Ein Gewinnspiel des Lebens

Predigt am Hochfest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel
Lesungen: 1 Kor 15,54-57 / Lk 11,27-28 /  Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
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Gewinnen und/oder Verlieren

Vor drei Tagen endeten in London die Olympischen Spiele. Sportbegeisterte saßen zwei Wochen lang vor dem Fernseher, um die spannenden Wettkämpfe zu verfolgen und die strahlenden Gesichter der Gewinner wie die enttäuschten Gesichter der Verlierer zu sehen.

Bei Wettkämpfen will jeder gewinnen. Verlieren ist nicht schön, obwohl die Teilnehmer immer auch damit rechnen müssen. Manchmal ist das Verlieren sogar ein notwendiger Umweg, um später ein anderes, noch besseres Ziel zu erreichen.

So ist das bei allen Spielen des Lebens. Das gilt auch im übertragenen Sinn: Verlieren ist nicht gleich Verlieren – Gewinnen nicht gleich Gewinnen. In einem bekannten Abschiedslied heißt es in der dritte Strophe: „Das Leben ist ein Spiel. Und wer es recht zu spielen weiß, gelangt ans große Ziel“.

Das Leben – ein Spiel? Man kann das sagen – und am Hochfest der Gottesmutter Maria werden wir darüber nachdenken, welche Bedeutung das Verlieren im Spiel des Lebens hat. Ob uns nicht in Maria ein Mensch begegnet, der in den Augen der Welt  zwar eine Verliererin, in Wirklichkeit aber die große Gewinnerin war?!

Maria, eine Verliererin?

Maria war ein jüdisches Mädchen wie jedes andere auch. Sie lebte in dem Dorf Nazareth im unbedeutenden Landstrich Galiläa. Was war das schon gegenüber dem Zentrum Jerusalem, wo sich die  Gelehrten und Erfolgreichen – und auch die Führungsschicht der Frommen ansiedelten. Jedes Jahr pilgerte man zum Tempel, dem Nationalheiligtum der Juden.

Die Evangelisten berichten über Maria wenig: die rätselhaften Vorgänge der Verkündigung in Nazareth, die Geburt Jesu in Bethlehem, die Flucht nach Ägypten, Marias vermittelnder Auftritt bei der Hochzeit zu Kana, ihr Versuch  zusammen mit den Verwandten, Jesus zubewegen, in den Schoß der Familie zurückzukehren – vergeblich, weil Jesus die Blutsverwandtschaft im Vergleich zu einer „Verwandtschaft im Hl. Geist“  geringer bewertete:  „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ sagt er (Mk 3,35).

Die Bilanz dieses Lebens ist also alles andere als eine Erfolgsgeschichte. – Im Gegenteil: Maria erscheint wie eine große Verliererin. Ihren Sohn, den sie schon als 12jährigen bei einer Wallfahrt nach Jerusalem vermisste und erst nach drei Tagen wieder fand, musste sie endgültig verlieren, als er am Kreuz starb.

Aber wir haben die Ereignisse um Ostern noch nicht bedacht. Maria blieb nach dem Tod Jesu im Kreis der Jünger und erlebte dort, wie diese plötzlich neuen Mut schöpften und unerschrocken Zeugnis ablegten von der Auferstehung Jesu und seiner aus Gott strömenden, alles überwindenden Kraft und Liebe. Der innerste Kern des am Kreuz erloschenen biologischen Lebens Jesu war ja nicht zerstört, sondern von Gott durchgehalten und in ihm geborgen. Die Auferstehung war das deutliche Zeichen dafür, das Jesus lebt! Maria, die ihren Sohn verlor, wusste ihn jetzt endgültig in der Herrlichkeit Gottes, im Lichtglanz göttlichen Lebens – als die stille Gewinnerin.

Maria, am Ende doch die Gewinnerin!

