Religiöses Leben gedeiht nicht unter Zwang

Predigt am 25. Sonntag im Jahreskreis – 23. September 2012
Lesungen: Jak 3,16-4,3 – Mk 9,30-37
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Es gab eine Zeit, in der sich im Kirchenvolk Unmut regte über die Art und Weise der Predigten; das kritische Wort von der „Moralpredigt“ machte die Runde. Vielen war es unerträglich, Sonntag für Sonntag von der Kanzel aus ein schlechtes Gewissen eingeredet zu bekommen. Das Wort vom „abkanzeln“ nahm die Runde. Bewirkt haben solche Predigten nur wenig. Denn niemand kann mehr an sittlicher und moralischer Leistung erbringen, als er beim besten Willen vermag. Wer unter Druck gesetzt wird, wird seines Lebens nicht mehr froh. Religiöses Leben gedeiht nicht unter moralischem Zwang.

Daran mußte ich denken, als ich mich mit den Lesungen des heutigen Sonntags befaßte. Der eine oder andere Satz mag wie ein moralischer Rippenstoß klingen. Und doch ist der Grundton ein anderer. Es geht weder dem Schreiber des Jakobusbriefes noch dem Evangelisten Markus vorrangig um Moral.

Jakobus hat das Leben der  Jerusalemer Gemeinde vor Augen und er weiß, wie menschlich es zugeht, wie allzu menschlich. Und er ringt um eine weiterführende Erklärung. Die Menschen sollen einsehen, dass ein friedliches Zusammenleben nur dann gelingt, wenn bestimmte Ordnungen und Regeln eingehalten werden. Das ist nicht moralisch, sondern ganz einfach vernünftig.

Da ist kein Unterschied zu heute. Auch wir stehen vor der alles entscheidenden Frage: wie macht man das: unter den Augen Gottes menschlicher miteinander umgehen, damit sich das gesellschaftliche Klima nicht noch weiter verschlechtert und noch Schlimmeres geschieht als wir täglich in den Nachrichten erfahren.

Die Bibel zeigt in vielen Geschichten, daß der Mensch nicht frei bleibt von fragwürdigen Strebungen. Wer hat den Vorrang – das beschäftigte schon die engsten Freunde Jesu. Und nicht nur sie. Diese Frage liegt sozusagen auf der Straße. Jede Begegnung ist insgeheim davon geprägt. Es ist ein uraltes Problem. Im Märchen taucht es schon auf. Die Frage der Königin: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land“, kennt zahlreiche Variationen: „Wer ist der erste, wer ist der größte, der schnellste, wer ist der gescheiteste, wer hat mehr Macht, Einfluß, Geld, welches Land erkämpft die meisten Goldmedaillien bei Olympischen Spielen … usw. “

Irgendwann einmal aber langweilen uns solche Fragen. Wir merken, wie schal unser Ehrgeiz und unser Streben nach Vorrang wird, weil wir die Folgen dieser Einstellungen zu spüren bekommen. Der Jakobusbrief nennt sie ganz offen: Unordnung und böse Taten jeder Art, Unfriede, Streitigkeiten – auch Krieg. Das alles hat seine Wurzeln in der Neigung, sich mit dem Anderen zu vergleichen und immer der Größere sein zu wollen.

Jesus hat sich unser Zusammenleben anders vorgestellt. Er verkündete und lebte eine neue Umgangsart. Sein Beispiel zum Vorzeigen ist das Kind. Kinder streiten zwar auch um den Vorrang – aber dies alles geschieht spielerisch, um das Leben kennen zu lernen, nicht mit Absicht und Plan.

Die Erwachsenen sollten von den Kindern lernen, meint Jesus. Die kindliche Lebenshaltung der Unbefangenheit und des spontanen Vertrauens schätzt Jesus. Bei Mt. heißt es sogar: „Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte“. Wir Erwachsene werden da entthront, müssen heruntersteigen.

Wie geht das, ohne sich selbst zu verraten? Es geht mit jener Freiheit und Unbekümmertheit, die aus dem Glauben an einen gütigen Vater im Himmel kommt. Denn wer Angst um seine Stellung hat, kann nicht unbekümmert leben. Er muß ständig auf der Lauer liegen, damit ihm seine Lebensmöglichkeiten nicht von einem als Konkurrenten erlebten Mitmenschen geraubt werden.

Wer aber – wie ein Kind – seine Unsicherheitsgefühle in der Allmacht Gottes bergen kann, wird gerade auch als Erwachsener Vorbild für Gelas­senheit im persönlichen und beruflichen Leben werden.

Es ist nicht ohne Bedeutung, daß der Evangelist Markus die Jünger unmittelbar nach seiner Leidensankün­digung unterweist. Könnte es sein, daß nur derjenige die neue Lebensart Jesu versteht, der gleichzeitig bereit ist, einen Weg der Mißverständnisse und des Leidens zu gehen?

Sich vordrängen, der Erste sein wollen, das verträgt sich nicht mit Leidensbereitschaft. Man will ja gerade nicht scheitern und allem Unangenehmen möglichst aus dem Weg gehen. Der Erfahrene aber weiß, wie ergebnislos dieses Bemühen ist: keinem von uns bleiben Mißverständnisse und Leiden erspart. Es ist nur immer die Frage, wie wir darauf reagieren, ob wir Leid rundweg ablehnen oder dort, wo es unvermeidbar ist, auch annehmen und geduldig tragen.

Der Letzte sein und der Diener aller, das fällt keinem leicht. Aber es ist eine Lebenshaltung, die Jesus zur Voraussetzung für seine neue Rangordnung macht – und die lautet: Groß ist der Kleine, der Demütige, der sich vor Gott neigt und den Mitmenschen als Bruder und Schwester achtet.

Jesus war kein Moralapostel, wohl aber ein Lehrer und Meister des Lebens. Wie er  zu leben – das heißt ihm nachfolgen – ist Erbe und Auftrag an die Christen bis heute.

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