Hören – Fühlen – Ankommen

Predigt am 4. Sonntag der Osterzeit C –  21. April 2013
Lesungen: Apg 13,14.43b-52 – Offb 7,9.14b-17 – Joh 10,27-30
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche  Gedanken aus St. Bonifaz (hier)
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hörenderNicht immer erkennen wir einen  Zusammenhang zwischen den drei Lesungen, die an jedem Sonntag in der Eucharistiefeier vorgetragen werden.

Heute scheint es zu gelingen. Denn der Bericht über das Auftreten des Paulus und des Barnabas während des Synagogengottesdienstes in Antiochien und die Vision des Johannes aus der Geheimen Offenbarung über die Vollendung der Welt bilden eine Klammer, innerhalb derer der große Hirte Jesus zum Heil der Welt und der Menschen wirkt. Wenn der angesprochene Mensch bereit ist, zu hören, ändert sich alles und wendet sich letztlich zum Guten. Weil die in der Synagoge Versammelten gut zuhörten, konnten sie den Reden des Paulus und Barnabas etwas abgewinnen. – Weil alle Menschen aus allen Stämmen und Nationen, die „aus der großen Bedrängnis kommen“ nicht nachgelassen haben im Fühlen und Ertragen der Beschwernisse der Lebenspilgerreise, konnten sie in der neuen Welt Gottes ankommen.

Was bedeuten nun das Hören und Fühlen im Fortschreiten des Lebens? Wir kennen alle das Sprichwort: „Wer nicht hören will, muss fühlen“. Oft wurde es in der Kindererziehung als Drohung gebraucht: wer den Gehorsam verweigerte, musste damit rechnen, dass ihm dieser mit handfester Gewalt eingebleut wurde. Die tiefere Bedeutung dieses Wortes ist uns dadurch leider verloren gegangen.

Was wäre denn der eigentliche Sinn von Hören und was der Sinn von Fühlen im Zusammenhang der heutigen Sonntagslesungen?

Wir lernen das Leben immer nur in kleinen Schritten. Niemand weiß bereits in den Jahren seiner Kindheit, wohin seine Lebensreise geht. Wer unterwegs ist , muss mit Überraschungen rechnen. Er kann auf Umwege oder auch Abwege geraten. Er tut deshalb gut daran, sich einen kundigen Reisebegleiter zu suchen.

Schafherde mit HirtAn diesem Bild möchte ich anknüpfen beim Bedenken der Worte Jesu im heutigen Evangelium: Im 10. Kapitel des Johannesevangeliums deutet Jesus seine Sendung im Bild eines Hirten, der seine Schafe auf gute Weide führt, der sie ein Leben lang begleitet und für sie sorgt. Das Verhältnis Jesu zu den Seinen kann nicht schöner beschrieben werden als im Bild eines sorgenden Hirten. Hirt und Herde sind eine unzertrennliche Lebensgemeinschaft. Eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen dieser Beziehung aber ist, dass die Schafe auf die Stimme des Hirten hören.

Wer sich also in der Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus aufhält, braucht keine Angst mehr zu haben vor den Gefährdungen des Weges, er muss sich nicht mehr sorgen, sein Ziel zu verfehlen. Niemals werden die Seinen zugrunde gehen, sagt Jesus. Denn sie gehören zu ihm – und Er gehört zum Vater. D.h. das Ziel der Lebensreise, nämlich nach der irdischen Pilgerschaft in das ewige Leben beim Vater heimzukehren, ist nicht gefährdet, wenn es eine Beziehung des Hörens gibt. Gibt es diese Beziehung nicht, dann gibt es auch keine Zu-gehörig-keit; dann hängen die Menschen irgendwie in der Luft, beziehungslos, heimatlos, umherirrend.

Im Psalm 107 wird dieser Zustand der Beziehungslosigkeit in einem ständig zu wiederholenden Kehrvers beschrieben; da heißt es über Israel: Sie, die umherirrten in der Wüste, in der Steppe den Weg nicht fanden, die am Ende waren mit ihrer Weisheit, die dann in ihrer Bedrängnis schrien zum Herrn, die er ihren Ängsten entriss …

Darin spiegelt sich das Drama eines gelingenden oder scheiternden Lebens. Beziehungslos leben heißt: nicht hören auf die Stimme Gottes und deshalb aus der Führung und Begleitung herausfallen, den rechten Weg verlieren und umherirren in wegloser Wüste – so lange, bis es einem zu viel wird und man in Bedrängnissen wieder nach Gott zu schreien beginnt.

Es stimmt also doch, was das Sprichwort sagt: Wer nicht hören will, muss fühlen. D.h. er muss das Elend der Beziehungslosigkeit, des Umherirrens in der weglosen Wüste seines Lebens, an Leib und Seele leidvoll fühlen. Aber Vorsicht! Einen Automatismus gibt es da nicht. Der sog. „Tun-Ergehens-Zusammenhang“ ist theologisch nicht haltbar. Wer ein leidvolles Leben zu bestehen hat, darf dies nicht automatisch als „Strafe“ verstehen. Es gibt böse Menschen, die fröhlich in den Tag hinein leben – und es gibt gute Menschen, die Schweres zu tragen haben. Dieses Lebensrätsel lässt sich leider nicht lösen. Vielleicht aber hilft nun doch ein Blick in das letzte Buch der Bibel, die Geheime Offenbarung.

In der endzeitlichen Vision sieht der greise Apostel Johannes auf Patmos eine große Schar von Menschen aus allen Nationen und Stämmen, aus allen Völkern und Sprachen. Sie sind angekommen am Ziel ihrer Lebensreise. Sie gehören nun endgültig zu Gott. Das wird inszeniert in einer großen Versammlung um den Thron Gottes. Gott schlägt ein schützendes Zeltdach über ihnen auf. Die Sonnenglut und die sengende Hitze lasten nicht mehr über ihnen. Es gibt keinen Hunger mehr und keinen Durst. Leben spendendes Wasser fließt in Fülle – und als Höhepunkt des ersehnten Trostes lesen wir: Gott wischt alle Tränen von ihren Augen ab.

Das ist das Ziel – auch unseres Weges: ein umfassendes Erlebnis von Trost und Geborgenheit in Gott. Wir kommen diesem Ziel umso sicherer nahe, je mehr wir die Haltung des Hörens einüben, je mehr wir unsere innere Aufmerksamkeit auf Gott hin lenken.

Das ist nicht so einfach, aber es gelingt immer wieder einmal, wenn wir uns loslösen von den täglichen Beschäftigungen und in die Stille gehen. So z.B. an einem Sonntag wie heute. Warum könnte nicht folgender Gedanke in unserem Herzen Platz finden: Der Herr ist mein Hirt. Von ihm darf ich alles erwarten. So will ich mein Ohr öffnen, um seine Stimme zu hören und ihm zu folgen. Umso sicherer wird mein Leben gelingen, jetzt schon unterwegs – und zum Ende meiner Lebensreise.

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