Sehnsucht und Sucht

Die verschlungenen Pfade der Abhängigkeit

Es gibt eine Kunst, abhängig zu sein – und es gibt eine Krankheit, abhängig zu sein. Abhängigkeit ist zunächst eine Verhältnisbestimmung von zwei Personen oder von einer Person zu einer Sache. Der förderliche Wert oder der zerstörerische Unwert einer Abhängigkeit bestimmt sich durch die Personen und durch die Sachen und nicht zuletzt durch die Intensität (Dosis). Wer von einem Nahrungsmittel abhängig ist, schadet bei unkontroliertem Gebrauch seiner Gesundheit. Alkoholabhängigkeit z.B. kann zu Persönlichkeitsveränderungen führen. Im schlimmsten Fall ist sie Selbstmord auf Raten. Suchtambulanzen bieten in der Dramaturgie einer Suchtkarriere erste Hilfen an. Fachkliniken halten spezifisch zugeschnittene Therapien bereit.

Vor dem Hintergrund eines möglichen Zusammenhangs zwischen Sehnsucht und Sucht kann die Frage nach der grundsätzlichen Abhängigkeit des Menschen nicht übergangen werden. Totale Unabhängigkeit und Autonomie gibt es nicht. Menschen sind zwar nicht immer aufeinander angewiesen, wohl aber aufeinander verwiesen. Wie sehr die „Abhängigkeit“ von einem DU in das Lebensgefühl eingreift, hat der amerikanischer Psychoanalytiker und Buchautor Yalom in seinem ‚Roman „Die rote Couch) beschrieben: „Es gibt nichts Schlimmeres, als ein unbeachtetes Leben zu leben. Wieder und wieder habe ich den außergewöhnlichen Durst meiner Patienten nach Aufmerksamkeit bemerkt. Trauerpatienten z.B. fielen in tiefste Verzweiflung, weil sie ihr Publikum verloren hatten. Ihr Leben wurde nicht mehr beobachtet, nicht mehr beachtet, es sei denn, sie waren glückliche Anhänger einer Gottheit, die genug Muße hatte, um jeden einzelnen ihrer Schritte genauestens zu verfolgen“. (Irvin D. Yalom, Die rote Couch)

Läßt sich nun die seelische Bauform Abhängigkeit für eine Balance zwischen Sehnsucht und Sucht nutzen? Kann die Sehnsucht des Menschen in heilsame Bahnen geklenkt und damit vor der Sucht bewahrt werden?

Eine Antwort auf diese Fragen hat Folgen. Sind die Möglichkeiten der Selbsterwirklichung und Autonomie gering und ist alles, was sich im Leben eines Menschen abspielt, schließlich doch nur Ausfluß eines blinden Schicksals, dann bleibt nichts anderes übrig, als sich – wie bei den moslemischen Glaubensbrüdern verbreitet – vor den Ereignissen zu kapitulieren: inschallah, „so Gott will“! Gibt es aber doch einen Spielraum, eine „gestaltbare Freiheitszone“, dann läßt sich auch eine Sucht als „verirrten Sehnsucht“ begreifen und heilen.

Aus religiöser Sicht ist der Mensch Abbild Gottes und hat damit Anteil an seiner göttlichen Vernunft und Freiheit. Er ist zwar nicht Eigentümer der Vernunft und Freiheit, aber Teilhaber. Mit dieser Gabe ausgestattet kann er auch eigenständig („unabhängig“) gegenüber Gott auftreten. Er muß es sogar, wenn er das Evangelium wirklich ernst nehmen will: „Ihr seid nicht mehr Sklaven..“ (vgl. Lev 26,13). „Zur Freiheit hat euch Christus befreit“ (vgl. Gal 5,1). Die grundsätzliche Abhängigkeit wird hier als gestaltbar proklamiert, als eine hohe Kunst und zu erlernende Aufgabe.

In der Praxis muß vor allem das infantile Gottesbild verabschiedet werden. Dieser Schritt ist schwer, weil man einem Menschen sein Gottesbild nicht einfach wegnehmen kann. Dagegen wehrt er sich mit Händen und Füßen. (Deshalb sind auch Kirchenreformen so langatmig. Denn jede Reform der Kirche verändert auch das Gottesbild). Es kann dem Menschen nichts Schlimmeres widerfahren, als daß man ihm sein Liebstes, sein Heiligstes in Frage stellt. Und doch führt kein Weg an der „Zerstörung des Tempels“ vorbei, wie wir aus der Geschichte der Väter unseres Glaubens wissen.

Was ist damit gemeint? – Der Prophet Ezechiel hatte eine eindrucksvolle Vision. Er sah aus dem Tempel in Jerusalem nach vier Seiten Wasser strömen. Das Wasser befruchtete die Wüste Araba und entsalzte das Tote Meer. Der Tempel „verflüssigte“ sich gleichsam, um dem Leben zu Land und zu Wasser wieder eine Chance zu geben. So ähnlich müssen sich manchmal Gottesbilder „verflüssigen“ – wenn nicht sogar „über-flüssig“ werden, damit neues Leben aufkeimen kann (vgl. Ez. 47,1-12).

Man wird die symbiotischen Sehnsüchte und Phantasien eines Süchtigen nicht gewaltsam auflösen können, aber eine Entwöhnung vom „Gott der Verwöhnung“ ist unabdingbar. Dieser Wandel des Gottesbildes ist in vielen biblischen Erzählungen nachzulesen. Jahwe, der Gott der Wüste, ersetzt Baal, den Gott der Oase. In der Oase lernt man Baal kennen, den Gott der Verwöhnung. Hunger und Durst und damit die fundamentale Sehnsucht nach Sättigung, findet ein vorläufiges Ende in der Oase. Der Mensch möchte deshalb gern in der Oase sitzen bleiben. Das aber bedeutet tödliche Unterbrechung der Lebensreise. Jahwe ist hingegen der Gott der Wüste: er führt sein Volk weg und hindurch: weg von den Fleischtöpfen und Verwöhnungen Ägyptens und späterer Oasen – und hindurch durchs Rote Meer und die Krisentage von Hunger und Durst. Mitten im Elend der Einöde offenbart er sich dann als der mitziehende Gott, der den Menschen zumutet, sich von ihren selbstgemachten Göttern loszubinden, um in der neu gewonnenen Freiheit – im Sinaibund – freiwillige Selbstbindung zu wagen.

Es geht darum, den Menschen mündig und autonom zu machen, ihn von falschen Abhängigkeiten und Süchten zu lösen und ihm zu vermitteln, daß es keine Schande, sondern eine Kunst ist, der Ur-sehnsucht nach Abhängigkeit Raum zu geben, aber dabei Qualität und Art dieser Abhängigkeit in Freiheit zu gestalten.

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