darum, dass der Mensch nicht verloren geht. Und da finde ich das erste Goldkorn: die Fachleute nennen die letzten Sätze aus dieser Lesung das sog. „Protoevangelium“. Es ist – damals schon – eine Frohbotschaft zu hören: im Kampf wird das Gute siegen. Die Schlange – das Symbol des Bösen – wird besiegt werden. Für das gute Ende, für den guten Ausgang des Weltendramas steht die Frau, die der Schlange den Kopf zertritt. Die Kirche hat in dieser Frau immer Maria gesehen, die den Retter der Welt zur Welt gebracht hat. Das Goldkorn leuchtet: Gott rettet – das ist sein Name, Jesus heißt er, der Sohn Gottes, geboren aus der Frau.

Das zweite Goldkorn finde ich in der Lesung aus dem Korintherbrief: es gibt keinen besseren Trost angesichts der todverfallenen Welt als das Hoffnungswort des Paulus: „Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschhand errichtetes ewiges Haus im Himmel“.  Ich denke jetzt an den derzeitigen Bauboom. Es ist nachgewiesen, dass zu keiner Zeit so viele Menschen nach einem eigenen Haus, einem eigenen Heim strebten wie jetzt. Nachdenklich bin ich schon oft an alten Bauernhäusern vorbeigegangen, auf denen in großen Lettern sog. Hausinschriften zu lesen sind. Einer fällt mir gerade ein. Er ist die Beglaubigung der paulinischen Sicht:

Dies Haus ist mein und doch nicht mein
.
Nach mir kommt wieder ein anderer hinein
.
Ist nicht sein und auch nicht mein
.
Im Himmel soll unsere Wohnung sein
.


Nicht ohne Betroffenheit lesen wir dann im Evangelium des Markus, wie sich schon sehr früh, schon im 3. Kapitel, die Lage um Jesus zuspitzt.

Es hat ein Kampf begonnen zwischen den Schadensgeistern und Jesus, der aus dem Heiligen und heilenden Geist redet und handelt. Jesus muss sich gegen Missverständnisse wehren. Man glaubt, dass er wie viele andere Zauberer damals nur der Handlanger eines anderen bösen Geistes ist. Nach damaliger Auffassung tobt auch ein Kampf der Götter und Geister untereinander. Wer ist der mächtigere, der größere, der wahre Gott?

Die Menschen damals kannten nicht das moderne Problem, das uns heute umtreibt. Ihre Frage lautete nicht: gibt es einen Gott?, sondern, welcher Gott ist der wahre Gott?

Wir quälen uns heute mit der Frage, ob es Gott gibt oder nicht. Wer auf das Wirken Jesu schaut, den kann diese Frage nicht mehr beunruhigen. Die Vollmacht, mit der Jesus Dämonen austreibt, d.h. die geplagten Menschen zu neuem Leben verhilft, konnten alle Menschen damals sehen. Weil das so ungewöhnlich und neu war, geriet Jesus selbst bei seinen engsten Verwandten ins Zwielicht. Vielleicht ist er selbst von Sinnen!?

Am Ende dieser dramatischen Schilderungen aber mündet alles in eine ruhige und beruhigende Gewissheit: das Neue ist die Versöhnung von Himmel und Erde. Es gelten nicht mehr die Vor- und Nachteile der Blutsverwandtschaft. Die Menschen, die mir nahestehen, stehen mir deshalb nahe, weil sie mir von Gott her zu Brüdern und Schwestern geworden sind. Wer sich im Einflussbereich Gottes aufhält, wer also – biblisch gesprochen – seinen Willen tut – wird ein anderer. Er darf sich Bruder, Schwester und Mutter nennen, gehört von nun an zu Gott, der alles in allem ist.

In ihm allein sind wir geborgen und gerettet. Alles, was sich im Lauf der Geschichte ereignet, ist nur ein Schauspiel zu unserer Belehrung. Wir sind eingeladen, größer zu denken von uns und unserem Leben, als wir es uns normalerweise zutrauen. Denn – wie Paulus sagt – „Ist Gott für uns, wer kann dann gegen uns sein?“

Das wichtige, wenn auch kleine Goldkorn, ist die Hoffnung, dass unser Gott in allem die Hand im Spiel hat und nicht nur das, sondern, dass er das ganze Spiel auch in der Hand hat.

 

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