Die besten Aussichten

Predigt am Fest Allerheiligen  – 01. November  2012
Lesungen: Offb 7,2-4.9-14 / 1 Joh 3,1-3 / Mt 5,1-12a
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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„Früher hatten die Menschen eine durchschnittliche Lebenserwartung von 30 plus Ewigkeit. Heute haben sie eine von 80“.
Mit dieser Behauptung trifft der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner ins Schwarze.

Mit anderen Worten: die Menschen haben die Ewigkeit aus dem Blick verloren. Sie leben und denken nur noch in diesseitigen Lebenszusammenhängen.

Wenn ich einmal Zulehners Behauptung auf das Lebensgefühl eines Durchschnittsbürgers anwende, dann erklärt sich für mich, warum wir alle unsere Tage so gehetzt und und eilig verbringen. Ich selber hätte z.B. ja nur noch 5-7 Jahre Zeit. Das ist verdammt wenig – bei all dem, was ich mir als Pensionär noch vornehmen möchte.

Wer aber das Ende des irdischen Lebens nicht als Sackgasse, sondern als Durchgangstor in die neue Welt Gottes begreift, hat alle Zeit des Lebens. Denn die Ewigkeit ist zeitlos. Der braucht sich nicht unter Druck setzen und kann gelassen und vertrauend seine Wege gehen.

Heute, am Fest Allerheiligen ist die Besinnung auf das Jenseits nichts Ungewöhnliches. Wir besuchen ja auch traditionell die Gräber unserer Verstorbenen und denken an all jene, die uns schon vorausgegangen sind – besonders natürlich an die, von denen wir den Eindruck gewonnen haben: sie haben vorbildlich gelebt. Sie können uns ein Beispiel für ein gelingendes Leben sein.

Diese Frauen und Männer meinen wir normalerweise, wenn wir von den Heiligen sprechen. Und das Bistum Regensburg ist ja erst vor kurzem an eine solche Frau erinnert worden – bei der Heiligsprechung von Anna Schäffer aus Mindelstetten.

Ich weiß, dass diese – nur katholische – Praxis bei manchen Mitchristen ein gewisses Unbehaben auslöst. Das liegt allerdings auch an der sprachlichen Vermittlung. Das deutsche Wort „Heiligsprechung“ lässt ja vermuten, dass der Papst nach aufwändiger Prüfung von sich aus einem Menschen die Heiligkeit  zuspricht. Kann das ein Mensch überhaupt? Ist das nicht anmaßend?

Im gottesdienstlichen Ritual – so haben wir es in der Fernsehübertragung auch hören können – wird dieser Vorgang völlig anders ausgedrückt. Da heißt es, dass der Papst einen vorbildlichen Menschen in die Liste der Heiligen aufnimmt. Diese Menschen waren also schon vor ihrer sog. „Heiligsprechung“ als Menschen in besonderer Gottesnähe erkannt worden, was der Papst nur noch bestätigt.

Wir müssen uns auch verabschieden von der Vorstellung, dass  Heiligkeit mit moralischer Integrität und sittlicher Hochleitung zu tun hat. Heilig sein heißt  nichts anderes als zu Gott zu gehören und in seiner Nähe zu leben.

Vor diesem Hintergrund erlaube ich mir jedes Jahr, lieben Menschen am Allerheiligentag zum Namenstag zu gratulieren. Meistens sind sie verwundert. Wenn ich ihnen aber erkläre, dass dies durchaus berechtigt ist, dann nehmen sie – etwas konsterniert – diese Zusagen doch an.

Das Fest Allerheilgien ist also unser aller Fest. Wir feiern unseren Gott, geben ihm die Ehre im Gottesdienst und danken ihm für seine Treue und für sein Erbarmen. Für ihn sind unsere Fehler und  Sünden kein Problem. Denn aus dem Munde Jesu haben wir gehört, dass er gekommen ist, Sünder zu berufen. Nicht wir sind es, die durch Leistung und Erfolg den Preis der Heiligkeit erringen, sondern ER ist es, der in seiner unbegreiflichen Erwählung jeden einzelnen von uns ruft und einlädt: nimm mein Angebot an. Ich schenke Dir mehr als nur das irdische Leben. In meiner Nähe bist Du ein sicherer Beitrittskandidat für die Aufnahme in das Ewige Leben.

Manchmal hört man pessimistische Stimmen in unserer Gesellschaft: alles sei so unsicher und irgendwie aussichtslos. Wir Christen bekennen trotz allem, dass wir gute Aussichten haben. Das diesseitige Leben ist nicht alles.

Deshalb bekennt die Kirche auch in einem Hymnus:

Jenseits des Todes     wartet das Leben,
das für uns alle       Christus erwirkt hat.

Wir könnten also von den früheren Generationen lernen, die nach Zulehner zwar nur eine sehr kurze Lebensspanne auf dieser Welt verbracht haben, aber im vertrauenden Glauben an das Leben zuversichtlich und froh unterwegs waren.

Oscar Wilde hat einmal gesagt: „Jeder Heilige ist ein bekehrter Sünder und hat von daher eine Vergangenheit, aber auch eine Zukunft“.

Christen leben mit dieser  Zukunftshoffnung.

 

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