Ein neuer Aufbruch in der Kirche

Predigt am 26. Sonntag im Jahreskreis – 30. September 2012
Lesungen: Num 11,25-29 – Mk 9,38-43.45.47-48
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Vor einiger Zeit bekam ich Post aus Graz – ein dickes Buch mit dem Titel: RECHT IM DIENSTE DES MENSCHEN – eine Festschrift mit Aufsätzen zum Kirchenrecht. Einer meiner früheren Lehrer hatte sie mir geschenkt. Er war Prof. für Kirchenrecht in Graz geworden und hatte sein Lebenswerk den schwierigen Fragen der Kirchenordnung gewidmet.

Früher habe ich mich für das Kirchenrecht wenig interessiert. Aber im Lauf der Jahre musste ich einsehen, dass eine so anspruchsvolle Gemeinschaft wie die Glaubensgemeinschaft der Christen ohne Rechtsordnung nicht leben kann.

Das Kirchenrecht spielt zwar im Alltag eines Christen kaum eine Rolle. Er merkt es nur dann, wenn Konflikte auftreten oder bei der Spendung der Sakramente bestimmte Regeln einzuhalten sind. Dennoch gibt es und gab es immer Konflikte und offen Fragen, die einer rechtlichen Klärung bedürfen.

 

Zur Erinnerung:
Die vorletzte große Sammlung aller Gesetze für die römisch katholische Kirche trug das Datum 1917. Das jetzt gültige Gesetzeswerk – eine Frucht jahrelanger Arbeit nach dem Konzil – trägt das Datum 25. Januar 1983, ist also auch schon wieder fast 30 Jahre im Gebrauch.

Sie werden nun vielleicht fragen, was diese Hinweise in einer Predigt zu suchen haben? – Die Geschichte in der ersten Lesung gab den Anlass.

Da hörten wir von einer Auseinandersetzung zwischen Mose und Josua. Mose wird in der Geschichte Israels als ausgesprochenes Führungstalent und Initiator der Volkwerdung gehalten – modern gesprochen: ein Staatengründer. Ohne seine bahnbrechende Leistung, die nomadisierenden Kleintierherden in einem abenteuerlichen Zug durch die Wüste zu führen – heraus aus der Gefangenschaft Ägyptens – und ihnen eine Lebensordnung mit den zehn Geboten von Gott her zu vermitteln, gäbe es kein Volk Israel, keine verschriftete und tradierte Gotteserfahrung.

Aus diesen Quellen schöpfen wir heute noch. Der Ein-Gott-Glaube entstand in Israel. Das Wissen um einen väterlich-mütterlichen Gott verdanken wir diesem kleinen orientalischen Volk. Die von Mose erlassenen Gesetze und Regeln waren überlebensnotwendig. Alles sollte zum Wohl des Volkes geordnet sein und bleiben, das profane wie das religiöse Leben. Auch die kultischen Feiern unterlagen klaren Vorschriften.

Nun erzählt die Bibel von einem unerwarteten Ereignis. Zwei Männer beginnen unerwartet prophetisch zu reden. Der Geist Gottes – so wird es vom Erzähler überliefert – kam über sie, obwohl sie nicht ordnungsgemäß wie die siebzig Ältesten zum Offenbarungszelt hinausgegangen waren, sondern im Lager geblieben waren.

Wie kann man sich den Vorgang in die heute Zeit übersetzt vorstellen? Vielleicht so, dass jemand in der Kirche von heute das Wort der Predigt ergreift, obwohl er nicht geweiht ist und keinen offiziellen Predigtauftrag erhalten hat. So etwas sprengt die Ordnung und macht unsicher.

Josua, der von Jugend an der Diener des Mose gewesen war, ist besorgt. Deshalb informiert er Mose: so etwas geht nicht! Da könnte ja jeder anfangen zu predigen. Ordnung muss sein.

Mose aber reagiert völlig unerwartet. Oder sagen wir besser er reagiert weise, nicht ängstlich. Er weiß ja auch, dass Ordnung und Recht für eine Gemeinschaft unverzichtbar sind und dass sich alle daran halten sollen.

