Den ersten Stein werfen?

Predigt am 5. Fastensonntag C – 17. März 2013
Lesungen:  Jes 43,16-21 / Phil. 3,8-14 / Joh 8,1-11
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche  Gedanken aus St. Bonifaz  (hier)
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ehebrecherinDas Wort Jesu: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, hat Geschichte gemacht. Es wird häufig dann zitiert, wenn ein Mensch öffentlich angeklagt wird und wir dabei das Gefühl haben: es könnte möglicherweise alles ganz anders gewesen sein. Der Beschuldigte ist vielleicht Opfer eines tragisches Schicksals – wie es offenbar bei der  Sünderin im Evangelium der Fall war: Frauen wurden aus reiner Überlebensnot nicht selten in die Prostitution gedrängt.

Öffentlich bekannt gewordenes Vergehen wird nach unserem Rechtsverständnis auch öffentlich geahndet. Aber gleichzeitig wissen wir, wie unsicher unser Urteil ist. Der Prophet Jesaja bemerkt einmal: „Unsere Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid“ (vgl. Jes 64,5). Um niemanden ungerecht zu verurteilen, erinnern wir uns deshalb an das Wort Jesu. Er mahnt zur Vorsicht. Wir sollen nicht vorschnell jemanden verurteilen.

Wie lässt sich aber diese  Zurückhaltung im Urteil mit der Forderung nach Gerechtigkeit und Beachtung der Gebote vereinbaren? „Man muss das Übel mit der Wurzel ausrotten“, sagen die einen. Die anderen meinen:  „Es ist besser, die Wurzel zu heilen“. Aber wer kann das, und wie kommt man überhaupt an die Wurzel heran? Ist Strafe ein geeignetes Mittel zur Besserung? Oder sollen wir nur die Tat  verurteilen, den Täter aber straflos gehen lassen? Das sind schwierige Fragen.

Aus der Geschichte, die wir von Jesus gehört haben, kann man eigentlich nur eines schließen: Wirklich heilen und helfen kann nur die Liebe. Und die Liebe geht manchmal an risikoreiche Grenzen. „Wenn Gott die Liebe ist, darf die Liebe keine Grenzen haben, da auch die Gottheit nicht in Grenzen eingeschlossen werden kann“, sagt Papst Leo der Große (+ 461). Liebe verwirklicht, was schon die Propheten gewusst haben: Gott wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen, den glimmenden Docht nicht auslöschen!(vgl. Jes 42,3)

Wie sollen wir nun dieses anspruchsvolle Leitbild in die Tat umsetzen? Welche praktischen Hinweise gibt es für den Fall, dass wir in eine vergleichbare Situationen wie Jesus geraten. Da handelt ein uns vertrauter Mensch erkennbar falsch, bringt sich und vielleicht auch andere in einen moralischen Konflikt. Soll man gar nicht reagieren und wegschauen oder dreinschlagen? Soll man strafen oder Güte walten lassen?

Es fällt auf, dass in allen drei Lesungen des heutigen Sonntags ein wenig beachteter Hinweis enthalten ist, der einen Ausweg aus dem Dilemma zeigt. Der Prophet Jesaja, so hörten wir in der ersten Lesung, redet vom Handeln Gottes an seinem Volk – und zwar in der Gegenwart: der Herr bahnt einen Weg durch Meer. Es heißt nicht: er bahnte (also früher einmal), es heißt auch nicht: er wird eines fernen Tages einen Weg bahnen. Daraus läßt sich schließen: die rettende und helfende Tat Gottes an seinem Volk ist immer ein Geschehen im Heute, im Hier und Jetzt. Wie um das zu bekräftigen, ermutigt der Prohpet seine Zuhörer sogar, nicht mehr an das Vergangene zu denken: „Denkt nicht mehr an das, was früher war. Auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues!“ Und das geschieht also jetzt, in der Gegenwart!

In der zweiten Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper taucht ein ähnlicher Gedanke auf. Vergangenes wird dem Vergessen anheimgegeben. Das Neue kann im Hier und Jetzt nur entstehen, wenn man nach vorne schaut. Paulus wörtlich: „Ich vergesse, was hinter mir liegt und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir ist“.

Und schließlich die wenigen Worte Jesu an die Sünderin, nachdem er sie öffentlich nicht bloßgestellt und verurteilt hat: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“. D.h. mach Dir keine Sorgen um das Vergangene, um das, was war. Ich verurteile dich nicht. Ich rechne Dir Deine Vergangenheit nicht vor!

So kann nur Gott reden. Er entlässt die Sünderin nicht einfach ins Beliebige, sondern führt sie auf einen neuen Weg. Sie soll sich bekehren und neu anfangen – aus der Kraft der Gnade.

Man hat oft gerätselt, was es für eine Bewandtnis hat mit der seltsamen Geste Jesu: „Er bückte sich und schrieb auf die Erde“ – oder wie andere Übersetzungen sagen: „… in den Sand“. Bekannt ist, dass man im Orient gern auf sandigen Boden Buchstaben und Zeichen geschrieben hat – z.B. als Wegweiser – oder auch um ein Wort zu bekräftigen – wie wenn man es auf eine Tafel – für alle sichtbar- schreibt.

Manche meinen, dies sei auch ein schönes Symbol dafür, dass die Schuld nicht Bestand hat. Denn, was in den Sand geschrieben wird, kann der Wind schnell verwehen. Keine Spur davon ist mehr zu finden.

Wissen wir jetzt mehr, wie wir uns angesichts von Schuld und Versagen verhalten sollen? Ja.

Wir werden zwar nicht einfach entlassen in die Gleichgültigkeit und das Nicht-Hinschauen, sondern wir bleiben in einer schmerzhaften Spannung zwischen Geboten und Regeln des Zusammenlebens und der Barmherzigkeit, die wir von Gott erfahren haben.

Aber das kann nur bedeuten, dass wir zurückhaltender werden mit vorschnellen Urteilen und keinen Menschen festlegen auf seine Vergangenheit. Was war, darf nicht wie ein unüberwindbares Hindernis den weiteren Weg eines Menschen verstellen. Denn Gott schafft immer im Hier und Heute Heil.  Er öffnet jedem von uns einen neuen Anfang in eine neue Zukunft. Wie könnten wir sonst von einem Evangelium, einer „Frohbotschaft“ sprechen?

Wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, dann ist sie nur unter dem barmherzigen Blick Gottes denkbar. In zwei Wochen feiern wir Ostern, das Fest der Auferstehung, des Anfangs eines neuen Weges. Wir schauen nach vorne, nicht zurück und wir trauen unserem Gott alles zu – auch das Außergewöhnliche, wie wir es im Verhalten Jesu gesehen haben.

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