Eine stumme Botschaft: Jesus ging weg

Predigt am 4. Sonntag im Jahreskreis  – 03.  Februar 2013
Lesungen:  Jer 1,4-5.17-19 / 1 Kor 13,4-13 / Lk 4,21-30
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche  Gedanken aus St. Bonifaz  (hier)
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Jesus ging weg. Er schritt mitten durch die Menge hindurch und verließ seine Heimatstadt Nazareth. Diese von Lukas geschilderte Szene wollen wir näher betrachten. Denn sie enthält eine Botschaft ohne Worte, die uns auch heute noch angeht.

Was war geschehen?
Jesus-in-NazarethJesus nimmt an einem jüdischen Synagogengottesdienst teil und ergreift nach der Schriftlesung das Wort – ein gewöhnlicher Vorgang.  Seine Rede findet Beifall bei allen. Erstaunt fragen sie, wer dieser Gastprediger sei? Einige kennen ihn als ortsansässigen Sohn des Bauhandwerkers Josef. Andere wundern sich über die ganz andere Art zu predigen. Die Stimmung kippt um. Ablehnung und Wut gegen diesen modernen Prediger machen sich breit.  Man drängt ihn schließlich aus der Synagoge hinaus an den Stadtrand und will ihn sogar umbringen. Die Aufregung muss groß gewesen sein, der Ärger über Teile seiner Rede gewaltig! Was hatte Jesus denn Schlimmes gesagt?

Es waren wohl die beiden Geschichten aus der Bibel, mit denen Jesus die Zuhörer ungewollt provozierte. Das Glaubensbekenntnis Israels lautete:
Wir sind das Volk Gottes. Die Herde seiner Weide. Jahwe, unser Gott, steht auf unserer Seite. Er hat unser Volk Israel erwählt, aus dem Sklavenhaus Ägypten befreit, durch die Wüste geführt und ihm im Land der Verheißung einen neuen Lebensanfang geschenkt. Gegen alle Feinde hat Gott unser Volk  beschützt. Nur bei uns wird der wahre Gott anerkannt und verehrt. Die Andersgläubigen sind gottlose Heiden. Sie können die Erwählung Gottes nicht empfangen, weil sie in der Finsternis des Heidentums gefangen und in Schuld verstrickt sind. Sie sind fern der Liebe und des Erbarmens Gottes.

Dieses „Glaubensbekenntnis“ stellte Jesus indirekt in Frage, als er die beiden Geschichten erzählte:

Die erste Geschichte:
Während einer Hungersnot in Israel wird der Prophet Elija ins Ausland, ins Land der Heiden, geschickt, nach Sarepta, um dort einer Witwe zu helfen. Zur gleichen Zeit bleiben die Hungernden im Land Jahwes ohne Hilfe: der  Prophet kann im eigenen Land  nichts bewirken, im Heidenland hingegen wirkt er.

Die zweite Geschichte:
Zur Zeit des Propheten Elischa leben viele Aussätzige  in Israel. Aber ausgerechnet der heidnische Syrer Naaman wird von seinem Aussatz geheilt, hingegen kein Kranker in Israel.

Um zu verstehen, welchen Ärger diese beiden Geschichten bei den Zuhörern auslösen mußte, sollte man einmal ähnliche Geschichten aus  unserer Zeit erfinden. Sie  könnten so lauten:

Es gibt viel Not und Elend im neuen Volk Gottes, in seiner Kirche. Aber Gott sendet seine helfenden Boten zu denen, die aus der Kirche ausgetreten sind oder ihr gar nicht angehören. Dort, bei den Neuheiden, wirkt Gott Zeichen und Wunder.

Oder: viele gute und fromme Christen erleben in Zeiten der Not keine Hilfe, während die Anderen, die Ungläubigen, die sich nicht um Glaube und Kirche kümmern, anscheinend glücklich leben.

Wer unter uns hat nicht schon einmal so gedacht und sich gegen Gott aufgelehnt? „Jetzt habe ich so viel gebetet – und mir wurde nicht geholfen. Aber den Kirchenfernen und Gottesleugnern geht es gut. Was ist das für ein Gott?“

Wir sollten diese Frage ruhig stellen: was ist das für ein Gott? Eine schnelle Antwort werden wir nicht finden, sondern erst einmal verstummen angesichts dieser unbegreiflichen Tatsachen. Im geduldigen Lesen der Hl. Schriften ließen sich vielleicht doch Spuren einer Antwort erkennen,  so z.B. in den beiden Lesungen des heutigen Sonntags.

