Bin ich Johannes, bin ich Petrus? Wer bin ich?

Predigt am 3. Sonntag der Osterzeit C –  14. April 2013
Lesungen: Apg 5,27b-32.40b-41 / Offb 5,11-14 / Joh 21,1-19
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Geistliche  Gedanken aus St. Bonifaz (hier)
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petrusSich in die Rolle eines Anderen versetzen, gehört zu den Fähigkeiten eines jeden Schauspielers. Man kann es aber auch als Laie versuchen und wird dabei zu ganz neuen Selbsterkenntnissen gelangen. Diese Übung lohnt sich jedenfalls im Blick auf die Gestalten im Johannesevangeliums.

Der Evangelist Johannes findet die Wahrheit nicht durch intellektuelle Schärfe, sondern durch Intuition und fühlbare Annäherungen. Er ist ein großer Menschenkenner und der Lieblingsjünger Jesu. Er läßt sich berühren  und rührt andere an. Als einziger der Zwölf bleibt er unter dem Kreuz Jesu stehen. Johannes ist der Gegentyp zu Petrus, über den er im letzten Kapitel seines Evangeliums Wichtiges erzählt. Der Gestalt des Petrus wollen wir uns von verschiedenen Seiten her nähern.

Zunächst fällt auf, dass Petrus mit den anderen Jünger nach der Exekution Jesu in seine Heimat zurückgeht – an seinen alten Arbeitsplatz am See Genezareth – also in seinen früheren Beruf als Fischer.

Petrus erscheint als der Entschlossene, der vorausgeht. Er sagt: „Ich gehe fischen“ – und die anderen antworten: „Wir kommen mit“. – Ist das nicht vielleicht schon ein Hinweis auf seine spätere Stellung im Kreis der Zwölf?

Zurückgehen an den Arbeitsplatz und das tun, was man immer schon getan hat – nichts Außergewöhnliches mehr, sondern sozusagen das Normale. Wir kennen das auch. Wir entkommen dem grauen Alltag nicht, auch wenn wir noch so viele besondere Erlebnisse suchen und finden.

Halten wir fest:
Christsein geschieht am täglichen Arbeitsplatz, nicht so sehr in außergewöhnlichen Situationen und Ereignissen, nicht in Fest- und Großveranstaltungen, Jubiläen, Aufzügen und Großversammlungen, in aufwändigen Reisen, sondern eben im ganz gewöhnlichen täglichen Leben. „Ich gehe fischen“ – das ist die Tageslosung des Petrus. Wie könnte sie für mich heißen?

Johannes erzählt sodann von einer Erscheinung Jesu – im Morgengrauen, also im Zwielicht, wo man noch nichts Genaues erkennen kann. Ein Fremder wird vermutet. Im Herzen des Johannes ist der Fremde sogleich der Vertraute – nicht im Herzen des Petrus.

Wieder eine bemerkenswerte Symbolik. Der Lieblingsjünger Johannes erkennt eher, der Handlungsorientierte setzt die Erkenntnis des anderen in Taten um. Petrus läßt sich von Johannes sagen: „Dieser mutmaßliche Fremde ist der Vertraute – Es ist der Herr!“ – und sofort springt Petrus ins Wasser, um ans Ufer zu schwimmen und so  in die Nähe des Herrn zu kommen.

Und dann ist in diesem Sonntagsevangelium noch von dem unerwartet erfolgreiche Fischfang die Rede. Absichtlich wollte der Evangelist Johannes den frühen Christengemeinden damit verdeutlichen, dass nichts ohne den Herrn geht. Und dass alles möglich wird, wenn der Orientierungs- und Bezugspunkt Jesus Christus, der Herr, bleibt. Auf der Suche nach einem sinnvollen Lebenskonzept für Christen darf die Hauptsache – besser die „Haupt-Bezugs-Person“ –  nicht ihren Vorrang verlieren. Im Christentum geht es ja nicht um eine Lehre, sondern um eine Person. Jesus Christus hat – wie es im Kolosserbrief heißt, „in allem den Vorrang“ (Kol 1,18).

Diesen Satz habe ich einmal als Jahresmotto gewählt. Und ich habe beim wiederholten Lesen gemerkt, dass sich mein Leben wie von selbst ordnete, so wie wenn man mit einem Magnet in die Nähe von Eisenfeilspänen kommt – sie richten sich automatisch an dem Magnetfeld aus. Das ist ein schönes Spiel mit viel Symbolkraft: Jesus Christus ist wie ein ordnender Magnet in meinem von vielen Interessen und Aufgaben zerstreutem Leben! Jesus Christus soll in allem den Vorrang haben.

Die Schlussszene kann man nicht ohne Betroffenheit lesen, weil die dreimalige Frage Jesu an den dreimaligen Verrat des Petrus erinnert. Der Eiferer Petrus wurde am Kohlenfeuer im Hof des Hohenpriesters schwach. „Deine Sprache verrät dich“, sagte eine Magd. „Du bist auch einer von den Galiläern“. Das heißt: Du gehörst auch zu den Aufrührern im Umkreis des Jesus von Nazareth. Galiläa war ja bekannt und berüchtigt als Rekrutierungsfeld für allerlei Gesindel. „Kann denn aus Nazareth etwas Gutes kommen“, war ein gängiges Wort; Nazareth liegt in Galiläa. Von dort kamen also die Aufrührer. Und ein Aufrührer wollte Petrus gerade jetzt nicht sein. Das musste aber so erscheinen, wenn man ihn in Verbindung mit Jesus bringen konnte, dem man gerade den Prozess machte. So leugnete Petrus, Jesus zu kennen.

Am Kohlenfeuer im Hof des Hohenpriesters wurde Petrus schwach. Am Kohlenfeuer in Galiläa am See Tiberias wurde Petrus wieder stark. Die peinliche Frage nach seinem Verhältnis zu Jesus beantwortete er jetzt mutig und ehrlich. Denn ein Liebender war er immer gewesen. Nur war seine Liebe manchmal vom eifernden Verstand wie eingekerkert und nicht so frei wie die des Johannes.

Die Geschichte am See endet mit drei Worten: „Folge mir nach“. Das ist das einfachste Programm. Das ist Christentum auf einen Nennen gebracht. Christsein ist ein „Vor-gang“, ein Gehen hinter Jesus her. Alles andere ist zweitrangig,  selbst die Tatsache, dass ausgerechnet dieser Petrus und nicht Johannes den Auftrag Jesu erhält, die Rolle des guten Hirten und des ersten im Jüngerkreis zu spielen.

Johannes und Petrus – zwei Gestalten in der Nähe Jesu – zwei Gestalten auch in meiner Seele? Wer von beiden ist mir näher?

Ab und zu brauchen wir solche nach innen führende Fragen, damit wir den Hauptdarsteller im Spiel unseres Lebens nicht vergessen: Gott in der Menschengestalt Jesu, damit aus Verleugnung Bekenntnis wird – aus Zweifel Glauben – aus Orientierungslosigkeit Orientierung auf Christus hin, der in allem den Vorrang hat.

Zum Bild oben links: 
Jesus sagt zu Petrus: „Weide meine Lämmer“ (vgl. Jo 21,15-19)
Statue am See Genesareth (Israel) bei der Peterskirche

 

 

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