Die große Wende

Predigt zum Osterfest C – 31. März 2013
Lesungen: Apg 10,34a.37-49 – Kol 3,1-4 – Joh 20,1-9
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Emmausjünger-modernSie hatten es gerade noch geschafft! Tiefes Aufatmen bei allen Beteiligten: beim römischen Statthalter Pilatus, bei Herodes, beim Hohen Rat, der geistlichen Behörde in Jerusalem. Nun konnte das alljährliche große Pessachfest sicher stattfinden. Immerhin war die Stadt übervoll mit Pilgern aus aller Herren Länder. Wenn da einer zündelt, kann schnell ein Flächenbrand entstehen. Deshalb muss man schnell handeln und die zwei Unruhestifter, vor allem aber den Wanderprediger Jesus noch vor dem Fest – in einem Eilverfahren – verurteilen und hinrichten lassen. Das Volk hatte ihn doch wenige Tage vorher bei seinem Einzug in die Stadt sogar zum König ausgerufen. Er sei der Messias, munkelte man. Das könnte gefährlich werden. „Ihr bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht“, hatte immerhin einer der Ratsherren bemerkt. (vgl. Joh 10,50).

Um ganz sicher zu gehen, ließ man das Grab des gekreuzigten Jesus von Nazareth auch noch bewachen. Ordnung muss sein. Die öffentliche Sicherheit geht über alles.

Aber es war eine trügerische Sicherheit. Und sie war nur von kurzer Dauer. Schon am Ende des großen Festes ging ein Gerücht um, ein seltsames. Der Leichnam des Gekreuzigten sei nicht mehr zu finden. Das Gerücht kam aus dem engsten Kreis der Anhänger Jesu – und, keine Beweiskraft hatte  – es sollte von Frauen gekommen sein, die nach dem Fest ans Grab gegangen waren, um den Leichnam zu salben. Maria von Magdala sei schon sehr früh am Morgen dort gewesen und habe das Grab leer gefunden. Sie habe es gleich dem Petrus berichtet – und dann ging es wie ein Lauffeuer durch die Stadt.

Twitter gab es damals noch nicht, keine Handys und andere schnelle Kommunikationsmittel. Man darf aber annehmen, dass diese Geschichte wegen ihres unglaublichen Inhalts schnell weitererzählt wurde. Wegen ihrer sozialen Sprengkraft erließen die Verantwortlichen sogar ein Redeverbot für die Jünger Jesu.

Dass hinter all dem eine ganz große Wende, eine Zeitenwende stand, konnte man zunächst nicht ahnen. Aber im Lauf der folgenden Wochen gab es kein Halten mehr. An einem weiteren jüdischen Fest, dem Erntedankfest Schawuot (dem späteren Pfingsten), das 50 Tage nach dem Pessachfest gefeiert wurde, kam es zu einem Flächenbrand. Petrus, einer der zwölf engsten Freunde, der im Prozeß Jesu jämmerlich versagt und dreimal behauptet hatte, Jesus nicht  zu kennen, redete nun öffentlich von der großen Wende: Jesus lebt. Er ist zwar gestorben, aber im Sterben hinübergegangen in die neue Welt Gottes. Von dorther kommt das Feuer einer Lebendigkeit und Lebenskraft, die bisher so nicht bekannt war. Das konnte nur eine göttliche Kraft sein, ein Heiliger, lebendigmachender Geist, der die große Wende im Geschick der Menschheit bewirken und das Antlitz der Erde erneuern würde.

Petrus jedenfalls, der große Versager, tritt jetzt ohne Angst auf und verkündet die Auferstehung Jesu. Dieser sei hinübergegangen in die neue Welt Gottes, heimgekehrt zu seinem himmlischen Vater, von dem er ausgegangen war.

Jetzt ist es offenkundig: der Tod ist nicht das Ende, sondern der Durchgang oder Hinübergang ins wahre Leben. Jesus ist als Erster diesen Weg gegangen – und jetzt können wir unsere Emmauswege gehen als die Enttäuschten und Ratlosen. Denn mit uns geht ein kundiger Wegbegleiter, der den Sinn von allem „Unsinn des Leidens“ aufschließen wird. An uns liegt es nun, sein Deutungsangebot zu hören. Die frommen Vertröstungen können wir ruhig links liegen lassen. Besser ist es, die leidvollen Erlebnisse ans Kreuz zu schlagen. Dort haben sie ihren Platz. Der Gekreuzigte wird sie zur rechten Zeit mitnehmen. Denn er ist vom Kreuz herabgestiegen und durch das Grab hindurch  zum wahren Leben auferstanden.

In einem Kirchenlied singen wir: „Jesus lebt, mit ihm auch ich.“ Wenn das kein Trost ist und kein Ansporn, das Leben hier und jetzt ohne Angst zu ergreifen und nach dem Vorbild Jesu der Liebe zu allen und zu allem den Vorrang zu geben.

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