Wo bleibst du Trost der ganzen Welt!

Predigt am 2. Adventsonntag – 09. Dezember 2012
(Lesungen: Bar 5,1-9 / Phil 1,4-6.8-11 / Lk 3,1-6)
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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In einem adventlichen Bittgebet heißt es, Gott möge uns „in unserer Bedrängnis vor allen Ansteckungen des Bösen bewahren und durch die Ankunft seines Sohnes Jesus Christus trösten“.

Was wird da eigentlich erbeten? Kann denn ein neugeborenes Kind trösten? Kann das Böse anstecken? Sie werden spontan antworten: „Ja, das ist möglich!“ Und Sie können sich dabei auf ihre Erfahrungen berufen. Jede Frau, die Mutter geworden ist, erinnert sich an ängstliche Einreden und Warnungen vor bösen Überraschungen für ihr werdendes Kind. Das ist bedrängend. Aber nach einer glücklichen Geburt ist sie dankbar und  getröstet.

Von Bedrängnissen und vom Trost reden heute auch die liturgischen Texte. Der Prophet Baruch wendet sich an Juden, die als Minderheiten in der Fremde leben. Sie haben keine politische Macht mehr, sind vielen Bedrängnissen ausgesetzt. Aber Gott denkt an sie. Er kümmert sich um sie. Sein Wort ist zuverlässig. Baruch ist kein Mensch, der das Elend schön redet, sondern einer, der an Gottes Möglichkeiten glaubt, die es immer noch gibt, wenn wir mit unseren Möglichkeiten am Ende sind. Deshalb mutet er den Bedrängten zu, sich an Gottes Zuspruch zu halten. Wer das schafft, hat Zukunft und Hoffnung – und wird Trost erfahren.

Ähnlich zuversichtlich redet Paulus seine Lieblingsgemeinde an. In seinen Gebeten kommt die Freude auf, dass er in Philippi Menschen gefunden hatte, die seiner Frohen Botschaft geglaubt haben. Das Evangelium, diese Frohe Botschaft, hatte ja im Kern nur ein großes Thema: dass nämlich die Liebe Gottes zu den Menschen keine Phantasterei oder nur ein frommer Wunsch sei, sondern im Mensch gewordenen Sohn Gottes Jesus Christus erfahrbar unter uns erschienen ist:  „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“, schreibt später der Evangelist Johannes (vgl. Joh 3,16).

Deshalb redet auch  Paulus von einer herzlichen Liebe, die er zu allen hat. Und er wünscht sich, dass diese Liebe sich immer mehr unter den Menschen ausbreiten möge. Das wäre für ihn der beste Trost und Lohn. Denn dann könnten die Menschen wirklich beurteilen, worauf es ankommt.

Kurz vor der Zeitenwende, so erzählt der Evangelist Lukas, tritt ein letzter Prophet auf: Johannes der Täufer. Er nimmt sich kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Schilderung der damaligen Verhältnisse geht. Den wichtigen religiösen Führern war es nicht mehr gelungen, das Volk in einer guten und ehrlichen  Freundschaft mit Gott zu halten. Ihre praktizierte Frömmigkeit war nur noch äußerer Schein, leeres Ritual, verbunden mit einem geschäftstüchtigen Tempelkult. Da war kein Trost mehr da für die einfachen Leute, nur noch die Angst, hoffentlich alles richtig zu machen, zur rechten Zeit die richtigen Opfer zu bringen. Ein religiöser Leistungsdruck lastete auf ihnen.

In der Einsamkeit der Wüste zeigt Johannes, wie es geht. Man muss sein Leben umbauen, Berge abtragen, Hindernisse beseitigen und Täler ausfüllen, einen Weg ebnen – ja wofür – für das Kommen Gottes, damit die Menschen das Heil sehen. Ein Umdenken ist angesagt, eine Neubewertung der Wichtigkeiten. Die Fragen, wie lebe ich meinen Alltag und was hat Vorrang vor allem, müssen gestellt werden.  Johannes empfiehlt nichts anderes als die konkrete Tat der Nächstenliebe.

Seelsorger, Berater und Psychologen berichten einhellig, dass der Trostbedarf in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.  Ob das nicht auch ein Hinweis darauf ist, dass die materiellen Güter das Herz des Menschen nicht befrieden können. Es gibt sie immer schon: die satten Reichen – ruhe- und trostlos im Leben unterwegs – und die zufriedenen Armen! Der Mensch braucht doch mehr als nur Nahrung, Kleidung und ein Dach über den Kopf. Er braucht vor allem die Erfahrung der Liebe und den Glauben daran, dass die Liebe von Gott her unterwegs ist. Es ist, wie der Pastoraltheologe Rainer Bucher geschrieben hat, die unkränkbare Zuwendung Gottes zu uns Menschen – unsere Chance.

Wir sind in diesen Adventstagen wieder eingeladen, dieser Zusage zu trauen und trotz aller Bedrängnisse am Trost Gottes festzuhalten. Der Prophet Jesaja jedenfalls hält daran fest, wenn er Gottes Stimme singen läßt: „Ich verwandle ihre Trauer in Jubel, tröste und erfreue sie nach ihrem Kummer; mein Volk wird satt an meinen Gaben“ (Jes 31,14).

Weihnachtsfriede ist getröstet werden und getröstet sein und daraus die Kraft für den Alltag zu schöpfen. Unterwegs zu diesem Frieden werden wir aber auch nicht aufhören, das Lied aus schwerer Pestzeit zu singen:  „Oh Heiland, reiß die Himmel auf“. Denn in diesem Lied  wird nichts schön geredet, sondern die alte Sehnsucht in einer eindringlichen Frage an Gott vorgetragen: „Wo bleibst Du Trost der ganzen Welt?“.

Gott ist treu, er wird uns diese Frage beantworten – in seinem Kommen – jetzt schon durch die Festfeier seines ersten Kommens als Kind in Bethlehem – und am Ende der Zeiten, wenn er wiederkommt in Herrlichkeit.

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