Himmelschreiende Ohnmacht

Predigt am 32. Sonntag im Jahreskreis – 11. November 2012
Lesungen: 1 Kön 17,10-16 / Mk 12,38-44
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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„Ich kann mich nicht einmal mehr selber ernähren“. Viele Menschen in den Hungerzonen der Welt beklagen so ihre ausweglose Lage! Es ist eine himmelschreiende Ohnmacht!

Gibt es denn keinen Ausweg? 1970 hat Kaja Ebstein in ihrem EUROVISIONS-Song „Viele Menschen fragen, was ist schuld daran ..“ einen mutigen Refrain eingebaut:  „Wunder gibt es immer wieder…“. Hat sie gelogen? Oder haben wir Grund zu hoffen, dass es neben der menschlichen Ohnmacht noch eine ganz andere Macht gibt?

Die Bibel erzählt viele Geschichten von einer göttlichen All-macht. In den Schrifttexten des heutigen Sonntags ist davon die Rede.

Es ist kein Zufall, dass sowohl in der Lesung als auch im Evangelium eine Witwe im Mittelpunkt der Erzählungen steht. Den Ehemann durch Tod verlieren – das war damals mehr als nur der Verlust des vertrauten Partners – das war auch das Ende der wirtschaftlichen Grundlage des Lebens. Witwenrenten gab es nicht. Man war auf Gedeih und Verderb auf das Wohlwollen der Verwandtschaft und der Nachbarn angewiesen. Es gab für Frauen praktisch keine Möglichkeit,  ihr eigenes Brot selbst zu verdienen. Manche suchten als letzten Ausweg sogar die Prostitution.

Elia trifft eine solche Witwe am Stadttor von Sarepta an, im heidnischen Ausland also. Er war auf der Flucht vor seiner Verfolgergin, der Königin Isebell. Von seinen Glaubensbrüdern, den Juden, hätte er im Ausland Unterstützung erwarten dürfen – das war so üblich: man hielt zusammen. Nun aber begegnet ihm eine Nicht-jüdin, eine Ungläubige also. Und sie ist selber bettelarm.

Ausgerechnet sie bittet er um Hilfe. Das Bekenntnis dieser armen Frau ist erschütternd: sie hat nichts zu geben, sondern bereitet für sich und ihren Sohn eine letztes Essen. „Das“, so wörtlich, „wollen wir essen und dann sterben“. Größer kann die Ohnmacht eines Menschen kaum sein, als dass er resigniert eingestehen muss: ich kann mich nicht einmal mehr selber ernähren.

Vor diesem Hintergrund muss die Bitte des Elia wie ein Hohn geklungen haben, seine Verheißung hingegen wie eine Mischung von Zuversicht und Skepsis: „Fürchte dich nicht!“ Weiß Elia mehr? Weiß er etwas, was die Witwe von Sarepta (noch) nicht weiß?

Wir kennen den Ausgang der Geschichte. Elia wusste, dass Gott die Menschen nicht im Stich lässt und auch aus ausweglosen Lagen Auswege kennt. Ein Wunder geschah: der bescheidene Vorrat an Nahrung ging nicht mehr zu Ende.

Die Botschaft dieser Geschichte an uns könnten wir in eine Frage kleiden: „Ist es etwa so, dass demjenigen von Gott her Hilfe kommt, der selbst in der größten Not noch bereit ist zu teilen?“

Lassen wir die Frage unbeantwortet und hören wir noch einmal kurz in das Evangelium hinein. Auch da steht eine arme Witwe im Mittelpunkt der Erzählung. Jesus beobachtet sie im Tempel beim Opferkasten.

Ich muss bei dieser Szene immer an die Haussammlungen denken, die uns zu bestimmten Zeiten ganz schön auf die Nerven gehen. Man will ja nicht kleinlich sein und gibt immer etwas her – nicht jedoch, ohne vorher verstohlen auf die Sammelliste geschaut zu haben, um zu lesen, was denn der Nachbar so gegeben hat. Es ist unsere Unsicherheit und die Angst, man könnte bei einer großzügigen Spende falsch verstanden und bei einem geringen Betrag als geizig verschrieen werden.

Viele Reiche gaben viel, schreibt Markus. Die können es sich ja leisten, möchten wir hinzufügen. Aber, da kam auch eine arme Witwe und warf nur zwei kleine Münzen hinein.

Das nimmt Jesus zum Anlass für eine Jüngerunterweisung, die unsere Maßstäbe von Geben und Nehmen in Frage stellt. Denn nicht die Größe der Spende macht es aus, sondern die Größe der Gesinnung, mit der man etwas spendet. So ist der kleine Beitrag der Witwe in den Augen Jesu wertvoller, als der größere Betrag der Reichen, die sich möglicherweise leicht tun mit dem Spenden, aber damit auch ihre Wichtigkeit unterstreichen.

Macht und Ohnmacht erkennen wir also nicht nur an Äußerlichkeiten, am Besitz, am Geld, am Einfluss. Sie liegen vielmehr im Herzen beschlossen.

Und es ist wahr, dass das Herz Gottes groß, das Herz der Menschen oft recht klein ist.  Wer aber den Mut hat, sich der Großherzigkeit Gottes anzuschließen, dessen Armut wird Gott auf seine Weise aufheben.

Die beiden Schrifttexte wiederholen eine Weisheit, die verstreut auf vielen Seiten der Bibel zu finden ist: wer gibt, dem wird gegeben.

Reichtum und Armut sind häufig Lebenslagen, in die man auch ohne eigenes  Zutun hineingeraten kann. Armut wird zur schicksalhaften Herausforderung und nicht selten zum Hilfeschrei wegen der eigenen Ohnmacht! Und Reichtum  kann einer auch nicht als Garantieschein für ein besseres Leben einlösen. Er ist vielmehr ein Auftrag zum Teilen.

Den eigentlichen Lebensunterhalt verdanken wir ohnehin Gott. Wir sind Kostgänger Gottes! Er ist Herr des Lebens und umsorgt die Armen und die Reichen. Wir könnten die oft schmerzlichen sozialen Unterschiede besser ausgleichen, wenn wir uns daran erinnern würden.

Wer in die Schule Jesu gegangen ist und von ihm gelernt hat, dass wir nicht in der Lage sind, allein und aus eigener Kraft unseren Lebensunterhalt zu sichern, der lernt christliche Gelassenheit und Engagement. Gott selbst teilt als Erster für uns alle sein Leben aus – und niemand wird am Ende zu kurz kommen.

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