Die letzte Wegstrecke ist steil und schwer

Anna Schäffer und die Hospizbewegung

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Anna Schäffer war lange Zeit nur in bestimmten Kreisen des Kirchenvolkes bekannt; ihre Seligsprechung Anfang März 1999 hat aber einiges daran verändert. Mehr noch wird das nach ihrer Heiligsprechung am 21. Oktober 2012 der Fall sein. Als geduldig Leidende und Ausharrende bis zuletzt wurde sie ein Zeichen für einen neuen Umgang mit Leiden, Sterben und Tod.

Zwar geht der Trend in eine andere, bereits lang anhaltende Richtung. Viele Menschen haben nämlich in den Nachkriegsjahren etwas verlernt: das Hinschauen auf Leiden und Tod. Dafür gibt es Gründe. In den schlimmen Jahren des 2. Weltkrieges war das vielfältige Leid allgegenwärtig. Nach so viel Elend wollte man sich entschieden den neuen aufkeimenden Lebensmöglichkeiten zuwenden. Wirtschaftlicher Aufschwung unter dem allgegenwärtigen Motto: „Meine Kinder sollen es besser haben als ich“, gab die Richtung an, in der sich die Menschen in der Bundesrepublik bewegten. Für das Dunkle im Leben gab es bald keinen Platz mehr. Leben wurde gleichgesetzt mit Er-leben, mit Spaß und Wohlbefinden. Eine Wellness-Kultur entstand in den letzten Jahren. Schon haben sich Krankenhäuser in Gesundheitszentren umbenannt. Die Krankenkassen geben die Richtung an. Sie nennen sich lieber Gesundheitskassen. Und die offizielle Berufsbezeichnung von Schwestern und Pflegern heißt jetzt: Gesundheits- und Krankenpfleger/in. Unangenehm und störend bleibt die Tatsache, daß wir krank werden, leiden und sterben müssen.

Einrichtungen, in denen Leiden und Tod vorkommt: die Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser, Palliativstationen, Hospize und – nicht zu vergessen – die vielen unbenannten Wohnungen, möchten wir lieber gar nicht in den Blick nehmen. Solange wir gesund sind, machen wir lieber verschämt einen Bogen um solche Orte. Wir verdrängen immer noch die Stationen und Situationen von Leiden, Sterben und Tod – und sind doch täglich damit konfrontiert.

So findet sich eine eigenartige Mischung von Verdrängen und Neugier in unserer Gesellschaft, wenn es um Leiden, Sterben und Tod geht. Wir gehen mit diesen Themen um, in dem wir sie umgehen. Auch deshalb setzen wir die besten Kräfte und alle Mittel ein, um den Tod zu verhindern und Leiden zu lindern. Die finanziellen Verteilungskämpfe werden auf keinem Sektor so hart ausgefochten wie auf dem Sektor des Gesundheitswesens. Niemand möchte leiden. Niemand möchte einem Mitmenschen Leiden wünschen. Die Hightech-Medizin hat es zu erstaunlichen Leistungen gebracht. Am Beispiel der Organtransplantation, der präimplantativen und pränatalen Diagnostik und der Schmerztherapie wird öffentlich demonstriert, wieviel Terrain der Mensch dem Einflußbereich des Todes bereits abgerungen hat. Manche sprechen schon von einem Unsterblichkeitswahn, dem der Mensch zu verfallen droht.

Und die andere Seite? Neue Krankheiten haben uns gedemütigt und zwingen uns, wieder hinzuschauen auf Leiden, Sterben und Tod. Dieses Hinschauen wird auch in einer Bürgerbewegung erkennbar, begründet von einer großen Frau in London, Cecile Sanders. Sie findet immer noch großen Anklang. Viele Ehrenamtliche bieten ihre Dienste an. Unter dem Namen Hospizbewegung ist sie aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Basierend auf einer segensreichen Praxis des Mittelalters, auf den beschwerlichen Pilgerwegen Raststätten (lat. hospitium) einzurichten, um den Müden, den Kranken und auch entkräftet Sterbenden nahe zu sein, wurde das Ziel, bis zuletzt menschenwürdig leben zu können, zum Leitmotiv dieser Bewegung. Gegen den Trend, beschwerliches Leben möglichst unauffällig zu beenden (die Vorschläge reichen von Beihilfe zum Selbstmord bis zur aktiven Tötung auf Verlangen) setzt die Hospizbewegung entschieden auf die alte Weisheit, daß die Nähe eines liebevollen Begleiters fähig macht, auch dunkle Passagen des Lebens durchzustehen.