Aber es kann Ausnahmen geben. Und die Art und Weise, wie Mose reagiert, zeigt uns, dass Ausnahmen möglich sein müssen – vor allem dann, wenn es um die Sache Gottes selbst geht, um das Heil und Wohl der Menschen. Das ist der Hintergrund für den offen ausgesprochenen Wunsch des Mose:

„Wenn nur doch das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde und wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte.“

Diese Geschichte wird oft zitiert, wenn es in der Kirche von heute darum geht, das Miteinander von Amt und Charisma, also von geordnetem und geregelten religiösen und kultischem Leben und aufbrechenden Geist erfüllten Bewegungen in eine Balance zu bringen.

Wir haben in den zurückliegenden Jahren immer wieder sog. Erneuerungsbewegungen kennen gelernt, die für manche Kirchenführer zum Problem wurden. Lange Prüfungsverfahren mussten sie durchmachen, bis ihnen eine offizielle Anerkennung zuteil wurde.

Eine der interessantesten Bewegungen entstand nach dem Krieg in Italien, in einem Land, in dem fast nur Katholiken leben. In der Katholischen Kirche dort – und auch bei uns – war es bis zum 2. Vatikanischen Konzil vor 50 Jahren nicht üblich, dass Laien ohne Anleitung von Priestern in der Bibel lasen. Einer Gruppe junger Studentinnen und Studenten um die in hohem Alter verstorbene Lehrerin Chiara Lubich hatte in Trient damit begonnen und dabei eine erstaunliche Entdeckung gemacht: man kann das Wort der Hl. Schrift direkt und unmittelbar in die Tat umsetzen – es ist ja doch ein „Wort des Lebens“ – kein toter Buchstabe.

Wenn man z.B. liest: Bittet und ihr werdet empfangen, dann müßte das doch stimmen! Also sprangen diese jungen Leute über ihren eigenen Schatten, beteten vertrauensvoll um ganz konkrete Dinge und erfuhren, dass ihr Gebet nicht ins Leere ging. Sie glaubten an die Zusage Jesu: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, lasen diese Bibelstelle und glaubten einfach daran. Sie redeten von „Jesus in unserer Mitte“. Die Folge war ein neues, eine frohes und befreites Lebensgefühl, mehr gegenseitige Zuneigung, ein auffallend positives Klima bei den Zusammenkünften – und das hat angesteckt und sich wie ein Lauffeuer über die Städte Italiens und in den letzten Jahrzehnten über die ganze Welt verbreitet. Das Erstaunliche war nun, dass die italienischen Bischöfe ihren Priestern anfangs verboten, zu solchen Treffen zu gehen, weil sie meinten, diese Leute, die als ungeschulte Laien einfach die Hl. Schrift lesen und auslegen, seien protestantisch. Denn in der protestantischen Kirche war das Bibellesen in Gruppen und Hauskreisen schon längst gängige Praxis. Erst nach drei Jahren sahen die Verantwortlichen ein, dass der Geist Gottes am Werk war und diese katholischen jungen Menschen nicht vom rechten Glauben abgefallen waren.

So wird es in der Kirche immer wieder sein – wie zu Zeiten des Mose. Es wird manchmal ungewöhnliche Aufbrüche geben, die Angst machen oder skeptisch beäugt werden, weil sie das Vertraute und Gewohnte verstören. Weise religiöse Führer wie Mose bleiben gelassen und trauen Gott mehr zu als ihrem Kontrollbedürfnis und Ordnungsdenken.

Es darf nicht dazu kommen, dass aus notwendigem Regelungsbedarf ein starres und totes Kirchengebilde wird und – wie ein kritischer Theologe einmal provokativ formuliert hat – schließlich die Kirche zum Grab Gottes wird. Sie wird es nie werden. Da bin ich sicher. Denn Gottes Geist weht, wo er will. Das lässt uns auch für die Zukunft unseres Glaubens in unserem Land hoffen.

Der Bitte und dem Wunsch des Mose können wir uns anschließen: dass das ganze Gottesvolk und nicht nur die bestallten Religionsdiener vom Geist erfasst werden und ein neuer Aufbruch des Glaubens beginnt.

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