Diese unerwartete Wende im Leben Marias hat auch eine Bedeutung für uns:

1) es stimmt, was ein altes Sprichwort sagt: man sollte niemals den Tag vor dem Abend loben. Noch ist nicht aller Tage Abend und immer ist noch alles möglich. Ein Verlust kann immer auch ein Gewinn sein. Verlieren bedeutet noch lange nicht das Aus, sondern kann unerwartet ein Gewinn werden.

2) im Spiel unseres Lebens müssen wir uns nicht minderwertig fühlen, wenn uns die kleineren Rollen zufallen. Im Drängen und Kämpfen nach oben liegt oft eine Gefahr, die Gefahr des Stolzes und der Lieblosigkeit gegenüber den Zurückbleibenden, den Schwachen und Erfolglosen, die Gefahr, sich auf seinen Aufstieg etwas einzubilden, anstatt anzuerkennen, dass der eigentliche Sieg ein Werk Gottes ist. Im Grunde werden von den Christen nur zwei Haltungen erwartet: die Ehrfurcht vor Gott und seiner Schöpfung – und die Barmherzigkeit gegenüber allen Menschen, auch gegenüber sich selbst!

Maria hat eines der schönsten Gebete gesprochen, das „Magnifikat“. Darin klingt an, was auch für unser Leben gültig bleibt:

Gott ist es, der die Niedrigen (also die Verlierer) erhöht und der die Mächtigen (also die Gewinner) vom Thron stürzt. Er schaut auf die Niedrigkeit seiner Magd, er rettet die Armen und Gebeugten, er beschenkt die Hungernden mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen (vgl. Lk 1,46-53).

Das sind Bilder für eine rätselhafte, aber wirkmächtige Umwertung der Werte: dass das Schwache in Wirklichkeit das Starke ist, dass das Besiegte in Wirklichkeit den Sieg erringt.

Maria, die bescheidene Magd, ist Himmelskönigin geworden. Das hat der Herr an ihr getan. Sein Ratschluss war es. Und was an ihr geschah, soll auch an uns geschehen: auch wir sind – aus der Tiefe unseres Elends – herausgerufen zur Herrlichkeit der Kinder Gottes. Auch wir sollen, obwohl wir oft und oft Verlierer sind, das wahre, das ewige Leben gewinnen.  Eine frohe, eine österliche Botschaft ist das am Hochfest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel.

Maria, das große Hoffnungszeichen

Diesem Ratschluss Gottes dürfen wir uns anvertrauen und dankbar unser Herz erheben: Gott hat Großes an uns getan! Maria, die Mutter Gottes, hat er uns als Hoffnungszeichen vor Augen gestellt.

Es sollte nachdenklich stimmen, dass der bekannte Psychologe Carl Gustav Jung, selber kein bekennender Christ, wohl aber ein religiöser Mensch, nach der Verkündigung des Dogmas von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel im Jahre 1950 gesagt hat: dies sei eine hervorragende Antwort der Kirche auf die Erniedrigung und Entwürdigung des Leibes. Es waren ja gerade fünf Jahre nach dem verheerenden Weltkrieg vergangen, in dem menschliches Leben keinen Deut mehr wert war und einer unmenschlichen Ideologie nahezu 50 Millionen Menschen zum Opfer gefallen waren.

Wenn manche Christen heute Schwierigkeiten mit einigen Formen der Marienverehrung haben, ist das verständlich. Sie sollten behutsam sein, um nicht den Kern der Marienfrömmigkeit zu verlieren. Er lautet: Gott handelt an den Menschen gnädig. Er hat den menschlichen Leib zu großer Würde und Herrlichkeit bestimmt. Wenn wir uns der Fürbitte Mariens und der Güte Gottes anvertrauen, verlieren wir nichts, sondern gewinnen alles. Im täglichen Verlierenkönnen entdecken wir schließlich, dass wir alles gewonnen haben, wenn Gott den ersten Platz in unserm Leben bekommt. Er wird das Spiel unseres Lebens endlich doch zu einem Gewinnspiel machen.

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