Dem Wirken Gottes auf die Spur kommen

Predigt am 11. Sonntag im Jahreskreis – 17. Juni 2012
Lesungen: Ez 17,22-24 – 2 Kor 5,6-10 – Mk 4,26-34
Alle liturgischen Texte (hier)

Hier können Sie die Predigt auch hören.

Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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 Sechs Jahr lang war sie die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Erstmals führte eine Frau den Dachverband. In ihm sind rund hundert jüdische Gemeinden mit etwa 110.000 Mitgliedern zusammengeschlossen. Die jetzt 80jährige Charlotte Knobloch legte großen Wert auf den Dialog mit den christlichen Kirchen. Als geborene Münchnerin wurde sie während der Nazizeit von einer ehemaligen katholischen Hausangestellten ihres Onkels auf einem fränkischen Bauernhof versteckt und hat so den Holocaust überlebt. In einem Interview der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ antwortete Charlotte Knobloch auf die Frage: „Was sagt mir Gott“? „Für mich ist Gott die unveränderliche Kraft, die unser Leben von der Geburt bis zum Tod und darüber hinaus bestimmt. ER hat in der Vergangenheit gewirkt, wirkt in der Gegenwart und wird sein Wirken auch in der Zukunft in jeder Generation zeigen“.

Dieses Glaubensbekenntnis eines Menschen, dessen Volk im Laufe der Geschichte immer wieder bis an der Rand der totalen Vernichtung kam, muss uns Christen aufhorchen lassen. Wir können ihm vorbehaltlos zustimmen. Denn in den Lesungen am heutigen Sonntag wird diese Wahrheit ebenfalls beglaubigt. Gott ist die nie versiegende Lebenskraft. Er erhält alles im Dasein und bringt alles immer wieder und immer neu zum Blühen. Auch in Zeiten scheinbarer Ausweglosigkeit, am Ende aller menschlichen Vorstellungen und Erwartungen keimt Hoffnung auf, wenn man nur Augen und Ohren offen hält für das, was in unserer Geschichte, in unserer Umgebung und in uns selber geschieht.

Der Prophet Ezechiel bestaunt den Erfolg einer Neubepflanzung im kahlen Bergland Israels. Gott erscheint in dieses Schilderung wie ein Gärtner, der die Planzungen liebevoll betreut und staunend beobachtet, wie alles langsam aber sicher wächst und aufblüht. Am Ende bewundert er den prächtigen großen Zedernbaum, der Schatten spendet und den Vögeln des Himmels Wohnstatt bietet. Ezechiel geht sogar so weit, den Bäumen auf den Feldern Erkenntnis Gottes zuzuschreiben. Der Natur selbst wird damit die Rolle des Zeugen zugeschrieben, die eigentlich dem Menschen als Vernunft begabtem Wesen zustünde.

Hat nicht Jesus selbst bei seinem Einzug in Jerusalem behauptet, dass selbst die Steine Gottes Lob singen werden, wenn es die Menschen nicht tun. „Wenn die Menschen schweigen, werden die Steine reden“ (vgl. Lk 19), ruft er den protestierenden Pharisäern zu. Ihnen war der Jubel der Jünger peinlich. Sie misstrauten dem Wanderprediger aus Galiläa.

Gott ist ein Gott des Lebens und zwar des erfahrbaren Lebens. Freilich wird diese Erfahrung nicht nach unseren Wünschen und nach dem Prinzip „Tischlein deck dich“ funktionieren. Immer geht es um einen langen Prozess. Man braucht Geduld wie bei allen Wachstumsprozessen. Auch das hat Jesus als aufmerksamer Naturbetrachter als Bild für die Lebenskraft des Reiches Gottes benutzt. Der Bauer sät den Samen auf den Acker. Dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und es wird Tag. Der Same keimt und wächst, und der Mann weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde ihre Frucht hervor. Im Griechischen steht da das Wort „automatisch“ – also ganz ohne unser Zutun. Das ist eine Anfrage an unseren Glauben.

Unser gewöhnliches Denken und Empfinden binden wir an die Alltagserfahrung. Und die sagt uns: Man muss etwas tun, damit etwas geschieht. Wenn man nichts tut, geschieht nichts. Das stimmt, aber nur zum Teil. Es gibt für aufmerksame und gläubige Menschen auch die andere Erfahrung, dass sich Dinge ereignen, die wir nie für möglich gehalten hätten. Wir sprechen dann manchmal vom Zufall. Da löst sich ein Problem über Nacht wie von selbst – ohne unser Zutun. Da zeigen sich Lösungen in schier ausweglosen Lagen. Da wird ein Mensch doch wieder gesund, obwohl die Ärzte schon aufgegeben haben. Solche Erfahrungen können uns ermutigen, noch weiter zu gehen und dem Wort des Gottesboten an Maria wirklich zu trauen. „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“.

Manchmal machen wir Zwischenbilanz in unserem Leben. Wir erlauben uns auch Urteile über das, was in Kirche und Gesellschaft derzeit geschieht – und wir meinen, wir hätten schon die ganze Wahrheit begriffen. Vor solcher Anmaßung kann man nur warnen. Noch ist alles offen. Immer noch stehen wir in einem Prozess von Veränderung und Verwandlung und von allem. Immer ist Gott am Werk, wie Charlotte Knobloch bezeugt hat: „Er hat in der Vergangenheit gewirkt, wirkt in der Gegenwart und wird sein Wirken auch in der Zukunft in jeder Generation zeigen.“ Wir müssen nur lernen, seinem Wirken auf die Spur zu kommen. Das ist manchmal mühsam, weil Gott sich nicht so einfach in die Karten schauen lässt. Er mutet uns zu, auf ihn zu hoffen und auf ihn unser ganzes Vertrauen zu setzen. Dieses Vertrauen in seine Vorsehung und in sein heilsames Wirken in der Welt, in der Kirche und in den Lebensgeschichten eines jeden von uns, sollten wir heute wieder erneuern. „Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut“, singen wir in einem Kirchenlied.

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