Ehre sei Gott in der Tiefe

Predigt zum Karfreitag C – 29. März 2013
Zentralter Bibeltext: Johannes-Passion (Joh 18,1-19,41)
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche  Gedanken aus St. Bonifaz  (hier)
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kruzifixusDas Ende des Lebens Jesu, sein Leiden und Sterben am Kreuz, lassen wir uns in der Liturgie des Karfreitags vom Evangelisten Johannes schildern. Eigentlich ist jedes deutende Wort dazu eher störend als hilfreich. Wir sprechen ja auch von ei­nem „unsagbaren“ Leid, das uns die Sprache verschlägt. Wäre also nicht Schweigen besser als Reden?

Und doch müssen wir reden, müssen es wenigstens versuchen, eine Brücke zu bauen zwischen den Ereignissen damals in Jerusalem auf Golgotha und dem, was wir heute erleben.

Die Passion Jesu  verstehen wir ja nicht als ein einmaliges Ereignis ohne jeden Bezug zu unserem  oft genug auch abgründigen Alltag. Denn der da am Kreuz starb, war – wie der römische Hauptmann nach dem Evangelium des Markus bekannt hat – der Sohn Gottes, nicht irgendein Mensch, nicht irgendein religiöser Erneuerer. Gott selbst also blickt vom Holz des Kreuzes herab auf seine Menschheit. Sein Blick trifft uns – stumm, fragend und einladend – und wir können seine Worte hören, die er den Jüngern bei der Fußwaschung im Abendmahlsaal gesagt hat: „Begreift ihr, was ich euch getan habe?“

Um euretwillen habe ich das Kreuz angenom­men, damit ihr spürt, dass ihr in euerem Leiden, in euerem Elend, in eueren Abgründen von Schuld, Not und Tod, nicht alleingelassen seid. Ich bin hinab gestiegen in das Reich des Todes, damit ihr in euerem täglichen Leiden und Sterben nicht verzweifelt, sondern Hoffnung gewinnt. Meinen Tod bin ich in die Hände des Vaters hinein gestorben – und er hat mich bewahrt vor dem endgültigen Absturz. Er hat mich auferweckt zum endgültigen und unauslöschlichen Leben, das von jetzt an bereit steht – für euch.

Nach den großen Fürbitten wird das verhüllte Kreuz zur Verehrung aufgerichtet. Man kann nach vorne gehen und sich verneigen vor dem unbegreiflichen Geschehen auf Golgotha. Und in diesem Verneigen können wir Kon­takt aufnehmen zu unserem eigenen Elend wie zum Elend der ganzen Welt – zu den Leidenden in Syrien, in Pakistan, in Afganistan, in Mali, zu den Kranken und Sterbenden in dieser Stunde in Regensburg und überall auf der Welt, zu den psychisch Kranken und Verletzten, den Menschen auf der Flucht, den Hungernden, denen, die keine Hilfe erfahren, den Niedergeschlagenen und Süchtigen, den an allen möglichen Wahnvorstellungen Gefesselten.

Die Wunden, die wir an dem Gekreuzigten sehen, sind die Wunden, aus denen unsere ganze Welt blutet. Christus am Kreuz ist der schweigende Austragungsort des Weltendramas. Zwischen Himmel und Erde eingespannt voll­endet er, was wir nicht vermögen, holt er heim, was verloren ist, zieht uns alle an sich, damit wir uns bergen können in seiner unbegreiflichen Liebe.

Der Karfreitag ist die Antwort Gottes auf die bohrenden Fragen unserer Zeit. Die ganze Welt ist seither bezeichnet mit dem Zeichen des Kreuzes – und es ist ein Zeichen des Sieges. Wenn der Karfreitag der Welt durchgestanden sein wird, wird Gott das Antlitz der Erde erneuern. Ostern wird auch Ostern der Welt sein. Das ist unser Glaube, der Glaube der Kirche, den wir in der Osternachtsliturgie wieder erneuern wollen.

Wenn die Engel bei der Geburt Jesu in Bethlehem gesungen haben: „Ehre sie Gott in der Höhe“, dann könnten sie in Kenntnis der Dramas der Erlösung am Karfreitag gesungen haben: „Ehre sei Gott in der Tiefe“. Denn näher kann Gott uns nicht kommen, als wenn er in die tiefsten Tiefen unseres Elends hinabsteigt und uns dort die Hand reicht zum Aufgang in die neue Welt Gottes. Darin finden wir unseren Halt, unserer Zuversicht und Hoff­nung. Aus der Tiefe unserer Erdennacht gibt es nur einen Ausgang. Den hat Jesus gezeigt. Er ist vorangegangen. Wir können ihm folgen.

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