Wie lange noch müssen wir warten?

Predigt am 1. Adventsonntag – 02. Dezember 2012
Lesungen: Jer 33,14-16 / 1 Thess 3,12-4,2 / Lk 21,25-28.34-36
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
[print_link]

Wer kennt sie nicht, diese drängenden Fragen aus Kindermund. Wann endlich kommt denn das Christkind? Wie lange dauert die Fahrt denn noch? Du hast doch gesagt, dass der Opa gleich kommt!

Nicht nur Kinder werden unruhig und beginnen zu zweifeln. Auch Erwachsene kennen die enttäuschten Hoffnungen.  Was einem verheißen wird und sich lange verzögert, stellt die Geduld auf eine harte Probe. Irgendwann einmal lässt die Spannung nach. Man glaubt den Ankündigungen nicht mehr so  recht und erwartet schließlich – nichts mehr!

Viele biblische Texte gründen in dieser alten Menschheitserfahrung, dem immerwährenden Schaukeln zwischen Verheißung und Erfüllung. Nicht dass  niemals eingetreten wäre, was einmal vorausverkündet worden war. Ganz im Gegenteil. Nahezu alle Ereignisse können im Nachhinein mit zurückliegenden Verheißungen verknüpft werden.

Haben wir Menschen vielleicht doch eine leise Ahnung vom Lauf der Geschichte? Hören wir nicht häufiger als vermutet den Ausspruch: „Ich hab´s Dir ja gleich gesagt!“

Die Lesungen des 1. Adventsonntags berühren diese Ahnungen und verbinden sie mit unseren Sehnsüchten und Ängsten. In der Prophetie der Endzeit malt der Evangelist ein Untergangsszenario, das keinen Hörer unberüht lassen kann. Jesus Worte sprechen eine deutliche Sprache, die allerdings einen anderen Mittelpunkt hat. Es geht nicht um die gewaltigen kosmischen Katastrophen. Es geht um das Erscheinen Gottes, um seine endgültige Offenbarung vor den Augen der Welt.

Eilige Interpreten haben zu allen Zeiten diese Bilder des Umbruchs mit historischen Ereignissen in Verbindung gebracht und geglaubt, nun stehe der Untergang der Welt unmittelbar bevor. Aber nicht der Untergang, sondern der Aufgang einer neuen Welt war das Kernthema der Verkündigung Jesu: „Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe“ (Mk 1,15). Wenn allerdings diese Verheißung sinnlos ist, wäre es dann nicht besser, zu befolgen, was Paulus in diesem Fall meint:  „… dann laßt uns essen und trinken. Denn morgen sind wir tot!“ (1 Kor 15,32).

Die Alternative, zu wachen und zu beten und sich nicht von den Sorgen des Alltags überfluten zu lassen, ist in jedem Fall besser. Achtsamkeit und vertrauensvolle Erwartung richten sich auf ein angekündigtes Gut.

Wie dieses Gut aussehen kann, lässt sich in den beiden Lesungen vernehmen. Eine Friedenzeit unter einem neuen Herrscher wird dem Haus Israel verheißen. Es wird ein Sproß Davids sein. Und Davids große Zeit hat sich in das kollektive Gedächtnis Israels als  glückliche Epoche seiner Geschichte eingegraben. Sicheres Wohnen, Gerechtigkeit und Heil wird dem Volk Gottes zuteil und erhöht die Bereitschaft, mit dem Hoffen und Warten nicht nachzulassen!

Dass die ersten Christen diese Passage aus dem Mund des Propheten Jesaja auf Jesus Christus bezogen haben, ist nicht verwunderlich. Er ist für die Christen der Sohn Davids und der Garant einer neuen und besseren Welt. Paulus wird nicht müde, in seinem ersten Brief an die  Gemeinde in Thessaloniki das Idealbild einer christlichen Gesellschaft vorzutragen: Wachsen und reif werden in der Liebe zueinander und zu allen: das festigt das Herz und ist die beste Vorbereitung auf den Tag des Herrn. Dann wird das Warten ein Ende haben. Dann wird auch erkennbar, dass es nicht damit getan ist, sich irgendwelchen Verheißungen einfach tatenlos zu überlassen, sondern durch das eigene Verhalten und Tun die Erfüllung mitzubestimmen.

„Tu etwas, dann geschieht etwas“, hat der Philosoph Jörg Splett gern gesagt. Auch Kinder warten nicht einfach tatenlos auf das Christkind. Sie möchten ihr Bestes zeigen, weil sie wissen, dass sich Warten – verbunden mit Achtsamkeit und Tätigsein – auf jeden Fall lohnt.

In einer krisenhaften Zeit in Kirche und Gesellschaft könnte es uns allen helfen, diesen alten Weisheiten wieder mehr zu trauen und sich nicht in Zukunftsängsten und Ablenkungsmanövern zu verlieren.

Print Friendly, PDF & Email