Von großen Hoffnungen und kleinen Beiträgen

Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis – 09. September 2012
Lesungen: Jes 35,4-7 / Jak 2,1-5 / Mk 7,31-37
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Die Hl. Schriften, aus denen wir bei jedem Gottesdienst vorlesen, rühren den aufmerksamen Zuhörer auf zweifache Weise an. Sie haben einen tröstenden und aufbauenden, aber auch einen verstörenden und mahnenden Charakter.

Die Frohbotschaft, wie wir heute sagen – und manche grenzen dieses Wort auch bewusst von einer „Drohbotschaft“ ab – diese Frohbotschaft ist keine Wellnessverheißung für ein leidfreies und gemütlichen Leben, sondern eine kraftvolle Vision für ein gelingendes Leben unter den Bedingungen einer unheilen Welt.

Wir müssen uns nicht von den Verheißungen der Werbewelt verblenden lassen, als ob schon alles wunderbar herrlich und schön wird, sondern wir können den realistischen Blick der einfachen und weisen Leute bestätigen: Auf weite Strecken ist unser Leben auch Mühsal. Deshalb ist es wichtig – wie damals schon – Worte der Ermutigung zu hören und zu beherzigen.

So eröffnet der Prophet Jesaja seine Vision für die Zukunft mit einem Appell zum Mut: „Sagt den Verzagten. Habt Mut! Fürchtet euch nicht“ (Jes 35,4). Und dann kommen verheißungsvolle Bilder einer besseren Welt, die geradezu unglaublich klingen.

Körperliche Beschwerden und Grenzen werden eines Tages aufhören. Es wird keine Blinden und Lahmen, keine Tauben und Stummen mehr geben. Und im ausgetrockneten Wüstenland wird wieder reichlich Wasser fließen, so dass neues Leben für Mensch und Tier aufblühen kann.

Was soll man davon halten? Wir verstehen diese Verheißung nur im geschichtlichen Zusammenhang. Jesaja hatte einen konkreten Grund, warum er seinen Leuten Mut zusprechen wollte: das Volk war in babylonischer Gefangenschaft, am Ende seiner Möglichkeiten, rechtlos ausgeliefert seinen Eroberern. Es kam also auf das Durchhalten an – und wir wissen, dass sich das gelohnt hat. Israel durfte wieder zurück in seine Heimat und konnte von neuem beginnen. Die zerstörte Stadt Jerusalem und der Tempel konnten wieder aufgebaut werden.

Sollte so etwas nur ein einmaliges und unwiederholbares Ereignis bleiben? Die Geschichte der Menschheit sagt: Nein. So etwas kann sich wiederholen. Es ist keine Illusion zu glauben, dass wir aus depressiven Phasen, aus wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niederlagen wieder herauskommen.

Der Evangelist Markus hat das Leben und Wirken Jesu als erster niedergeschrieben. Seine Erinnerungen waren also noch ziemlich frisch. Und was ihm erzählt wurde, war wie eine Neuauflage der Verheißungen des Propheten: Jesus heilt einen Taubstummen. Und den Zeugen dieses Ereignisses verschlägt es die Sprache: Außer sich vor Staunen, so notiert Markus, sagten sie zueinander: Er hat alles gut gemacht (Mk 7,37).

Dieser Hinweis ist wichtig, weil hier der eigentlich Wirkende im Mittelpunkt steht: nicht wir sind die Retter und Hersteller einer besseren Welt, sondern Gott selbst. Wir haben – um ein Bild zu gebrauchen – nur einen einzigen Faden eines komplizierten Gewebes in der Hand. Das Ganze aber wird von einem ganz anderen gelenkt. Auf Gott also sollten wir vorrangig unsere Hoffnung setzen, was nicht bedeutet, dass wir untätig bleiben sollen. Wir werden unseren Beitrag für eine bessere Zukunft schon leisten müssen.

Ein schönes Beispiel dafür haben wir in der zweiten Lesung gehört. Jakobus schildert das neue Miteinander der Christen. Da geht es nicht mehr um Rang und Namen, um Titel und Leistungen, sondern vorrangig darum, frei zu werden vom Ansehen einer Person. Nicht die goldenen Ringe, die Goldmedaillen und Ehrenurkunden machen die Würde des Menschen aus, sondern die Tatsache, dass er ein von Gott geliebter Mensch ist – und das trifft vor allem die einfachen und armen Leute. Ihnen gebührt die besondere Zuwendung Gottes. Sigmund Graff hat einmal notiert: Einen Namen hat man, wenn man keinen Wert mehr auf seine Titel legt. Dies wäre eine alternative Gesellschaftsordnung, für die wir uns als Christen zu entscheiden hätten.

Dann würde es uns womöglich eher gelingen, die großen Probleme unserer Zeit mit viel Geduld und Durchhaltevermögen zu schultern.

Was wir auf keinen Fall tun dürfen ist das Zurücklehnen und sich nicht mehr beteiligen am Gemeinwohl. In einer Demokratie haben wir die Chance und die Pflicht, uns wenigstens an den allgemeinen Wahlen zu beteiligen. Das Gefühl, die eigene Stimme würde doch gar nichts bewirken, ist trügerisch. Wenn alle so denken, ist die Demokratie am Ende und der kleine Faden, den jeder von uns in der Hand hat, fehlt im großen Gewebe. Es können Schwachstellen entstehen und unerfreuliche Veränderungen, die uns alle betreffen.

Der Philosoph Jörg Splett hat einmal das Wirken des Einzelnen so beschrieben: „Man tut etwas – und dann geschieht etwas“, wobei das Geschehen nicht ausschließlich die Folge des eigenen Tuns ist. Was immer geschieht, ist ein rätselhaftes Gewebe von Machbarem und Wunderbaren.

Das Tun oder Lassen des Einzelnen ist geheimnisvoll verwoben mit allem, was unser Leben ausmacht. Und im Blick auf den alles waltenden Gott können wir uns dann auch zurücknehmen und ihm zutrauen, dass er alles zu einem guten Ende führen wird.

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