Nicht von außen, sondern von innen …

Predigt am 22. Sonntag im Jahreskreis – 02. September 2012
Lesungen: Dtn 4,1-2.6-8 / Jak 1,17-18.21b-22.27 / Mk 7,1-8.14-15.21-23
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Ich sage nichts Neues: wir  können nur dann im Frieden miteinander leben, wenn sich jeder Einzelne  an festgelegte Regeln und Gesetze hält. Im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland werden in 146 Artikeln die Rechte und Pflichten der Bürger beschrieben. Das Zusammenleben wäre gefährdet, wenn sich die Menschen nicht an diese Grundordnung halten würden. Und der Staat würde eines Tages im Chaos auseinanderbrechen.

Freilich brauchen Grundgesetze auch Einzelvorschriften, die auf die konkreten Fragen des Lebens eine hilfreiche Antwort geben. Dafür verantwortlich ist in einem demokratischen Staatwesen das Parlament. Weil wir es normalerweise gar nicht wissen, erschrecken wir dann doch, wenn wir hören, wie viele Einzelvorschriften im Laufe der Jahre erlassen worden sind. Sie haben in Deutschland inzwischen ein ausuferndes Maß angenommen. So waren im Mai 2005 auf Bundesebene rund 2.100 Gesetze mit knapp 46.000 Einzelvorschriften und 3.140 Rechtsverordnungen mit fast 41.000 Einzelvorschriften in Kraft, und es kommen immer mehr neue Gesetze hinzu.

Da steht schon die Frage im Raum, worauf es denn wirklich ankommt, welche Regeln wichtig und welche weniger wichtig sind.

Was haben nun diese Hinweise mit unserem Glauben zu tun?

Weil es da auch ein Mindestmaß an Gesetzen gibt, die man einhalten soll, damit das Leben gelingt.

Mose war sozusagen der Autor eines Grundgesetzes für das Volk Israel. Es wird erzählt, dass ihm die wichtigsten Regeln in den Zehn Weisungen auf dem Berg Sinai geoffenbart wurden. Wir kennen sie als die zehn Gebote – eingeritzt auf steinernen Tafeln.

Weil das Volk Gottes aber in guten Zeiten schnell vergißt, worauf es ankommt, mußte Mose sie immer wieder daran erinnern. Eine solche Erinnerungsrede haben wir in der ersten Lesung gehört. Sie gipfelt in dem einfachen Satz: “Hört und ihr werden leben!” (Dtn 4,2). Mose mahnt auch, man solle nicht eigenmächtig etwas wegnehmen oder hinzufügen. Wer sich genau an diese Grundweisungen hält, darf sich als gebildet und weise verstehen. Und er erfährt, dass Gott ihm nahe ist, wo immer er ihn anruft. Diese Verheißung war sozusagen die Grundlage für das Volk Israel – und sie ist es auch heute noch – für das neue Volk Gottes, die Kirche.

Nun  wissen wir aus der Geschichte Israels, dass die Zehn Weisungen immer wieder neu ausgelegt und in zahlreichen Einzelvorschriften ausgeweitet wurden – so wie es auch im säkularen Staat geschieht. Zur Lebenszeit Jesu kannte man 613 genaue Anweisungen, die vor allem von den frommen und eifrigen Pharisäern peinlich genau eingehalten wurden. Das war eine religiöse Hochleistung. Als Belohnung winkte dem frommen Zeitgenossen Jesu gleichsam ein Tribünensitzplatz im Himmel.

Mit dieser Verknüpfung von menschlicher Leistung und Gnade Gottes war Jesus nicht einverstanden. Der Konflikt mit den eifrigen Pharisäern war programmiert. Denn Jesus drehte das um. Er sagte: Gott steht bedingungslos auf deiner Seite. Darum kannst du aus freien Stücken die Zuwendung und Liebe Gottes erwidern. Und du erwiderst diese Liebe, indem du dich auf die Seite deines Bruders stellst. Jesus will nicht neue, strengere Paragraphen hinzufügen, sondern er verweist auf den ursprünglichen, den eigentlichen Willen Gottes.

Sie merken vielleicht schon: Jesus vermittelt ein verändertes Gottesbild. Die Gotteserfahrung Jesu besagt: Gott ist ein barmherziger Vater, der das Heil des Menschen will. Jesus deckt das Elend der Leistungsmoral auf: Aus der exakten Erfüllung der Gesetzesvorschriften entsteht nämlich eine Haltung der Gesetzlichkeit, hinter der sich jemand verstecken kann. Hauptsache ich halte die Gebote ein. Alles andere darf ich mir dann schon erlauben. Jesus durchbricht diese Gesetzlichkeit, die in der Praxis dazu führt, dass man nur noch das tut, was vom Gesetz vorgeschrieben ist, keinen Deut mehr.

Diesem Legalismus setzt Jesus eine Spontaneität entgegen, die sich ihr Maß an der maßlosen Güte Gottes nimmt. Dafür steht sein Streitgespräch mit den Pharisäern im heutigen Evangelium. Man wirft den Jüngern Jesu vor, sie würden sich über die wichtigen Reinheitsvorschriften hinwegsetzen. Diese nennt aber Jesus „menschliche Satzungen“. Es sind keine göttlichen Gebote.

Wer gottgefällig leben will, muss sich fragen, woher er seine Lebensweisungen bezieht – von außen, aus Tradition und Brauchtum oder von innen – aus dem Herzen.

Denn das menschliche Herz ist entscheidend für die gute oder böse Tat. Das Herz ist der Ort der Entscheidung für oder gegen Gott. Jesus hat kein neues, verschärftes Gesetz aufgestellt. Er ermöglicht einen neuen Lebensstil, in dem nicht das Müssen und Sollen an erster Stelle stehen, sondern das Dürfen und Können.

Der Apostel Jakobus war ein Pragmatiker. In seinem Brief setzt er den neuen Lebensstil Jesu in praktische Ratschläge um, erinnert aber gleichzeitig an eine wichtige Botschaft: Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben – ergänze: sie  ist nicht eine Folge meiner moralischen Leistung, sondern unverdiente Gnade.

Deshalb solle man sich das Wort Jesu zu Herzen nehmen und danach handeln. Gottes Gesetze sind Handlungsanweisungen, keine bloß schönen Worte. Auf das Tun kommt es an, z.B. indem man für Waisen und Witwen sorgt, wenn sie in Not sind, meint Jakobus.

Gutes Leben ist unter den Augen Gottes und der Menschen nichts anderes, als der Dienst der Liebe.

 

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