Das Ziel erreicht man mit dem letzten Schritt

Predigt am 19. Sonntag im Jahreskreis -12. August 2012
Lesungen: 1 Kön 19,4-8 – Eph 4,30-5,3 – Joh 6,41-51
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Ein freundlicher Kirchgänger sagte mir zu Beginn der Sommerferien: „In der Ferienzeit gibt es keine Predigt“. Er meinte es gut mit mir – und vielleicht auch mit sich selbst. Denn so groß ist der geistliche Ertrag nach einer normalen Sonntagspredigt nun auch wieder nicht.  Ich habe mich aber an den Rat des Mitchristen nicht gebunden gefühlt, eher schon an den Auftrag Jesu, das Wort Gottes zu Gehör zu bringen. Dass das nicht immer einfach ist, wissen alle Kirchgänger. Es sei denn, man schafft es, die Worte der Hl. Schrift mit dem konkreten Leben zu verbinden. Biblische Texte können nur dann bedeutsam werden, wenn sie mich in meinen eigenen Lebensfragen erreichen.

In der Lesung heute ist das so. Wir begegnen dem Propheten Elija. Er durchleidet eine allen bekannt Not: die Not, verkannt und mißverstanden zu werden, die Not der Resignation und des Aufgebenswollens. Was war geschehen? Er hatte sich für den Glauben seines Volkes stark gemacht und gegen den heidnischen Baals-Kult angepredigt. Dass auch im Königshaus die Sympathie für den Götzendienst vorhanden war, wußte er. Die Königin Isebel stammte aus Phönizien, dem heutigen Libanon und war Angehörige des Baal-Kults. Ihr Mann Ahab galt als gottlos.

Elija hatte auf dem Berg Karmel ein Gottesgericht inszeniert. Die Baalspriester aus dem ganzen Land waren versammelt und sollten durch ihr Gebet Feuer vom Himmel auf das vorbereitete Tieropfer rufen Aber es geschah nichts – trotz aufwändiger Gebete und Zeremonien. Als aber Elija zum Gott JAHWE rief, kam Feuer vom Himmel und verzehrte das Opfer mitsamt dem Opferaltar. Auf  Veranlassung Elijas hat man gleich alle Baalspriester umgebracht, die fremde Religion sozusagen im Keim erstickt. Für unser heutiges Empfinden war das eine Überreakton. Aber damals herrschten andere Verhältnisse.

Von diesen Ereignissen erfuhr Isebel und schwor Rache. Elija erfährt von den Mordplänen der Königin gegen ihn und fällt in eine tiefe Resignation. Hatte er sich nicht in einem gewagten Verfahren öffentlich für den wahren Gott eingesetzt? Hatte er nicht alles für JAHWE getan? Und jetzt? Jetzt lässt ihn dieser Gott offenbar fallen. Es geht um sein Leben. Elija hat Angst und flieht in die Wüste, dem damals beliebten Versteck für alle Verfolgten. Er will nicht mehr leben. Er wünscht sich den Tod. Heute würde man sagen: Elija ist selbstmordgefährdet. „Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben. Ich bin nicht besser als meine Väter.“

Kennen Sie das? Man hat alles getan, man hat sich nach bestem Wissen und Gewissen für eine gute Sache eingesetzt – und dann wird einem alles aus der Hand geschlagen. Man wird sogar verdächtigt, etwas Falsches getan zu haben. Ausbleibende Anerkennung ist bedrohlich, weil es die Seele kränkt. Wenn alles anders läuft, als man es sich vorgestellt hat, kann man sich nur noch in den Schmollwinkel zurückziehen und resignieren. Wir verstehen Elija gut, weil wir ähnliche, wenn auch nicht ganz so dramatische, Kränkungen erfahren haben.

Was geschieht nun mit Elija? Im Erschöpfungsschlaf erfährt er auf unerklärliche Weise eine Zufuhr an Kräften. Ein Engel bietet Wasser und Brot und ermutigt ihn, zu essen und zu trinken. Die Seelenlähmung weicht einem neuen Lebensmut.

Was geschieht in ähnlichen Lagen bei uns? Auch wir erleben manchmal unverhofft – mitten in Gram und Resignation – eine Wende. Vielleicht ist es nur das freundliche Wort eines Mitmenschen, vielleicht einfach nur ein Wetterumschwung, ein gesunder Schlaf, der kleine Erfolg im Alltag. Manchmal sagen wir sogar zu einem Menschen, der unerwartet Freude und Glück ins Haus bringt: „Du bist ein Engel. Dich hat Gott geschickt.“ Das alles können wir gut verstehen.

Entscheidend in der biblischen Erzählung aber ist der dritte Teil – die eigentliche Botschaft an uns: Elija macht sich auf und geht zum Gottesberg Horeb. Er geht nicht zurück an den Ort seines bisherigen Wirkens, sondern besucht den Gottesberg, jenen Ort, an dem schon Mose Gott begegnet ist, sozusagen an die Quelle des Lebens mit Gott. Hier ordnet er sein Leben neu. Es ist ein langer Weg: 40 Tage und 40 Nächte durch die Wüste. Elija kehrt symbolisch zu den Anfängen des Glaubens zurück, um seine Lebenserfahrungen in einen größeren Zusammenhang zu stellen, sich und sein Leben aus der Sicht Gottes zu begreifen.

Diese Etappe ist für uns von Bedeutung. Es ist zu kurz gegriffen, wenn man nach einer Niederlage oder Kränkung nur einfach wieder aufsteht, obwohl das schon eine große Leistung ist, sich nicht unterkriegen zu lassen. Aber solche Rehabilitation wäre auch ohne Gott möglich – durch Fitnesstraining, durch Therapie und Beratung. Als Christen sind wir eingeladen, eine tiefergreifende Revision anzustreben, zu den wahren Quellen des Lebens zurückzukehren. Das ist die Gründung in Gott, das ist der Gottesberg Horeb, der für jeden von uns einen anderen Namen hat.

Gott ist unser Fels, davon waren schon die Vorbeter im AT überzeugt. So läßt sich auch verstehen, was Jesus in seiner Rede in Kapharnaum meint: Brot ist gut für das irdische Leben – es erneuert unsere Kräfte. Aber Brot ist auch ein Symbol für eine überirdische Nahrung, die den ganzen Menschen kräftigt – an Leib und Seele. Himmlisches Brot ist himmlische Nahrung und stillt den Hunger nach endgültigem Leben. Wie Elija mit dem Brot gestärkt durch die Wüste unterwegs war, so ist auch unser Leben ein „Unterwegssein“ – oft genug durch einsame und verlassene Wüstengegenden bis zur Gottesbegegnung nach der Überschreitung der Todesgrenze. Wir nennen die hl. Eucharistie auch Wegzehrung, göttliche Speise auf dieser Pilgerreise.

Daran zu erinnern, ist kein Sonntag zu schade, auch nicht in den Sommerferien. Wir sind unterwegs – zum eigentlichen Ziel unsere Lebens, zu Gott. Und er selbst stärkt und nährt uns, damit wir in müden Zeiten nicht nachlassen. Immer gilt das Sprichwort: Das Ziel erreicht man – mit dem letzten Schritt. Alles andere ist nur Vorbebereitung.

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