Gottes Wort in Menschenwort – Gottes Nähe in Menschengestalt

Predigt am 14.  Sonntag im Jahreskreis – 08. Juli 2012
Lesungen: Ez 1,28b-2,5 / 2 Kor 12,7-10 /  Mt 6,1-6a
Alle liturgischen Texte (hier)

Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Sonntag für Sonntag versammeln wir uns in der Kirche, um Gott die Ehre zu geben, auf sein Wort zu hören und dadurch auch Sinn und Orientierung für unser Leben zu gewinnen. Was uns in den heutigen Lesungen gesagt wird, läßt sich in zwei knappen Sätzen zusammenfassen:

  1. Gott bleibt nicht bei sich, abgesondert in seiner eigenen Welt ohne Interesse an seiner Schöpfung und an uns Menschen, sondern: er geht auf den Menschen zu und redet sie an.
  2. Die Art und Weise, wie er auf uns zugeht, behält er sich vor. Er wählt auch einen – manchmal Ärgernis erregenden – Weg über unsere Mitmenschen.

Ich will versuchen, dafür Verständnis zu wecken.

Gott bleibt nicht bei sich, sondern spricht den Menschen an. Diesen Satz könnte man als Überschrift für die ganze Hl. Schrift  wählen. Adam ist der erste, der von Gott angeredet wird, so wie wir eine Gespräch mit einem lieben Menschen beginnen und ihn fragen: Wie geht es Dir? Wo stehst Du gerade in deinem Leben, wie geht es dir heute? „Adam, wo bist du?“, fragt Gott den ersten Menschen. Und der Mensch soll sich mit dieser Frage auseinandersetzen und antworten.

Im Hebräerbrief lesen wir: „Oft und auf vielerlei Weise hat Gott zu den Vätern gesprochen durch die Propheten, in der Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn“.

Wir stellen uns Gott manchmal so vor wie die Menschen im Alten Testament: Er thront im Himmel, erhaben über alles Irdische, weit weg von unserem täglichen Kleinkram. Vielleicht schaut er auch etwas mitleidig auf uns herab. Aber eine wirkliche Beziehung oder gar Begegnung mit uns Menschen liegt ihm fern. Gott da oben – wir Menschen da unten. Ob ihn unsere Gebete überhaupt erreichen?, so zweifeln wir. Die Skeptiker fragen,  ob das, was wir von Gott zu wissen glauben, auch wirklich stimmt oder doch nur unseren Wünschen und Phantasien entspricht? „Was ist der Mensch, daß Du an ihn denkst“ , heißt es leicht resignativ in einem Gebet, dem Psalm 8.

Vielen Menschen ist diese Stimmungslage vertraut. Sie sagen mir dann: „Du einfältiger Mensch! Was denkst Du eigentlich von Gott! Bilde Dir doch nicht ein, daß er – falls es ihn wirklich gibt – irgendetwas mit Dir zu tun hat. Gott ist doch viel zu groß, als daß dein Leben unter sieben Milliarden Menschen auf dieser Welt für ihn eine Rolle spielt. Wie kannst Du glauben, daß diese kurze Erdenzeit von gerade mal 70-80 Jahren in irgendeinem Verhältnis steht zur Ewigkeit Gottes? Sei also bescheiden und laß Gott Gott sein. Du aber kümmere Dich um dein kleines Menschenleben.“

Wer so redet, hat die ganze Hl. Schrift noch nicht verstanden.

Nehmen wir das Beispiel der ersten Lesung. Da wird das Schicksal eines armen Menschleins, Ezechiel mit Namen, erzählt. Eines Tages wird er fortgerissen aus seinen Tagträumen und schaut ein gewaltiges Gesicht. Eine Gottesoffenbarung wird ihm zuteil. Im ersten Kapitel seines Buches kann man es nachlesen. Dann folgt ein Auftrag an ihn – diesen Abschnitt haben wir heute gehört. Ezechiel hört die Stimme Gottes. Er merkt, wie ein stärkender Geist in seine Glieder fährt und wie er sich aufrichten und auf seine eigenen Füße stellen kann. Von jetzt an wird er nicht mehr in eigener Sache, sondern im Auftrag Gottes zu den Menschen reden.

