Familie – ein Auslaufmodell?

Predigt am Fest der Hl. Familie – 30. Dezember 2012
Lesungen:  Sir 3,2-6.12-14 / Kol 3,12-21 / Lk 2,41-52
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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familie-oldMan sagt uns Deutschen nach, dass wir zum Weihnachtsfest ein ganz eigenes Verhältnis haben. Die Neigung zu Sentimentalität einerseits und der ernste Sinn andererseits ergeben ein Stimmungsgemisch, das es nicht leicht macht, solche Feiertage gut zu überstehen. Die hohen Erwartungen, endlich einmal wieder im Kreis der Familie zusammen zu sein, die Erinnerung an die eigene Kindheit und die Sehnsucht, nach dem vorweihnachtlichen Stress zur Ruhe zu kommen, das alles bleibt oft unerfüllt. Wenn wir nach Weihnachten unsere Freunde und Bekannten fragen, wie es denn zuhause war, hören wir nicht selten den Seufzer: „Froh bin ich, dass die Feiertage wieder vorbei sind!“

Das Fest der hl. Familie liegt zeitlich nahe am Weihnachtsfest. Vielleicht wollten die Verantwortlichen für die Liturgie damit ein Zeichen setzen: „Schaut auf Jesus, Maria und Josef. Vielleicht könnt ihr von ihnen etwas lernen für die Gestaltung des Lebens in einer Familie!“

Eines ist sicher: die Idylle im Leben der Hl. Familie, wie sie früher gepredigt wurde, war eher Wunsch als Wirklichkeit. Gegen eine solche Idealisierung spricht schon die Bibel über die ersten Lebensjahre Jesu,  etwa in der  Geschichte vom 12jährigen Jesus im Tempel, die wir heute im Evangelium  gehört haben.

Jesus folgt seinem religiösen Interesse. Länger als üblich bleibt er im Tempel, um das Gespräch mit den Schriftgelehrten zu suchen. Man nimmt heute an, dass Jesus damals in den Kreis der erwachsenen Beter aufgenommen wurde. Es ist das Bar-Mizwa-Fest, das die etwa 13jährigen jüdischen Kinder mit ihren Familien feiern – vergleichbar unserer Erstkommunion oder Firmung. Erstmals darf dann ein Junge öffentlich in den hl. Schriften lesen. Er wird religiös volljährig.

Nach dem Fest konnten Josef und Maria davon ausgehen, dass ihr Kind auf dem Heimweg im Familienclan unterwegs war. Sie müssen ein großes Vertrauen in das bergende Netz der Großfamilie gehabt haben. Deshalb fällt ihnen erst nach drei Tagen auf, dass er gar nicht unter den Wallfahrern ist.

Eltern vermissen ein Kind und unternehmen nichts. Das ist heute undenkbar. Schon nach wenigen Stunden würde bei uns eine Vermistenanzeige bei der Polizei eingehen und die Suchaktion anlaufen. Was Jesus da seinen Eltern zumutet, ist kein Pappenstiel und hat mit Familienromantik nichts zu tun. Josef und Maria zeigen auch ihre Betroffenheit und machen Jesus Vorwürfe. Aber schmerzlich erkennen sie, dass er seinen eigenen Weg geht und dass sie sich früh schon damit abfinden müssen: ihr Kind ist nicht ihr Besitz, sondern anvertrautes Leben, das selbstständig werden will und eines Tages ganz aus dem Schoss der Familie herausgehen wird.

Es ist für Eltern auch heute schwer, ihr Kind in die Mündigkeit und Freiheit zu entlassen. Könnte nicht dieses Evangelium Mut machen, den Schmerz des Loslassens auf sich zu nehmen? Gerade in guten Familien, in denen die Beziehungen untereinander glücken, braucht es ein lebenslanges Lernen. Jeder hat seine eigene Würde, seinen eigenen Weg, seine eigene Aufgabe. Wir dürfen nicht aneinander kleben, sondern müssen uns freigeben, um zu einer neuen und anderen Art der Beziehung zu kommen, die nicht allein auf der Blutsverwandtschaft ruht, sondern in der geschenkten Gotteskindschaft wurzelt.

