25 Jahre Krisendienst HORIZONT

Grußwort des ehemaligen Leiters der Telefonseelsorge

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Sehr geehrte Damen und Herren!

„Wer es nicht schafft, das Leben zu nehmen (so wie es ist), – kann in einer Krise so weit kommen, dass er sich das Leben nimmt“.

Suizide hat es immer gegeben. Nach Angaben der WHO sterben jährlich eine Million Menschen durch Suizid. Es gab auch immer den Versuch, diesem rätselhaften Geschehen entgegenzuwirken.

1953 schaltete der Vikar Chad Varah in einer Londoner Zeitungen folgendes Inserat: „Bevor du dich umbringst, ruf mich an!“ Das Echo war gewaltig. Es führte zur Gründung der „samaritans“, einer Gemeinschaft Ehrenamtlicher, die sich dem portugisischen Sprichwort verpflichtet fühlte: „Jeder Mensch braucht ein Ohr, in das er hineinjammern kann“.

Die Idee, sich über das Telefon Hilfe zu holen, breitete sich über den ganzen Kontinent aus. 1956 wurde die Telefonseelsorge in Deutschland gegründet, 1966 in Österreich. Die Telefonseelsorge war eine der ersten Formen der Krisenintervention, auch in Regensburg. Ein bis heute gültiger Appell an Suizidgefährdete war: „Beende Dein Schweigen und nicht Dein Leben!“

Damit berühren wir auch die Wurzeln des Krisendienstes Horizont, an die ich in meinem Grußwort kurz erinnern möchte.

Ich war von 1983 – 1989 Leiter der Ökumenischen Telefonseelsorge Regensburg und damals auch Sprecher des AK „Suizid“ innerhalb der PSAG. In diesem Fachkreis haben wir die Entwicklung beobachtet und über Möglichkeiten der Hilfe für Suizidgefährdete diskutiert. Als 1985 die Zahl der Suizide innerhalb des Einzugsgebietes der PSAG Regensburg (ca. 200.000 Bewohner) drastisch anstieg – es waren damals über 120 – schrillten bei uns die Alarmglocken.

Aus anderen deutschen Städten war uns schon zu Ohren gekommen, dass es neue Kriseninterventionszentren gab. Unsere Idee, eine vergleichbare Stelle in Regensburg einzurichten, wurde in der AG der Freien und Öffentlichen Wohlfahrtspflege und von den Verantwortlichen in den Kirchen zunächst mit dem Hinweis kommentiert: wir bräuchten so etwas nicht. Wir hätten ja die Telefonseelsorge. Damals wurden ca. 4 Prozent der Anrufer als suizidgefährdet erkannt.

Als aber über die Medien die hohe Zahl auch in der Öffentlichkeit bekannt wurde, reagierte der damalige Sprecher der AG der freien und öffentlichen Wohlfahrtspflege Prälat Walter Siegert und lud mich zu einem Vortrag in die AG ein. Meine Argumente fanden Gehör. In der TS galt ein Grundsatz: solange ich einen Suizidgefährdeten in der Telefonleitung halten kann, kann ich ihn auch am Leben halten. Was aber geschieht, wenn der Anrufer, die Anruferin plötzlich einhängt? Die TS lebt von einer Komm-Struktur. Die Mitarbeiter bleiben anonym, sie rücken nicht aus wie die Polizei oder die Feuerwehr.

Bräuchten wir nicht auch so etwas wie eine Geh-Struktur? Es hatte sich auch die Auffassung durchgesetzt, dass die beste Prävention der konkrete Mensch sei, der sich in der Nähe eines Suizidgeährdeten unaufdringlich aufhält.

Die AG nahm sich des Anliegens an und beauftragte eine Arbeitgruppe unter Leitung des damaligen Leiteres des Städtischen Jugendamtes, Herrn Müßig,  ein Konzept für eine neue psychosoziale Einrichtung auszuarbeiten. Die PSAG war daran maßgeblich beteiligt. Das Sozialministerium genehmigte nach langem Ringen das Konzept. Die Caritas und die Diakonie übernahmen die Trägerschaft und so konnte vor 25 Jahren die Arbeit als Pilotprojekt mit einer vorläufigen Finanzierung beginnen.

Die Erfahrungen – in den Jahresberichten nachzulesen – gaben dem Vorhaben recht. Neben einer telefonischen Rufbereitschaft, die anfangs auch noch in Verknüpfung mit der TS geschaltet war, wurde auch ein ehrenamtlicher Kreis aufgebaut und fortlaufend geschult. Er steht bereit, nach einem ersten Telefonkontakt zu dem Betroffenen zu gehen und vor Ort Krisenhilfe anzubieten.

Nach nunmehr 25 Jahren schaue ich dankbar zurück auf die geleistete Arbeit und freue mich, dass unsere damalige Geburtshilfe eine Erfolgsgeschichte wurde. Einige der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ersten Stunde sind auch hier – und wir danken für die Einladung. In den Gesprächen werden wir unsere Erinnerungen austauschen – und denen gratulieren, die jetzt diesen wichtigen Dienst leisten.

Klaus Stock
Pfarrer i.R.

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