Geburtsanzeige

Predigt am Hochfest der Geburt des Herrn – Weihnachten 2012
Lesungen:  Jes 9,1-6 / Tit 2,11-14 / Lk 2,1-14
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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1-2„Die Welt hat einen Augenblick stillgehalten und ein neuer Stern wurde geboren: Monika.
geboren am 23.10.2012, 17.10 Uhr, Gewicht 2920 g, Größe 50 cm.
Es freuen sich die glücklichen Eltern Erika und Max!“

„Wir freuen uns über die Geburt von Maximilian und wünschen den glücklichen Eltern Sandra und Michael viel Spaß mit ihrem „kloana Würstli“.

Das sind zwei beliebig ausgewählte Geburtsanzeigen aus unseren Tagen.

Man kann es nicht für sich behalten. Nicht nur die Familie, die Freunde und Verwandten, auch die Öffentlichkeit soll es wissen: wir begrüßen einen neuen Erdenbürger und verbinden damit die Hoffnung, dass das Leben weiter geht. Alle sollen sich freuen. Und jeder, der es erfährt, darf sich seine eigenen Gedanken machen.

„Was wird aus dem Kind werden?“ denken sich besorgte Menschen. Andere blühen auf: endlich bin ich Großvater. Wieder andere lassen sich von gescheiten Worten inspirieren, wie dem oft zitierten Satz von Rabindranath Tagore: „Jedes Kind bringt die Botschaft, dass Gott die Lust am Menschen noch nicht verloren hat.“ Die Geburt eines Kindes verändert schlagartig alles.

Was ist nun das Andere oder Besondere an der Geburt, die wir heute am Weihnachtsfest feiern? Und warum beschäftigt uns heute noch das jüdische Kind Jesus, das vor über 2000 Jahren in Bethlehem geboren wurde? Es sind ja nicht nur die Christen, die in Gottesdiensten an diese Geburt erinnern. Auch wenn das Weihnachtsfest zum Fest der Christkindlmärkte umgewidmet wurde, finden sich noch Spuren des eigentlichen Anlasses in allem weltlichen Treiben. Das Geld,  das Schenken und Beschenktwerden hat zwar Vorrang. Aber vielleicht ist die viel beklagte Säkularisierung des Weihnachtsfestes nur die logische Konsequenz des Kommens Gottes in die Welt, seiner „Weltwerdung“ zu Gunsten der Menschen. Denn es gibt noch das Bemühen um Liebe, Versöhnung und Frieden. Man beschwört den Weihnachtsfrieden weltweit. Streit passt einfach nicht zu diesen Tagen!

Was im Evangelium und in anderen biblischen Texten zu lesen ist, hat aber noch einen anderen Klang. Die Sehnsucht der Menschen, den Widerfahrnissen des Lebens zu entkommen, aus dunklen und schweren Zeiten endlich hinüberwechseln zu dürfen in hellere und glücklichere Tage, ist ungebrochen und dauert bis heute an.

Irgendwie ahnen wir aber, dass wir diesen Übergang in eine bessere Zeit aus eigenen Kräften nicht schaffen werden. Deshalb erwarten gläubige Menschen eine Tat Gottes selbst. Dieser vertrauensvolle Glaube ist zwar sehr geschwächt und gleicht einem verglimmenden Docht: Gott in der Welt von heute? Wo erfahren wir ihn? Wo können wir ihm begegnen?

Aber wen wundert es?  Der Glaube an die Menschwerdung Gottes in einem kleinen Kind – und noch mehr – der Glaube daran, dass die Kirche dies glaubhaft bezeugen könnte, war immer angefochten und hat viele nachdenkliche Menschen zu allen Zeiten bewegt.

Im 12. Jahrhundert trat ein wortgewandter Mönch auf, Bernhard von Clairvaux (+1153). Von ihm stammen ungewöhnliche Kommentare zum Geheimnis der Menschwerdung Gottes.

So redet er in einer Predigt von der „unschätzbaren, nicht auszudenkenden Herablassung Gottes, weil ER, der Erhabene, in dieses schreckliche Gefängnis herabgestiegen ist“. (Das schreckliche Gefängnis ist für Bernhard unsere Lebenswelt. Wir sitzen tatsächlich, wie es im Benediktus heißt „in Finsternis und Todesschatten“).

Aber Bernhard bleibt nicht bei diesem Staunen, sondern liefert auch gleich eine Wegbeschreibung mit, wie denn der Mensch auf seinen Suchwegen diesem menschenfreundlichen Retter-Gott begegnen kann. Wir können ja heute nur an Bethlehem erinnern und das Ereignis nicht wie die Hirten oder die Drei Hl. Könige selber nachprüfen oder gar bestaunen.

„Ich möchte noch wissen“, sagt Bernhard, „wieso er zu uns kam, statt dass wir zu ihm gingen. Es handelte sich doch um unsere Not, und es ist nicht üblich, dass die Reichen zu den Armen gehen, auch wenn sie etwas schenken wollen. In der Tat, liebe Brüder, es wäre angemessener gewesen, wir wären zu ihm gekommen. Allein da gab es zwei Hindernisse. Unsere Augen waren dunkel geworden, er aber wohnt in unzugänglichem Licht. Und dann lagen wir auf der Bahre wie Gelähmte und konnten nicht zur Höhe Gottes hinauf gelangen. Darum kam der gütige Heiland und Arzt unserer Seele von seiner Höhe herab. Er milderte seinen Lichtglanz für unsere kranken Augen. Wie man ein Licht in eine Laterne stellt, so umhüllte er seine Herrlichkeit mit dem menschlichen Leib, den er annahm“.

Wie um uns zu ermutigen, fügt Bernhard von Clairvaux noch hinzu: „Du Mensch, du brauchst keine Meere zu überqueren, keine Wolken zu durchdringen oder die Alpen zu überschreiten. Du brauchst keinen weiten Weg zu machen, sage ich. Geh deinem Gott entgegen bis zu dir selbst. Denn das Wort ist dir nahe, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen!“

Heute haben wir es wieder gehört. Gott sagt Ja zu unserer Welt. Er ist zur Welt gekommen – nicht wie ein interessierter Besucher, sondern als unser Bruder und Menschenfreund mit allen Konsequenzen. Lassen wir dieses Wort eindringen in unsere Herzen. Es ist das unwiderrufliche und nicht kränkbare Wort der Liebe Gottes zu allen Menschen. Es ist der eigentliche Grund unserer freigiebigen Freude am Leben und am Leben unserer Mitmenschen. Es ist das Fundament unserer Bereitschaft, zu schenken und der Güte und Menschenfreundlichkeit Raum zu schaffen. Unsere Weihnachtswünsche haben gute Gründe. Es sind keine Floskeln, sondern die Übersetzung der Frohen Botschaft, die von Bethlehem ausging und bis heute nicht verstummt ist. Gott hat sich eingefleischt und schaut uns mit Kindesaugen an.

Der Prophet Jesaja hat es vorausgeahnt, wenn er schreibt: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“ (Jes 9,5). Das war eine Geburtsanzeige besonderer Art.

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