Die ganz andere Revolution

Predigt zum Gründonnerstag C – 28. März 2013
Lesungen:  Ex 12,1-8.11-14 /  1 Kor 11,23-26 / Joh 13,1-15
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche  Gedanken aus St. Bonifaz  (hier)
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fusswaschungDie Fußwaschung soll heute Abend im Mittelpunkt unserer Meditation stehen. Das andere wichtige Zeichen in der Gründonnerstagsliturgie, die Tischgemeinschaft im Hl. Mahl, kann ja eigentlich erst dann vollzogen werden, wenn die Tischgenossen ihre Beziehungen untereinander geklärt und befriedet haben. Auf dem Heimweg sollte dann Stille einkehren. Denn die Nacht bricht an, in der Jesus auf dem Ölberg verraten wurde. Sehr verschiedene Stimmungen und Ereignisse rufen wir also heute in Erinnerung.

Die Fußwaschung ist im Orient zur Zeit Jesu eine Geste der Gastfreundschaft. Auf den staubigen Sandwegen Israels werden die Füße bei dem damals üblichen offenen Schuhwerk schmutzig. Deshalb gibt man dem Gast beim Betreten eines Hauses Gelegenheit zur Fußwaschung – so, wie wir heute noch unsere Schuhe reinigen, bevor wir ein Haus betreten.

So bietet Abraham den drei vorüberziehenden Fremden vor seinem Zelt ein Fußbad an. Auch Abigail verneigt sich vor den Dienern Davids, die im Auftrag ihres Herrn zu ihr kommen und wäscht ihnen auf dem Berg Karmel die Füße. Schließlich erzählt die Bibel von einer Fußwaschung im Haus des Pharisäers Simon. Dort war Jesus zu Gast: Maria Magdalena wäscht ihm die Füße. Den Männer im Judentum war es nicht erlaubt, mit einer Frau in der Öffentlichkeit zu reden oder sie gar zu berühren. Gegenüber den tuschelnden Gästen nimmt Jesus die Frau in Schutz. Er erinnert seinen Gastgeber Simon auch daran, dass er ihm diese Geste der Gastfreundschaft nicht gewährt hat. Wahrscheinlich wollte Simon den Besuch nicht zu hoch hängen, um nicht in den Verdacht zu geraten, er sei ein heimlicher Anhänger Jesu.

Was aber der Evangelist Johannes erzählt, ist mehr als ein ortsüblicher Brauch. Es ist ja nicht irgendwer, der diesen Dienst verrichtet – und es sind nicht irgendwelche Leute, denen die Füße gewaschen werden. Was normalerweise der Haussklave tut, dazu hat sich Jesus entschlossen: in den Augen seiner Jünger ist Jesus ein Rabbi, ein Lehr- und Lebensmeister, also jemand von höherem Rang. Das ist das Ungewöhnliche an dem ganzen Vorgang. Ohne Aufsehen erhebt sich Jesus und bringt durch sein Verhalten die ganze Tischordnung durcheinander. Reihum geht er zu seinen Jüngern – wie ein Sklave. Man kann sich die betroffenen Gesichter der Jünger gut vorstellen. Was soll denn das nun, werden sie sich gedacht haben. Das ist doch nicht in Ordnung!

Petrus, mit Worten immer schon schnell, spricht es auch aus: So nicht! Da wird ja die Welt auf den Kopf gestellt: Füße waschen ja, aber nicht durch den Hausherrn und Gastgeber, sondern – wie es sich gehört – durch den dafür abgestellten Haussklaven.

Jesus aber lässt sich nicht beirren. Herunter beugt er sich. Er, der Sohn Gottes! Nicht irgendein Mensch, nicht irgendwer. Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, beugt sich in Jesus vor dem Menschen, seinem Geschöpf, und erweist ihm einen Liebesdienst!

Wenn uns diese Ungeheuerlichkeit einmal wirklich bewusst geworden ist, kann es uns schon so ergehen wie dem Petrus. Alles sträubt sich gegen solche Verkehrung! Niemals darf doch Gott so in den Staub gehen, niemals darf sich Gott so vor seinem Geschöpf erniedrigen! Niemals darf Gott uns dienen! – So fühlen und denken wir. Wenn schon Dienst, dann so: das Geschöpf muss dem Schöpfer dienen, der Mensch muss Gott seinen schuldigen Dienst erweisen. Das ist doch die richtige Ordnung, oder?

