Zu viele Worte – ein lebendiges Wort

Predigt am 5. Sonntag im Jahreskreis  – 10.  Februar 2013
Lesungen:  Jes 6,1-2a.3-8 / 1 Kor 15,1-11 / Lk 5,1-11
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche  Gedanken aus St. Bonifaz  (hier)
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hörender„Wörter machen Leute“ – unter diesem Titel erschien vor einigen Jahren ein Buch des Journalisten Wolf Schneider. Darin weist er nach, dass heutzutage derjenige Erfolg hat, der gut und viel reden kann.

Ob Schneider recht hat? Darüber kann man streiten. Aber unbestritten ist eine Inflation der Worte.  Die Meister der Redekunst verdienen zudem viel Geld – wie etwa der Spitzenkandiditat der SPD Peer Steinbrück. In den Medien tobt gleichzeitig ein scharfer Konkurrenzkampf  um die besten Sendeplätze: wer hat die beste, am besten die nie endende Talkshow.

Wer kritisch zuhört, wird bald zweierlei erkennen:  eine ausufernde Geschwätzigkeit  und eine zunehmende Sprachlosigkeit.  Angesichts so vieler Nöte und Probleme, die uns heute belasten, schweigt man lieber zu den wesentliche Fragen und ergeht sich in oberflächlichem Geschwätz.

Mitten in diesem Dilemma steht auch die Kirche, stehen die Prediger an jedem Sonntag, wenn sie in Menschenworten das Wort Gottes zur Sprache bringen sollen.

Es braucht schon eine große Offenheit, die Worte der Hl. Schrift zu hören und zu akzeptieren, dass Gott sich selbst mitteilen will. Wir glauben, dass in den Hl. Schriften Worte Gottes aufbewahrt sind. Die Bibel ist eben mehr als nur eine interessante Literatur.

In den Lesungen des heutigen Sonntags lassen sich verschiedene „An-reden“ vernehmen, die beim Zuhörer etwas in Bewegung bringen können: Erschrecken, Ansporn und Appell, dem lebendigen Wort Gottes Gehör zu verschaffen.

Erinnern wir uns:
Jesaja erzählt, er habe im Todesjahr des Königs Usia den Herrn gesehen! Eine gewagte Behauptung! Denn an anderer Stelle der Hl. Schrift lesen wir: „Niemand hat Gott je gesehen“ (Joh 1,18). War es so oder war es nur die Deutung eines seelischen Erlebnisses, ein Traumbild, eine Vision? Wer kann das verbindlich entscheiden?

Lukas erzählt: die Freunde Jesu hatten nach dem unerwartet reichen Fischfang den Eindruck, Jesus könne gar kein gewöhnlicher Mensch sein. In ihm sei ihnen Gott selbst begegnet.

Auch heute treten Menschen mit ähnlichem Anspruch auf. Der Franzose André Frossard etwa veröffentlichte sein Bekehrungserlebnis in einem Buch mit dem Titel: „Gott existiert – ich bin ihm begegnet“.

Lassen wir solche persönliche Zeugnisse einmal kommentarlos stehen und vergleichen wir die beiden Bibelstellen miteinander.

Im gewöhnlichen Alltag geschieht Gottesbegegnung:

  • Im Todesjahr das Usia: eine  Zeitangabe
  • Am See Genesareth: eine Ortsangabe

In unerwarteten Ereignissen ebenso:

  • Bei Jesaja in einer Vision
  • Bei den Jüngern beim erfolgreichen Fischfang.

Normalerweise fischt man im See Genesareth nur bei Nacht. Da kommen die Fische an die Wasseroberfläche. In unserer Erzählung aber stellt sich der reiche Ertrag bei Tag ein.

Das Erschrecken des Jeremia vor dem heiligen Gott und seiner Herrlichkeit: „Weh mir, ich bin verloren“. (Jer 6,5). Geblendet von der Größe Gottes kommt sich der Mensch sehr sehr klein vor.

Das Erschrecken der Jünger nach dem reichen Fischfang. Petrus fällt Jesus zu Füßen: „Herr, geh weg von mir, ich bin ein Sünder!“ (Lk 5,8)

Jeremia erfährt durch den Engel mit der glühenden Kohle Reinigung und hört die Frage, ob er bereit sei, für Gott zu gehen, sich senden zu lassen.

Simon Petrus hört aus dem Munde Jesu: Fürchte dich nicht, – was so viel heißt wie: Du bist angenommen, obwohl du dir so klein vorkommst.  Auch er soll sich nun senden lassen – als  Menschenfischer.

Was können diese Erzählungen uns heute sagen? Teilen wir einmal die Überzeugung des hl. Paulus in seinem Brief an die Hebräer: „Oft und auf vielerlei Weise hat Gott zu den Menschen gesprochen – zuletzt durch seinen Sohn…“ (vgl. Hebr. 1,1) dann trifft zu, dass der geheimnisvolle Gott wirklich dem Menschen begegnen will und dass andererseits der Mensch als Geschöpf Gottes zu solcher Begegnung befähigt ist. Seit wir von Jesus Christus wissen, dem Gottessohn mit Menschenantlitz, darf man sagen: wir begegnen Gott im Menschen.

Deshalb neige ich mich mit der gleichen Ehrfurcht dem Mitmenschen zu, wie sie Gott gebührt. Ich kann Gott nur die Ehre erweisen, wenn ich gleichzeitig seine Schöpfung und seine Geschöpfe achte.

Martin Buber berichtet in seinen Erzählungen von einem Schüler, der den Rabbi fragt: „Sage mir! Früher hat es Menschen gegeben, die Gott von Angesicht zu Angesicht geschaut haben. Warum gibt es die heute nicht mehr?“ Und der Rabbi antwortet: „Weil sich niemand mehr so tief bücken kann“.

Sich bücken können, sich den Dingen und den Menschen liebevoll zuneigen können, selber einfach, demütig und bescheiden zu sein, das wäre die Voraussetzung einer Gottesbegegnung.

Die Fischer am See von Genesareth gehörten zu den kleinen Leuten im Land. Vom Propheten Jeremia kennt man keinen grandiosen Lebenslauf, er ist keiner von adeliger Abstammung, von königlichem Geblüt.

Wer Gott begegnen will, muss sich zu den Kleinen gesellen. Das bestätigt auch Jesus in seiner Jüngerunterweisung, wenn er sagt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich eingehen.“

Es ist  gut, das oberflächliche Gerede  zu fliehen und in die Stille zu gehen. Nicht alle Worte, die wir hören, haben das gleiche Gewicht. Wer sich liebevoll allem zuneigt, wird Unwesentliches überhören lernen und Worte des Lebens vernehmen, Spuren Gottes im Alltag, Zeichen seiner liebenden Gegenwart.

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