Von Anna Schäffer wissen wir, daß sie nicht allein war. Was heute ehrenamtliche Hospizbegleiterinnen und -begleiter übernehmen, haben damals ihre Nachbarn auf ihre Weise getan: einen Menschen durch menschliche Nähe ein Leben bis zuletzt zu ermöglichen – in einer je eigenen, manchmal sehr persönlichen und rätselhaften Würde, die kein Außenstehender verstehen wird.

Für Anna Schäffer war es noch ein anderes Hinschauen, das ihr geholfen hat, auszuhalten: das Hinschauen auf den leidenden Christus. Kraft für den langen, steilen und beschwerlichen Weg schöpfte sie in dem Gedanken der Sühne und des Opfers. Der vom Kreuz herabschauende Christus hatte ihr wohl zugeraunt: „Schau her, ich stecke in Deiner Haut!“

Wir müssen einräumen, daß solche Motive dem heutigen Menschen nur noch schwer zugänglich sind. Heißt das nun, Anna Schäffer wird für die Vergangenheit heilig gesprochen und kann kein Zeichen mehr sein für unsere Zeit? Das heißt es gerade nicht. Denn in einem wichtigen Punkt decken sich die Erfahrungen der Frau mit denen aus der Hospizarbeit: die Einstellung zu allen Ereignissen bestimmt den Grad ihrer Bedeutung für den Menschen. Friedrich Nietzsche hat es mit anderen Worten so gesagt: „Wer ein Warum kennt, erträgt jedes Wie“.

In der Hospizbewegung ist das „Warum“ die hohe Achtung vor der Würde der Person, abgeleitet vom christlichen Menschenbild, unabhängig von seinem Alter, seiner Hautfarbe und seinem Gesundheitszustand. Krankheit wertet den Menschen nicht ab, sondern fordert die Fähigkeit zum Beistand heraus. Leben bis zuletzt ist das zentrale Motiv für das Aushalten beim Sterbenden, auch in schweren Stunden. Nie würde ein Hospizbegleiter den Gedanken zulassen, man müsse beim Sterben „nachhelfen“, um den Schwerkranken und Leidenden zu „erlösen“. Aktive Sterbehilfe ist kein Thema für die Hospizbewegung.

Anna Schäffers Begleiterinnen dachten und handelten zu ihrer Zeit genauso, auch wenn ihnen die Nähe zum leidenden Christus noch viel selbstverständlicher war als den Christen unserer Tage. Die Heilige ist ein Beispiel dafür, wie man die letzte steile und beschwerliche Wegstrecke des Lebens zuversichtlich und hoffnungsvoll – und in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten durchschreiten kann.

In Hospizkreisen spricht man von einer merkwürdigen Erfahrung: wer die Angst und Scheu überwindet, in der Nähe der Leidenden Sterbenden und auch eines Verstorbenen zu verweilen, verändert mit der Zeit seine Einstellung zu dieser menschlichen Realität. Das Leben ändert sich in dem Maße, in dem das Sterben „Teil des Lebens“ wird.

Anna Schäffer könnte ein Beispiel dafür sein, Leiden, Sterben und Tod wieder mutiger in den Blick zu nehmen und andererseits aus den Erfahrungen der Hospizbewegung lernen: auch hier kommt man zwangsläufig zu der alles entscheidenden Frage, „wohin die Reise geht“. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit den alten Menschheitsfragen nach dem Jenseits kommt unmerklich auf die Tagesordnung. Und was könnte uns in unserer so haltlosen und orientierungslosen Zeit Besseres passieren als das?

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