Wir tun uns schwer mit dem Verhalten Jesu. Aber vielleicht müssen wir so verstört werden von dieser beispiellosen Szene, um ihren Sinn erst zu begreifen.

Was war denn hier wirklich los? Jesus wollte, wie er später einfühlsam erklärt, ein Zeichen setzen. Ein Zeichen für ein ganz anderes, ein neues Miteinander seiner Jünger, für ein neues Sozialverhalten der Menschen überhaupt.

Das alte Miteinander, das in festen Regeln und Ordnungen abläuft, wo jeder seinen Platz hat und immer einer über einem anderen – und umgekehrt ein anderer unter einem anderen steht – dieses Gefüge einer falsch verstandenen Hierarchie taugt nicht mehr für das Leben im Reich Gottes. In der neuen Wirklichkeit, die von Gott her kommt, herrschen andere Gesetze. Da wird es zwar auch Überordnung und Unterordnung geben – alles andere wäre Sozialromantik ohne Realitätsbezug. Aber es ist eine menschenfreundliche Hierarchie, eben eine „Heilige Ordnung“. Heilig meint in diesem Zusammenhang, dass sie von Gott dem Heiligen her, bestimmt ist und dass weltlicher Rang und Name zweitrangig bleiben. Ausschließlich der liebende Dienst aneinander hat Vorrang. Welche Rolle einer im sozialen Gefüge hat, darf nicht zum Maßstab für Bevorzugung oder Benachteiligung werden, darf nicht Wertschätzung oder Geringschätzung steuern.

Jesus wollte keine soziale Revolution, kein Chaos der Beziehungen. Er hat während seines ganzen Lebens die bestehenden gesellschaftlichen und religiösen Ordnungen anerkannt, aber er hat die Machthaber und Herrschenden immer wieder daran erinnert, dass ihre eigentliche Aufgabe Dienst ist. Bewahrt haben wir diese Idee nur noch in Worten, wenn wir z.B. den Inhaber eines hohen politischen Amtes Minister (=Diener) nennen! Die Wirklichkeit sieht anders aus. „Wer unter euch der erste sein will, der sei euer Diener“, sagt Jesus und er sagt es nicht nur, sondern lebt es auch vor.

In unseren Tagen sind wir oft Zeugen einer tiefen Erschütterung von Autoritäten. Kaum eine Persönlichkeit in einer Führungsrolle, die nicht in der Öffentlichkeit – vor allem durch die Medien – angegriffen und mit Häme bedacht wird. Den Betroffenen muss das weh tun. Wenn Kritik der Sache nach gerecht ist, müssen sie sich schon fragen, wie sie ihr Amt führen und ihre Pflichten den Menschen gegenüber wahrnehmen. Wenn der Stil aber beleidigend und würdelos ist, wird unser Gemeinwesen mutwillig zerstört und ein friedliches Zusammenleben auf Dauer unmöglich. Jüngstes Beispiel dafür war ein Beitrag über Papst Franziskus in der TAZ am 15. März. Der Kommentator Deniz Yücel nannte ihn einen reaktionären alten Sack – wie seinen Vorgänger und dessen Vorgänger. Die öffentliche Empörung blieb aus.

Jesu Verhalten zwingt zum Nachdenken darüber, wie wir miteinander umgehen, wie wir unsere Beziehungen gestalten. Nicht nur die oberen Zehntausend müssen sich fragen lassen, ob sie ihr Amt als Dienst verstehen, sondern auch wir – die weniger wichtigen sog. Alltagsmenschen – stehen vor dieser Frage.

Zuerst sollten wir das Beispiel Jesu nachahmen, bevor wir uns entrüsten über die Großen in der Welt. Es wäre ein beredtes Zeichen, wenn die Liebe – und zwar die einfache alltägliche Tat der Liebe vor allem anderen Tun den Vorrang hätte. Am Tun der Liebe ist alles gelegen!

Am Vorabend des Karfreitag erhalten wir also einen einfachen Hinweis: wir sollen einander in Liebe dienen. Das lernen wir von Jesus Christus. Es ist das Grundgesetz der neuen Ordnung von Gott her. Das ist auch das Programm des neuen Papstes Franziskus. Ein Ruck sollte durch unsere Gesellschaft und Kirche gehen. Sind wir Christen doch auf Christus getauft und stehen deshalb unter dem Anspruch der Barmherzigkeit und des  Dienstes. Sollte sich dieses Verhalten gegen alle Skepsis doch immer mehr unter uns durchsetzen, wäre das eine ganz andere Revolution.

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