Die Antwort der ersten Lesung könnte heißen: Gott ist unbegreiflich, einmalig und ein souveräner Herr. Alle Machthaber dieser Welt müssen vor ihm verstummen und die Knie beugen. Unbegreiflich sind Gottes  Wege und Ratschlüsse. Er lässt sich in Zeiten der Not nicht einfach wie ein Trostplaster für unsere Wunden gebrauchen. Im Gegenteil. Er kann erschreckend ernst eingreifen in das Lebensrad eines Menschen. Schon vom Mutterschoss an kann er einen Menschen ausersehen für sein befremdliches Werk. Er kann einen Menschen an die vorderste Front des Lebens stellen, ihm unangenehme und schwierige Aufgaben zutrauen. So war es bei Jeremia. Könige, Beamte und Priester von Juda und das Volk auf dem Land stellten sich damals gegen ihn, den unbequemen Mahner, der seinen Landsleuten mit der unbequemen Botschaft in den Ohren lag: beugt eure Knie nur vor Gott. Er ist der einzige Herr. Verlasst euch nicht auf Menschen!

Wir fragen betroffen: wer von den Herrschern unserer Tage verneigt sich gern? Wer will zugeben, dass es über ihm noch einen Größeren gibt? Heute wie damals nimmt der Mensch Anstoß an der Wahrheit, dass er eigentlich nichts vermag. Vielmehr handelt er so, als ob er selber Gott wäre. Und wer ihn dabei stört durch eine Botschaft von einem allmächtigen Gott, der muss mit Ablehnung rechnen.

Jeremia hat man verfolgt, eingesperrt. Zuletzt musste er nach Ägypten fliehen. Was ihn durchhalten ließ, war Gottes Zusage: Mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen: Denn ich – Gott – bin mit dir, um dich zu retten!

Die Antwort aus der zweiten Lesung, dem sog. Hohen Lied der Liebe, könnte lauten: Gottes Handeln geschieht aus unbegreiflicher Liebe. Alle irdischen Werte, alles, was uns wichtig und wertvoll erscheint, prophetische Rede, Erkenntnis, Zungenrede – alles ist nur Stückwerk, vergänglich und unvollendet.

Selbst wenn uns manchmal alles ungerecht erscheint, Gott uns fremd und unverständlich vorkommt, sollen wir uns nicht täuschen lassen: unser Gott, ist kein heimtückischer Tyrann, sondern der Gott der Liebe. Unser Weg zu ihm ist wie das Beiseiteschieben von Schleiern, die sein Antlitz vorläufig nur in Umrissen erscheinen lassen, seine Liebe ins Zwielicht rücken, so dass wir aufbegehren möchten und ihm Ungerechtigkeit vorwerfen: „Wie kannst Du, Gott, dich der Ungläubigen erbarmen und die Gläubigen vernachlässigen?“, fragen wir.

Dieser Eindruck entsteht, weil wir nur verschleierte Bilder von Gott haben. Unvollkommen ist unsere Erkenntnis. Aber einmal werden wir ihn von Angesicht zu Angesicht schauen und ihn sehen, wie er wirklich ist: ein Gott der großen, der ungeahnten Liebe ‑ zu allen Menschen.

Das war die Entdeckung des Hl. Paulus. Und darum konnte er auch die engen Grenzen seines Judentums sprengen und den Heiden die frohe Botschaft verkünden – ganz in der Linie der Propheten, die im heidnischen Ausland Wunder und Zeichen wirkten: bei der Witwe von Sarepta und an dem Syrer Naaman.

Wir müssen uns immer wieder mit dieser unbegreiflichen Seite Gottes befassen, nicht zu klein von ihm denken und meinen, wir könnten schon wissen, wie weit er gehen dürfe mit seiner Liebe zu den Menschen. Sonst könnte es uns so ergehen wie den Zuhörern Jesu damals in der Synagoge von Nazareth. Mit einem Mal könnte uns Jesus zum Ärgernis werden und unser urteilendes Verhalten wäre für ihn Anlass, aus unserer Mitte wegzugehen.

Beugen wir die Knie vor dem großen und unbegreiflichen Gott. Trauen wir ihm seine Liebe zu allen Menschen zu, dann kann Jesus, der Herr, in unserer Mitte bleiben und die Wunder seiner Rettung wirken.

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