Vor kurzem fand ich ein Gedicht von Wilhelm Wilms wieder. Es könnte heute per SMS verschickt worden sein: „Wo treffen wir uns?“, fragte ich meinen Freund? „Im Evangelium“, antwortete er, „sonst verfehlen wir uns!“

In diesem kurzen Wortwechsel steckt eine tiefe Wahrheit. Was uns verbindet, sind nicht nur die Bande des Blutes oder die Sympathie oder gemeinsame Interessen, sondern dass wir einen gemeinsamen Vater im Himmel haben, der uns wie eine große Familie liebt. Er wahrt die Eigenständigkeit jedes Einzelnen und ermöglicht doch Gemeinschaft in Liebe.

Wie eine solche Gemeinschaft in Liebe – fern aller Familienromantik – aussieht, hat der hl. Paulus in der zweiten Lesung – einer Art Hausordnung –  beschrieben.  Auch in der ersten Lesung finden sich bedenkenswerte Appelle für den guten Umgang der Generationen miteinander. Eine Nachlese zuhause würde sich lohnen. Die paulinische Hausordnung steht im 3. Kapitel des Kolosserbriefes. Paulus nennt da zwei Grundgedanken:

1)    Wir sind von Gott geliebt – ergänze: alle ohne Ausnahme –  d.h. auch das sog. „schwarze Schaf“, das es in jeder Familie gibt. Gott nimmt alle an und erträgt auch jene, mit denen wir uns schwer tun.

2)    Weil das so ist, sollen auch wir uns um Großherzigkeit mühen. Das Stichwort lautet „einander“. Daran hapert es oft. Entweder versuchen wir, den Familienfrieden durch ein strenges Reglement elterlicher Autorität zu sichern oder – das andere Extrem – die einzelnen Familienmitglieder leben nebeneinander her und keiner kümmert sich um den anderen.

Aufeinander Acht geben, sich ehrlich kümmern ohne übertriebene Sorge, einander tragen und er-tragen – das ist ein Familienprogramm, das wir ständig einüben müssen.

Wir würden aber heute all denen nicht gerecht, die – aus welchen Gründen auch immer – in keiner traditionellen Familie  leben, sondern allein geblieben sind oder vom Partner verlassen wurden. Auch die unterschiedlichen familienähnlichen Lebensgemeinschaften können wir nicht einfach ignorieren, auch wenn sie nicht dem Schöpfungsgedanken entsprechen. Vater, Mutter, Kind(er) sind für Christen immer noch das unverzichtbar hohe und erstrebenswerte Lebensmodell.

Vielen Mitbürgern in familienähnlichen Lebensformen sagt das heutige Fest deshalb nichts. So müssen wir zum Schluss noch einmal betonen: irdische Beziehungsformen sind nur Bild und Gleichnis für eine ganz andere, viel tiefere Gemeinschaft. Zuletzt gründet jede Gemeinschaft in einem beziehungswilligen Gott. Dass Gott in seinem Sohn Mensch geworden ist, dürfen wir dankbar als Beweis seines Willens erkennen, mit uns – mit einem jeden von uns – in eine lebensförderliche Gemeinschaft einzutreten.

Nicht Fleisch und Blut, nicht menschliche Bindungen allein, geben uns die Würde, sondern die Tatsache, dass Jesus, der Sohn des lebendigen Gottes, unsere Menschennatur angenommen und uns Gemeinschaft mit Gott geschenkt hat.

Die Erneuerung einer Familienkultur bleibt eine ernst zu nehmende Aufgabe. In Gebet und persönlichem Einsatz in unserem privaten Umfeld können wir mithelfen, dass unsere kranke Gesellschaft heil wird und die Familien nach der Ordnung Gottes wieder eine Zukunftschance bekommen.

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