Er soll ihnen die Maske vom Gesicht reißen und ihnen sagen, wie sie wirklich sind – nämlich „Söhne mit frechem Gesicht und verhärtetem Herzen“, „gottvergessene und abtrünnige Söhne Israels“. Durch den unbedeutenden Menschen Ezechiel will Gott zu den Menschen reden. – Das ist ärgerlich!

Einer von uns, einer, der auch nicht besser ist, als wir, redet auf einmal so, als ob er gar nicht mehr zu uns gehörte, sondern als ob er Gott für sich gepachtet hätte und uns deshalb Vorhaltungen machen könne.

Wie die Sache ausgeht? Prophetenschicksale sind bekannt: immer stoßen sie auf Ablehnung und werden als unbequeme Störenfriede aus dem Weg geräumt.

Das gleiche Schicksal erleidet der ntl. Prophet, Jesus von Nazareth. Er predigt in der Synagoge seiner Vaterstadt. Und die Leute wollen es nicht wahrhaben, daß er authentisch von Gott redet. „Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria und sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder?“ (Mt 13,50)

Man nimmt Anstoß an ihm – ein erstes Zeichen der wachsenden Ablehnung, die ihren Höhepunkt in seiner Verurteilung vor dem Hohen Rat in Jerusalem finden und mit seiner Kreuzung enden wird.

Der Kern des Ärgernisses ist auch hier, daß Gott selbst, den wir als unendlich hoch und erhaben über uns und unendlich weit weg von uns wähnen, in Person und Gestalt eines „Mit-menschen“ auftritt.

Wir mißtrauen einem solchen Ereignis. Es passt nicht in unser Gottesbild, daß Gott so menschlich ist, daß er uns so hautnah kommen will, ja, daß er selbst Mensch wird in Jesus Christus – und sich dadurch allen nur denkbaren Mißverständnissen ausliefert.

Der Streit um Jesus Christus geht weiter: ist er nur ein bloßer Mensch? Ist er nur Gott, umhüllt zwar mit einem menschlichen Leib wie unsereiner sich einhüllt in ein Kleid, oder ist er nur ein kluger Religionsstifter?

Gottes zugewandtes Antlitz ist uns in Jesus Christus aufgestrahlt. In einem Menschenantlitz hat Gott auf uns geschaut. Mit menschlichen Worten hat er zu uns gesprochen – und spricht auch heute noch so zu uns, begegnet uns auch heute noch so. „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, sagt Jesus.

Das kann nicht ohne Mißverständnisse und Ärgernisse gehen. Denn klein und schwach ist der Mensch, auch wenn ihn eine große Berufung trifft, sodass er  im Namen Gottes prophetisch reden muß.

Vor kurzem wurde eine kleine Gruppe Neupriester geweiht und in den Dienst in der Kirche von Regensburg gestellt. Wir hoffen und beten, daß sie einen guten Weg gehen und im Reden und Tun etwas ausstrahlen vom geheimnisvollen Gott.

Es liegt nicht nur an den Beauftragten und Gesandten, sondern auch an denen, die ihre – manchmal hilflosen – Worte hören. Es liegt auch an uns, ob uns ein heilendes und aufrichtendes Wort erreicht.

Im Lärm der Tage darf es nicht untergehen, im Trubel der Tätigkeiten nicht zertreten werden. Zu unserer Mahnung wurde es gesagt – durch den Propheten Ezechiel: denn auch wir können ein freches Gesicht bekommen und ein verhärtetes Herz. Achten wir deshalb gut auf uns und geben wir unserem Gott eine Chance, mitten unter uns zu sein und zu wirken.

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