Geboren werden – neu anfangen

Predigt am Fest der Geburt des Hl. Johannes des Täufers – 24. Juni 2012
Lesungen: Jes 49,1-6 – Apg 13.16.22-26 – Lk 1,57-66.80
Alle liturgischen Texte (hier)

Hier können Sie die Predigt auch anhören.

Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Es war bei einem Taufgespräch. Obwohl die jungen Eltern keine besonders eifrigen Kirchgänger waren, wollten sie doch ihre erstes Kind taufen lassen. Die Geburt war nicht ohne Komplikationen und die Sorge der Eltern um ihr Kind war zu spüren. „Was wird wohl aus diesem Kind werden?“

Diese bange Frage ist so alt wie die Menschheit. Als der kleine Johannes zur Welt kam, redete man im Freundeskreis der Eltern Zacharias und Elisabeth auch so. Die Umstände seiner Geburt – wie sie der Evangelist Lukas schildert – waren Anlass genug.

Ungewöhnlich war dann auch das Leben des Johannes. Er hat wohl sehr früh bemerkt, dass das offizielle religiöse Leben in Jerusalem nur noch eine leer Hülse war. Der Tempelgottesdienst lief wie gewohnt weiter. Man hatte sich mit der Besatzungsmacht der Römer arrangiert. Schließlich gab es im Tempel nicht nur religiöse Feiern, Wallfahrten und Opfer; der Tempel war auch so etwas wie eine Bank. Es gab eine eigene Währung. Deshalb hatten sich ja auch Geldwechsler angesiedelt, die ihrerseits gute Geschäfte machen konnten. Religiöser Kult war überwuchert von materiellen Interessen – und die religiöse Oberschicht richtete sich ganz gut ein. Wie es den armen und einfachen Leuten dabei erging, kümmerte sie wenig. Hauptsache der religiöse Betrieb lief ungestört und reibungslos weiter.

Warum das für Johannes den Täufer eines Tages zu viel war, wissen wir nicht. Der Prophet Jesaja und später auch der Apostel Paulus haben dafür ihre je eigene Erklärung. Hinter allem steht der Gott Israels, der über das Volk wacht, wie es im Buch Esra heißt. „Ich bin der Herr und sonst niemand“, schreibt Jesaja. Man könnte also – menschlich gesprochen – sagen, dass dieses Treiben Gott selbst zuwider ist. „Was soll ich mit euren vielen Schlachtopfern?, spricht der Herr. Die Widder, die ihr als Opfer verbrennt, und das Fett eurer Rinder habe ich satt; das Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke ist mir zuwider“, lässt Gott ausrichten. Und, wenn die Zeit gekommen ist, greift er ein – nicht direkt, sondern durch Menschen seiner Wahl. Johannes war einer von denen, die durch den unbegreiflichen Ratschluss Gottes – schon im Mutterleib berufen – zum Prediger und Mahner der Umkehr wurde. So kennen wir ihn – am Jordan – wie er zu den einfachen Leuten redet und die religiösen Eliten kritisiert.

Ihm geht es um eine Umkehr des Herzens. Sein Anliegen ist es, dass Gott wieder in die Mitte von allem gestellt wird. Dass ihm der Platz eingeräumt wird, der ihm gebührt.

Wer sich so eindeutig positioniert, gerät in Konflikt mit den Machthabern. Denn diese sehen ihren Einfluss schwinden. Sie müssten ins zweite Glied zurücktreten. Und das tut niemand gern.

Dass prophetische Menschen auch missverstanden werden, muss uns nicht wundern. Johannes der Täufer wurde gefährlich – nicht nur für König Herodes, den er wegen seines Lebenswandels öffentlich kritisierte. Auch für die religiösen Eliten. Gleichzeitig haben seine Anhänger ihn zu Unrecht erhoben, sodass er abwehren musste: „Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet. Aber seht, nach mir kommt einer, dem die Sandalen von den Füßen zu lösen ich nicht wert bin“.

Dem Paulus erging es ähnlich. Nach der Heilung eines Gelähmten in Lystra im Süden der heutigen Türkei kam ein heidnischer Priester zu ihm und schrie: „Die Götter sind in Menschengestalt zu uns herabgestiegen“ (Apg 14,11) Er rief die Volksmenge dazu auf, dem Paulus und seinen Begleiter Barnabas zu opfern. Energisch wehrt Paulus ab: „Männer, was tut ihr? Auch wir sind nur Menschen, von gleicher Art wie ihr: wir bringen euch das Evangelium, damit ihr euch von den nichtigen Götzen zu dem lebendigen Gott bekehrt, der den Himmel, die Erde und das Meer geschaffen hat und alles, was dazugehört…,. Er tat Gutes, gab euch vom Himmel her Regen und fruchtbare Zeiten. Mit Nahrung und mit Freude erfüllte er euer Herz.“ (Apg 14,15-17).

Was also nottut, ist eine Umkehr des Herzens, ist der Vorrang Gottes vor allem und jedem. Es geht darum, Gott Gott sein zu lassen und den Menschen Mensch sein zu lassen. Bekehrung und Umkehr – dieser durch alle Bücher der Hl. Schrift durchgehaltene Appell – hat nur diesen einen Inhalt, den Menschen davon abzuhalten, dass er aus eigenem Streben heraus wie Gott sein möchte und dabei seinen Schöpfer und Herrn vergisst.

Deshalb ist der Höhepunkt der Predigt des Johannes ja nicht die Bekräftigung seiner Rede, sondern der Hinweis auf einen ganz anderen, den von Gott gesandten Retter und Messias Jesus Christus.

Er zeigt auf Jesus mit dem rätselhaften Wort: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. … Ich sah, dass der Geist herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht, aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen, und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes“ (Joh 1,30 ff).

Es gibt nur zwei Heilige, deren Geburtstag gefeiert wird: Maria und Johannes. Von allen anderen feiern wir den Gedenktag ihres Todes. Die alte Frage: was wird aus diesem Kind werden, wird erst beantwortet, wenn der Tag der zweiten Geburt ansteht – der Übergang von diesem Leben in das neue Leben bei Gott nach dem Durchschreiten der Todeszone.

Dann wissen wir, wer einer war und welchen Auftrag von Gott her einer zu erfüllen hatte. „Du Kind wirst Prophet des Höchsten heißen … du wirst das Volk mit der Erfahrung des Heils beschenken in der Vergebung der Sünden“; diese Vision des Vater des Johannes, Zacharias, ist in Erfüllung gegangen. „Allen, die in Finsternis sitzen und Todesschatten, wird er die Schritte lenken auf den Weg des Friedens.“

Das ist das Evangelium, die frohe und befreiende Botschaft, eine Antwort auf die bange Frage: „Was wird … werden?“ Wer dieser Botschaft glaubt und Gott wieder in die Mitte seines Lebens stellt, lebt zuversichtlich, gelassen und froh.

 

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