Noch einmal ganz neu anfangen

Predigt am 3. Sonntag im Jahreskreis  – 27. Januar 2013
Lesungen:  Neh 8,2-4a.5-6.8-10 / 1 Kor 12,12-31a / Lk 1,1-4.4,14-21
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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familienkonferenz„Wie geht es Dir? Was gibt es Neues?“
Wenn sich Freunde nach längerer Zeit wieder treffen, haben sie sich viel zu erzählen. Dass wir einander das Leben erzählen, gehört zu unserer sozialen Natur.  So lernen wir etwas über uns und über unsere Mitmenschen. Wir reden über Gott und die Welt und erfahren uns dabei lebendig. Wer nicht mehr im Austausch der Erfahrungen und Ereignisse steht, ist abgeschnitten vom Leben. Er ist nicht mehr „auf dem Laufenden“. Er lebt sozusagen am Leben vorbei.

Alle sozialen Kommunikationsmittel leben von dem Bedürfnis nach Teilnahme am Leben. Sie versorgen uns täglich mit den neuesten Nachrichten. Es ist nicht bedeutungslos, wer in der Politik gerade das Sagen hat, wer Präsident in den USA ist, Kanzler in Deutschland, Bischof in Regensburg oder Papst in Rom. Denn die führenden Persönlichkeiten in Kirche und Gesellschaft entscheiden über unsere Lebensbedingungen und deuten die großen Ereignisse der Welt. Wir wollen wissen, was in der Welt geschieht und wie wir uns einzurichten haben, damit unser Leben gelingt.

Das gilt auch für die Welt des Glaubens. Deshalb hat der Apostel Lukas sein Evangelium wie folgt eingeleitet: „Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über das abzufassen, was sich bei uns ereignet hat. Sie hielten sich an die Überlieferung. …. Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Anfang an sorgfältig nachzuforschen, um es … der Reihe nach aufzuschreiben“. Die Nachwelt soll wissen, wie es damals mit Jesus von Nazareth war.

Das gleiche Schema finden wir im Buch Nehemia. In der Zeit nach dem Exil, als die Israeliten wieder in ihre Heimat zurückgekehrt waren und noch einmal ganz von vorne anfangen konnten, fragten sie nach den alten Überlieferungen. Sie wollten wissen, wie alles so gekommen ist. Sie lassen sich von Esra aus dem Buch ihrer Geschichte mit Gott vorlesen. So gewinnen sie ihr Selbstverständnis wieder. So beantwortet sich ihre Frage: wer sind wir, woher kommen wir, wie hat das alles begonnen und worauf läuft unser Leben hinaus. In diesem Rückblick finden sich viele Ereignisse, über die das Volk nur staunen kann, Erfolgs- und Misserfolgsgeschichten, aber auch Regeln des Lebens, die sich bei den Vorvätern bewährt haben.

Es ist beeindruckend, wie ergriffen die Zuhörer waren, als sie mit ihren alten Geschichten konfrontiert wurden. Eine Mischung aus Trauer und Freude überfällt sie. Und Esra deutet diese eigenartige Stimmung in einmaliger Weise: „Seid nicht traurig“, sagt er. „Geht, haltet jetzt ein festliches Mal. Macht euch keine Sorgen. Die Freude am Herrn ist euere Stärke“.

Sich erinnern an das Gute, ohne das Böse, das auch da war, zu verdrängen, dankbar gewahr werden, dass in allen Irrungen und Wirrungen ein roter Faden zu finden ist, eine weise Fügung und Führung, das bringt den Menschen zum Staunen und Danken. Und aus dieser Einsicht gewinnt er Zuversicht für die vor ihm liegenden Aufgaben.

Auf zwei Dinge sollte man daher achten:

1.  Man muss ab und zu aussteigen, um dann wieder einzusteigen. Aussteigen aus dem täglichen Lauf des Lebens.  Den gewohnten Ablauf der Tage unterbrechen – nicht nur durch eine Arbeitspause, durch Urlaub und Freizeit, sondern auch durch Nachsinnen und Beten und durch Lesen in der eigenen Geschichte. Das „miteinander Reden“ ist keine verlorene Zeit. Früher war das bei den Familientreffen selbstverständlich. Man hat sich die alten Geschichten erzählt, von Lebenden und Verstorbenen, von nahen und fernen Verwandten. Die Heranwachsenden waren mitten drin und haben dabei gelernt, wer sie sind, zu wem sie gehören und worauf es im Leben ankommt.

2.  Sich den letzten Fragen des Lebens stellen. Es sind nicht die leichtesten Fragen. Es sind die Fragen nach Gott, nach dem eigenen Lebenssinn. Antworten finden sich nicht in den Börsenberichten, auch nicht in den politischen Nachrichten, sondern in den alten religiösen Schriften, in der Bibel, in den religiösen Überlieferungen, durch die Teilnahme an Gottesdiensten.

Das fällt vielen von uns  schwer, weil wir von einer Informationsflut überschwemmt werden. Leben als Christ ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Es ist weithin ein Schwimmen gegen den Strom, ein Leben gegen den Zeitgeist und gegen die Einreden der Welt, was man heute zu denken und zu tun hätte. Manchmal scheinen die Menschen nur in Notzeiten zu lernen, worauf es wirklich ankommt. Man braucht ja keine Katastrophen herbeireden. Aber ein nüchterner Blick auf unseren Lebensstil verstärkt die Sorge, dass wir unaufhaltsam unsere Lebensgrundlagen zerstören – und erst dann erschrocken aufwachen!

Gott hat mit den Menschen immer wieder einen neuen Anfang gemacht. Seine Zusage aus dem Mund des Propheten gilt: Ich denke Gedanken des Friedens und nicht des Verderbens. Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben (vgl. Jer 29,11). Die Gebetsversammlung, zu der Esra eingeladen und in der er die alten Lebensgesetze vorgelesen hat, hat bei den Zuhörern Zuversicht und Freude bewirkt.

In der Synagoge in Nazareth hatte auch Jesus mit einem Paukenschlag den Beginn einer besseren Zeit angekündigt: heute, sagte er, hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt erfüllt.

Und der Apostel Paulus liefert mit seinem Bild vom Leib mit den vielen Gliedern die Vision einer  besseren und menschlicheren Gemeinschaft. Hoffen wir, dass auch wir aus unseren sonntäglichen Gebetsversammlungen mit neuem Lebensmut wieder nach Hause gehen können – mit der Zuversicht, dass die Freude an Gott auch unsere Kraft ist.

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