Ein Wagnis ist es, vom Kreuz zu reden …

Predigt am 24. Sonntag im Jahreskreis – 16. September 2012
Lesungen: Jes 50,5-9a / Jak 2,14-18 / Mk 8,27-35
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Unbequem sind Inhalt und Aussage der Lesungen heute an diesem Spätsommertag. Wir hörten einen Abschnitt aus dem Buch des Profeten Jesaja, der sonst nur in der Karfreitagsliturgie vorgelesen wird, wir hörten aus dem Mk-Evangelium, wie Jesus von seinem bevorstehenden Leiden spricht – und der Jakobusbrief erinnerte eindringlich an die Aufgabe, Gutes zu tun und sich nicht nur an die Liebe Gottes zu glauben.

Mit anderen Worten: das Kreuz als das christliche Zeichen der Karwoche steht heute im Mittelpunkt unserer Sonntagsmesse. Das sollte uns eigentlich nicht wundern. Beginnen wir doch jeden Gottesdienst mit dem Kreuzzeichen und wir werden ihn am Schluss auch mit dem Segenskreuz beschließen. Häufiger, als uns bewusst wird, begegnen wir diesem Zeichen während der Liturgie, aber auch in einem christlich geprägten Umfeld. In den meisten Wohnungen wird immer noch ein Kreuz aufgehängt, in Bayern können wir in den Fluren, auf Kirchen und Kapellen und auf Berggipfeln vielfältige Darstellungen des Kreuzes sehen. Es könnte sich also schon lohnen, auch einmal mitten im Jahr über dieses Zeichen nachzudenken.Erst vor zwei Tagen war z.B. das Fest Kreuzerhöhung. Es entstand in Erinnerung an die Einweihung der ersten Grabeskirche in Jerusalem. Kaiserin Helena ließ damals das kurz vorher aufgefundene Kreuz, an dem Jesus von Nazareth hingerichtet wurde, in einer feierlichen Zeremonie dem Volk zeigen.

Wie würden Sie ihr Verhältnis zum Kreuz beschreiben?  Normalerweise bezeichnen wir alles, was uns im Leben schwer wird, worunter wir leiden, als Kreuz. Der Stoßseufzer „es ist halt ein Kreuz“ gehört zu unserem althergebrachten Wortschatz. Krankheit, Leiden, Nöte und Ängste, alle Widrigkeiten des Lebens bringen wir Christen in einen inneren Zusammenhang mit dem Kreuz, auch wenn damit noch nicht alles leichter oder besser wird. Irgendwie ahnen wir einen inneren Zusammenhang zwischen unseren Beschwerden und dem Schicksal des Gottessohnes Jesus von Nazareth.

Paulus schreibt einmal in einem seiner Briefe: das Kreuz sei ein Ärgernis. Und recht hat er – bis heute. Als in Deutschland vor wenigen Jahren ein heftiger Streit entstand über das Anbringen von Kreuzen in Schulräumen, argumentierten die Gegner genau damit: es sei eine Zumutung, Kindern dieses Zeichen vor Augen zu stellen….

Eine Zumutung ist es der Tat – auch für einen frommen Menschen. Wie kann einer sich dem Schweren, dem Leiden, einfach überlassen? Wie kann einer – wie der Prophet Jesaja – sagen: Ich wehrte mich nicht und wich nicht zurück! Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen! Muss man sich denn alles gefallen lassen, darf man sich nicht wehren!

Und was noch weniger zu begreifen ist: dieses Prophetenwort deuten wir im Blick auf den Gottesknecht Jesus. Gott selber also macht sich in Jesus Christus wehrlos, liefert sich aus und nimmt sein Kreuz auf sich!

Ich kann den Petrus schon verstehen, wenn er Jesus beiseite nimmt und ihm Vorwürfe macht: Wie kannst du so denken und reden – von deinem bevorstehenden Leiden und Sterben! So etwas sagt man doch nicht! Man muss doch kämpfen. Man darf sich doch nicht einfach ausliefern……

Die Antwort, die Jesus dem Petrus gibt, ist alles andere als leicht: Geh mir aus den Augen! Du hast nur das im Sinn, was Menschen wollen, nicht was Gott will!

Heißt das: Gott will das Kreuz! – Spätestens an dieser Stelle geraten wir arg in Bedrängnis mit unserem Denken über Gott. Er bleibt uns unbegreiflich und fordert unseren Glauben heraus.

Wahrscheinlich werden wir mit dieser Anfrage ein Leben lang umgehen müssen. Wir begreifen Gott in diesem Punkt nicht. Nur einen bescheidenen Zugang zum Verständnis finden wir, wenn wir für einen Augenblick unsere eigenen Erfahrung betrachten: wann immer wir eine leidvolle Passage unseres Lebens durchgestanden hatten, konnten wir getrost sagen: es hatte schon seinen Sinn. Ich habe doch etwas dazugelernt. Ich bin reifer geworden. Es musste so kommen, sonst wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.

Irgendwie können wir doch dem Wort Jesu zustimmen: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren, wer es um meinetwillen verliert, wird es retten. Das Kreuz ist ohne die Perspektive der Auferstehung nicht denkbar und auch nicht zumutbar. Diese Erweiterung unseres Blickes haben wir bitter nötig. Wer nur Kreuz predigt, überfordert die Menschen. Wer nur Auferstehung predigt, macht den Menschen etwas vor und führt sie leichtfertig in Illusionen.

Leben ist immer ein Durchgang, ein Weg der Läuterung, der ohne Schmerzen nicht möglich ist.

Im Aachener Dom gibt es berühmtes Vortragskreuz. Bei allen feierlichen Einzügen des liturgischen Dienstes wird es am Anfang der Prozession getragen. Der Betrachter sieht vorne die Darstellung des Gekreuzigten. Wenn dann die Prozession an ihm vorübergegangen ist, fällt sein Blick auf die Rückseite des Kreuzes – und die ist mit wertvollen und glänzenden Edelsteinen besetzt – ein schönes Symbol, das uns sagt: das Kreuz hat immer zwei Seiten: eine, die auf uns zukommt – die schwere, die schier unerträgliche – und eine, die nach dem Vorübergehen uns aufleuchtet – die erlöste, die verherrlichte Seite.

Wir tun gut daran, uns an beides zu erinnern. Darum bekennen wir ja auch gemeinsam während der Messe von Jesus Christus: Deinen Tod o Herr verkünden wir – und Deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.

Wer die künftige Herrlichkeit im Blick hat, wird das Kreuz eher annehmen können – und in Gottes Namen seinen täglichen Kreuzweg gehen.

 

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