Dankbarkeit – eine Grundeinstellung des Lebens

Predigt am Erntedankfest – 07. Oktober 2012
Lesungen: Joel 2,21-24.26-27 / 1 Tim 6,6-11.17-19 / Lk 17,11-12

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Unschwer erkennen wir das Hauptthema der heutigen Lesungen: die DANKBARKEIT. Wir meinen, etwas davon zu verstehen. Denn Gefühle der Dankbarkeit sind uns nicht fremd, z.B. wenn wir vor einer unerwarteten Wohltat stehen: eine überraschend schnelle Genesung aus Krankheit, ein gut ausgehendes Gespräch mit einem Konfliktpartner, das schöne Herbstwetter, wie wir es heuer erleben durften.

Dankbarkeitsgefühle kommen oft spontan auf und haben dann ihren unmittelbaren Grund. Wozu wir aber heute angeleitet werden, ist eine Haltung der Dankbarkeit, die länger währt als nur für den Moment des erfahrenen Glücks. Es geht um eine Grundhaltung für unser Leben.

Und da müssen wir etwas anhalten und gründlicher hineinschauen in das ganze Leben. Sonst könnten wir bei nächster Gelegenheit böse Überraschungen erleben mit unserem positiven Gefühl, das ein Mitmensch gar nicht teilen kann, weil ihm gerade die ersehnten Wohltaten fehlen. Wie soll ein Mensch in Elend, Not und Krankheit Gefühle der Dankbarkeit hegen? Er wird sich schön bedanken für unsere gut gemeinte Einladung: Sei dankbar! Eher wird er sich von uns abwenden – und noch mehr ins Grübeln und in Pessimismus verfallen im Blick auf seine leidvolle Situation.

Wie kann man auch dann eine Grundhaltung der Dankbarkeit wecken, wenn die augenblickliche Lage keinen Anlaß dazu gibt?

Aus den Texten der Hl. Schrift entnehme ich einige Hinweise:
Erstens sollte der Mensch gelegentlich über den eigenen Tellerrand, ja sogar über sich selbst hinausschauen: der kleine Prophet Joel lenkt z.B. den Blick auf die unbelebte und die belebte Schöpfung: auf das Land und die Tiere des Feldes, auf Feigenbaum und Weinstock, auf Herbstregen und Frühregen, auf Tennen voll Getreide, Öl und Wein. Das alles gibt es ja auch ohne den Menschen. Von selbst wächst die Saat. Mit diesem Hinweis hatte auch der Naturfreund und dankbare Mensch Jesus von Nazareth seine Jünger angeregt, sich das übertriebene Sorgen abzugewöhnen und zu erkennen, daß die Schöpfung größer ist als der Mensch.Das Volk Gottes, meint der Prophet, könne erkennen, daß ER mitten unter ihnen ist, an den guten Gaben der Erde, an den Früchten des Landes. Allein an der Wahrnehmung der Welt als herrliche Schöpfung Gottes könnte der betrachtende Mensch Anlaß zur Dankbarkeit finden. 

Zweitens solle der Mensch sich an ein Grunddatum erinnern: daß er nämlich „nichts in die Welt mitgebracht“ hat, wie Paulus an seinen Schüler schreibt und daß er auch nichts aus ihr mitnehmen kann. Nahrung und Kleidung zu haben, sei schon genug. Paulus verbindet die Haltung der Dankbarkeit mit der Haltung der Bescheidenheit. Da kann man ihm nur recht geben: anspruchsvolle und materiell reiche Menschen haben zur Dankbarkeit kein gutes Verhältnis. Im Gegenteil: sie werden immer anspruchsvoller und wollen immer reicher werden. Die Triebfeder ihres Lebens ist genau die Undankbarkeit, das Gefühl, noch nicht genügend zu haben.Das Wort, das wir nicht gern hören, und das aus dem täglichen Sprachgebrauch auch fast verschwunden ist, heißt HABSUCHT. Paulus warnt seinen Freund vor der Gefahr der Habsucht. Denn sie sei die „Wurzel allen Übels“. Als Prophylaxe zur Habsucht empfiehlt Paulus die Wohltätigkeit und Freigiebigkeit. Sie wird dem Menschen eher gelingen, der weiß, daß sein Besitz nicht nur die Folge seiner Leistungen ist, sondern im tiefsten ein unverdientes Geschenk, das zur Dankbarkeit anregt.

In der Erzählung von den zehn Geheilten wird schließlich ein drittes deutlich. Wer beschenkt wird, ist deshalb noch lange nicht automatisch ein dankbarer Mensch. Man muß sich des Geschenks bewußt werden, sich daran erinnern und dann die Haltung der Dankbarkeit in sich wecken – wie man einen Schlafenden weckt. So merkwürdig das klingt, so wichtig ist es auch. Dankbarkeit geht ohne die Übung der Dankbarkeit nicht. 

Auch deshalb lädt uns die Kirche in jedem Herbst ein, die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit anzuschauen – die Ernte des Jahres nicht einfach wie selbstverständlich anzunehmen, sondern mit der Gabe den Geber zu ehren.

In dem Buch DIE KRAFT ZUM LOSLASSEN mit täglichen Meditationen für die innere Heilung findet sich der ungewöhnliche Rat: „Zwingen Sie sich zur Dankbarkeit bis sie ihnen zur Gewohnheit wird. Denn die Dankbarkeit trägt dazu bei, daß wir aufhören, Ergebnisse in unserem Leben kontrollieren zu wollen.“ (Melody Beattie).

Wir werden empfänglich für das Geschenk der uns zufließenden Lebenskraft. Die Welt ist voll von Gütern – auch für uns sind genügend da. Dankbarkeit ist jener geheimnisvolle Vorgang, durch den sich sogar Probleme in Segnungen und unerwartete Ereignisse in Geschenke verwandeln.

Ich lade Sie ein, heute einmal darüber nachzudenken, wem Sie wofür danken wollen. Ich tue es hier auch öffentlich: ich danke dem Mesner (Kirchenschmuck), den Ministranten, die jeden Sonntag da sind. Ich danke auch Ihnen, daß sie sich zum Gottesdienst versammeln und dem Organisten, der seit Jahren treu zu uns kommt. Die Haltung der Dankbarkeit wird unser Leben leichter und unbeschwerte machen und der Freude mehr Raum geben.

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1 Kommentar

  1. Jammern und Unzufriedenheit macht müde. Dankbarkeit gibt Energie, macht Freude. Es gibt tausende von Dingen für die ich dankbar bin. Auch in schlechten Zeiten gab und gibt es viele Gründe zum Dankbar-Sein.
    Dietrich Bonhoeffer hat einiges über Dankbarkeit gesagt (Jahreslesebuch „So will ich diese Tage mit euch leben“ herausgegeben von Manfred Weber, Gütersloher Verlagshaus)

    Fand keine Predigt am 14. 10. – las vorhergehende – tut sowieso gut.

    Ja, ich bin dankbar, dass ich die Predigt lesen, nachlesen und auch hören kann!

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