Erbe und Auftrag der Christen

Predigt am 15. Sonntag im Jahreskreis – 15. Juli 2012
Lesungen: Am 7,12-15 – Eph 1,3-10 – Mk 6,7-13
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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 „Die Zwölf machten sich auf den Weg, riefen zur Umkehr auf, trieben Dämonen aus, salbten Kranke und heilten sie.“ Mit diesen Worten beschreibt der Evangelist Markus, wie die Jünger Jesu versuchten, dem Beispiel Jesu zu folgen. Es war das unverwechselbare Programm – gültig für alle Christen bis heute: umkehren zum Leben, Gutes tun und gegen die Leiden aller Art ankämpfen. Damals waren die Apostel gemeint – und in der Folge dann alle, die ein Amt in der Kirche übernehmen: Priester und Ordensleute z.B. Aber war nicht auch jeder Christ gemeint? Paulus schreibt doch an die Epheser an alle Christen, dass sie: „mit allem Segen seines Geistes gesegnet (sind), reich beschenkt mit aller Weisheit und Einsicht?“

Lassen wir die Frage zunächst offen und schauen wir die drei Programmpunkte an, die im Auftrag Jesu enthalten sind.

Am Anfang steht ein Aufbruch, das Weggehen von liebgewonnenen Gewohnheiten. „Sie machten sich auf den Weg“, heißt es. Warum? Hätten sie nicht in ihrer Heimat am See Genesareth auch von der Liebe Gottes erzählen können? Warum sollten sie weggehen und unterwegs bleiben? Weil das Leben immer in Bewegung ist. Erstarrung ist Tod. Nur Bewegung ist Leben. Das Unterwegssein ist ein Symbol für lebendiges Leben. Das muss nicht immer heißen, seine Heimat zu verlassen und irgendwohin auszuwandern. Aber wir haben in der frühen Kirche eine lange Tradition sog. Wanderprediger. Und bis heute gehen Missionare in fremde Länder oder kommen neuerdings von fremden Ländern in unser Land.

Abraham wird Vater des Glaubens genannt, weil er aufgebrochen ist und seine Heimat verlassen hatte. Ein Leben lang blieb er als Suchender unterwegs. Seit dem 2. Vatikanischen Konzil versteht sich die Kirche auch als pilgerndes Gottesvolk: d.h. sie ist unterwegs – mit einer Verheißung.

Gemeint ist auch eine innere Beweglichkeit. Diese Welt ist noch nicht vollendet, sie bewegt sich als Ganzes auf die Vollendung zu. Das Reich Gottes, sein Friede und seine Gerechtigkeit stehen noch aus. Wir müssen innerlich darauf zugehen und können nicht einfach tatenlos sitzen bleiben. Die Welt ist kein Wartesaal, in dem man sich gemütlich einrichtet und wartet, bis irgendwann einmal ein Zug kommt und uns in ein besseres Neuland mitnimmt.

Das Zweite ist eine Umkehr. Wie sollen wir das verstehen? Wer unterwegs ist, kann sich verirren und auf Abwege geraten. Er verfehlt dann sein Ziel. Deshalb ist Umkehr angesagt; Korrekturen im Lebensstil sind unvermeidlich. Manchmal muss man sogar weit zurückgehen, um einen falschen Weg zu verlassen. Von Franziskus und Klara wird eine schöne Geschichte erzählt. Sie wollten sich treffen, aber ein Fluss trennte sie voneinander. So gingen sie am rechten und linken Ufern entlang, um eine Brücke zu finden. Da war aber keine. Wie konnten sie zusammenkommen? Nur, indem sie bis zur Quelle des Flusses zurückgingen. Dort trafen sie aufeinander.

Wenn Gott uns manchmal in unüberbrückbarer Distanz erscheint und wir nicht wissen, wie wir ihm begegnen können, müssen wir vielleicht zurückgehen bis an den Anfang unserer Geschichte mit Gott, bis zur Quelle. Wir müssen die Erinnerungen wachrufen, die mit Gott zu tun haben. „Lerne aus den Tagen der Vorzeit“, hatte Mose schon seinen Leuten empfohlen.

Der dritte Punkt ist ein Appell, heilend zu wirken. Auf keinem Gebiet wird so viel diskutiert, wie im Gesundheitswesen. Die Chancen, aber auch die Grenzen und Gefahren des medizinischen Fortschritts machen Angst. Immer mehr Menschen setzen sich deshalb mit alternativen Heilweisen auseinander.

Der Mensch ist kein Apparat, den man wie eine Maschine reparieren könnte. Er braucht Hilfe und Heil an Leib und Seele. Zur Zeit Jesu sprach man noch unbefangen von Dämonen, die es zu vertreiben gilt. Darin spiegelte sich die Erfahrung, dass Menschen oft auf unerklärliche Weise zu Schaden kommen. Da braucht es mehr als nur eine perfekte Hochleistungsmedizin. Zu viele Psychopharmaka würden derzeit verschrieben, so der neueste Gesundheitsbericht einer großen Krankenkasse in Deutschland. Heilung ist ein komplexes Geschehen. Die Krankensalbung, das bestätigen die Krankenhausseelsorger, ist kein magisches Zaubermittel, aber sie bewirkt erkennbar Entlastung, Ruhe und inneren Frieden, wesentliche Voraussetzungen für die Genesung.

Wir sind den Mächten dieser Weltzeit nicht hilflos ausgeliefert, weil wir, wie in der Lesung zu hören war, die Erlösung schon haben, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade. Reich sind wir beschenkt und mit der Kraft Gottes ausgestattet. Nichts mehr kann unserer Seele schaden, nichts mehr uns trennen von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus für uns da ist.  Zwar müssen wir immer noch durch manches Leid hindurch gehen – wie durch einen dunklen Tunnel. Aber am Ende dieses Tunnels ist Licht.

Das ist kein frommer Wunsch, sondern Wirklichkeit des Glaubens. „Ihr habt, so sagt Paulus, das Siegel des Heiligen Geistes empfangen, als ihr den Glauben annahmt. Der Geist ist der erste Anteil des Erbes, das wir erhalten sollen.“

Als Christen können wir mitten in der Welt wie gesunde Zellen wirken, die das kranke Gewebe anstecken und zur Heilung beitragen.

Lesung und Evangelium des heutigen Sonntags waren nicht grundlos in einer bestimmten Reihenfolge zu hören: zuerst wurde uns in der Lesung zugesagt, was wir von Gott empfangen haben: Seine Lebensfülle und Lebenskraft im Hl. Geist. Dann wurden wir im Evangelium eingeladen, diese Begabungen nicht brach liegen zu lassen, sondern sie im Dienst an den Menschen einzusetzen. In der ersten Lesung hörten wir, wie der Bauer Amos freimütig bekennt: ich bin kein Prophet. Aber der Herr hat zu mir gesagt: Geh und rede zu meinem Volk!  Gottes rettendes und heilendes Wirken wird durch unsere  Schwachheit nicht behindert. Darauf können wir – wie Amos – vertrauen.


 

 

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