Leben und Brot für alle

Predigt am 17. Sonntag im Jahreskreis – 29. Juli 2012
Lesungen: Lesungen: 2 Kön 4,42-44 – Eph 4,1-6 – Joh 6,1-15
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Von März bis Dezember gibt es in diesem Jahr 22 Flohmarkttermine in Regensburg. Ich kenne aber nur einen ständig geöffneten in der Heiliggeistgasse. Gelegentlich komme ich da vorbei, um mit dem sympathischen älteren Herrn zu reden.

Es gibt nichts, was man bei ihm nicht finden könnte. Neuerdings, so sagte er mir, häufen sich auch Elektro- und Computergeräte, Handys und allerlei technischer Hausrat. Die Leute bringen die noch funktionierenden Geräte lieber bei ihm vorbei, als sie im Recyclinghof einfach zu entsorgen.

Flohmärkte sind ein Beweis dafür, daß wir in einer Zeit des Warenüberschusses leben. Viel mehr als wir tatsächlich brauchen, wird heute auf den Markt geworfen und aggresiv beworben: „Jetzt kaufen, bevor es zu spät ist!“, lautet ein verführerischer Werbespruch! Man kauft und kauft – oft nur zur kurzfristigen Verwendung – und die Flohmärkte quellen über. Wir leben im Überfluß – und dennoch wird niemand behaupten, dass wir dabei so recht glücklich sind.

Auch drückt uns manchmal das Gewissen, wenn wir auf die große Not in der Dritten Welt blicken. Wir ahnen, daß ein ausgestattetes Leben noch lange kein erfülltes Leben ist. Mit unserer unstillbaren Sehnsucht nach mehr bewahrheiten wir täglich das Wort der Hl. Schrift, daß der Mensch nicht vom Brot allein leben kann, daß sein Herz nach der Sättigung mit irdischen Gütern immer noch ungestillt bleibt und nach anderen Gütern Ausschau hält.

Angesichts dieser Erfahrung ist es interessant zu lesen, was die Hl. Schrift empfiehlt.

Im zweiten Buch der Könige besteht der Gottesmann Elischa gegenüber seinem Diener darauf, er solle den Leuten Brot zu essen geben, obwohl dieser einwendet, für hundert Leute reiche sein Vorrat nicht aus. „Man wird essen – und noch übriglassen“, fügt Elischa hinzu! Das ist schon ein mutiges Wort. Woher nimmt Elischa diese Zuversicht? Vielleicht aus der Einsicht, daß Lebensfülle und Sättigung nicht allein aus materiellem Reichtum kommen, sondern oft – geradezu umgekehrt – aus Armut und Leere. Dort, wo einer aus dem Wenigen, das er hat, großzügig etwas verschenkt, wächst ihm sozusagen unter der Hand Überfluß zu –  freilich nicht vorrangig materieller Überfluß, sondern innerer, seelischer Reichtum, Friede und Freude.

In der zweiten Lesung wird im übertragenen Sinn etwas Ähnliches gesagt: man kann das Zusammenleben nicht nach dem Prinzip „Wie du mir, so ich Dir“ regeln. Da braucht es schon einen Überschuß an zuvorkommender Liebe. Das meint wohl Paulus mit seiner Ermahnung, einander zu ertragen. Wenn ich jemanden ertrage, liebe ich ihn mehr, als er (nach gewöhnlicher Auffassung) „verdient“ hat. Das Prinzip der gegenseitigen Verrechnung taugt nicht zur Gestaltung des Zusammenlebens. Der Liebe ist es eigen, immer ein wenig über das Maß hinauszugehen, mehr zu geben als nur das Geschuldete. Und das ist oft ein Ertragen, ein Überschuß an Großherzigkeit.

Im Evangelium hörten wir die bekannte Geschichte von der Brotvermehrung. Auch hier kommt Überfluß aus der Armut, aus dem Wenigen, das großzügig verschenkt wird. Was sind fünf Brote und zwei Fische, die gerade mal von einem Kind zur Verfügung gestellt werden? Im Jüngerkreis zweifelt man zu Recht: was ist das für so viele?

Doch Jesus dankt für die bescheidene Gabe. Für ihn ist es wichtig, daß einer – wenn auch zweifelnd – sein bißchen Habe nicht krampfhaft festhält, sondern bereit ist zu teilen. Das Herz und die Gesinnung ist ihm wichtiger, als materieller Reichtum.

In Regensburg liegt das größte Ordenskrankenhaus Deutschland, das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Der Gründer des Hospitalordens, Johannes von Gott, hatte einen Wahlspruch für sich und seine Gesinnungsfreunde: DAS HERZ BEFEHLE!

Aus den Lesungen des heutigen Sonntags lassen sich drei Gedanken mitnehmen:

  1. Vor allem werden wir lernen, einander das Leben gönnen. Ich werde mich darüber freuen, daß außer meinem Leben auch noch anderes Leben mit mir da ist. So selbstverständlich ist das nicht mehr. Weil wir einander das Leben nicht gönnen, wachsen Neid, Eifersucht und Streit. Was der andere hat, muss ich auch haben – und schon bin ich im Teufelskreis des Habens, eine Sklave der Konsumgesellschaft.
  2. Zweitens müssen wir – einer dem anderen – das Leben auch bereichern, indem wir das Hergeben lernen und nach dem Motto „Weniger ist mehr“ leben.
  3. Und drittens müssen wir barmherzig einander ertragen.

Dies alles gelingt nur in einer neuen Einstellung zum Leben und seinen Gütern.

In einer zeitgemäßen Übersetzung der zehn Gebote kommt dieser Einstellungswandel schön zum Ausdruck. Da heißt der Kommentar zum Sabbatgebot „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst den Sabbat heiligen“ folgendermaßen:

„Du brauchst dich nicht zu Tode hetzen. Weder durch pausenloses Arbeiten, weder durch Sorgen, die du dir machst, noch durch Angst, du könntest etwas versäumen. Das alles bringt Dich nur in eine heillose Verkrampfung und nimmt dir alle Lebensfreude. Halte dich an mich, so spricht Gott – und dein Leben wird Erfüllung finden – für dich und für deine Mitmenschen.

Am Sonntag darfst Du die christliche Stopptaste drücken und Dich an den erinnern, der dein Leben in seinen guten Händen hält. Das heißt glauben. Und wer glaubt, wird sich wundern: Armut schwindet dahin – und Reichtum ist nicht mehr belastend. Alle haben teil am Leben und seinen Nahrungsquellen. Man wird essen – und noch übrig lassen.

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