Den Abschied gestalten

Predigt am 5. Sonntag der Osterzeit C –  28. April 2013
Lesungen: Apg. 14,21-27 / Offb 21,1-5a / Joh 13,31-33a.34-37
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
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abschied-1Wann  haben Sie in letzter Zeit einen Abschied erlebt, der ihnen wirklich zu Herzen ging? Diese persönliche Frage lässt sich  nicht so leicht beantworten. Denn wir leben in einer Zeit, die von vielen Abschieden geprägt ist: das Kommen und Gehen, die Zusammenkünfte und die Abschiede sind fast täglich geworden.

Früher waren es wenige, aber intensivere Begegnungen, die das Leben der Menschen prägten. Man lebte in ländlichen Gegenden nicht so dicht beieinander. Manchmal sah man sich nur am Sonntag beim Kirchgang oder flüchtig bei der Feldarbeit. Der große Familienverband und die  Vereine prägten die Beziehungskultur. Wer da Abschied nahm, weil er z.B. in die Stadt zog oder  wegheiratete, wie man sagte, oder wer starb, hinterließ immer ein starkes seelisches Abschiedsgefühl.

Der muslimische Erfolgsautor Navid Kermani beschreibt in seinem neuen Roman, wie sein Großvater als junger Bursche mit der Kutsche von Isfahan nach Teheran fuhr. Er wollte dort die „Schule der Franken“  – wie die Schule in amerikanischer Trägerschaft hieß – besuchen. Vier Tage und vier Nächte war man damals unterwegs. Heute sind es vier Stunden mit dem Auto. Die Abschiedszene mit der Großfamilie ist eindrucksvoll geschildert. Das war ein tränenreiches Ereignis. Dem Leser wird klar: je mehr man mit einem Menschen verbunden ist, je näher man ihm steht, desto mehr fürchtet man sein Weggehen. Das ist auch heute noch so.

Wir dürfen annehmen, dass es im Kreis der Zwölf um Jesus von Nazareth ähnliche Gefühle gab, als ihnen langsam dämmerte, dass er dem  Schicksal seiner letzten Stunde entgegenging. Der Evangelist Johannes hat solche Stimmungen in den sog. Abschiedsreden zusammengetragen: Gespräche, Zeichenhandlungen, Worte Jesu – in mehreren Kapiteln.

In der Osterzeit wird aus dem Johannes-Evangelium häufig vorgelesen. Eine der eindrucksvollsten Szenen hören wir jedes Jahr am Gründonnerstag: die Fußwaschung. Zum Schluss verdichtet sich die Atmosphäre, als klar wird, dass der Verräter mitten unter ihnen sitzt. Als dieser frühzeitig die Abendmahlsrunde verlässt, setzt Jesus noch einmal an mit Abschiedsworten an die Adresse seiner Jünger. Wenige Sätze davon haben wir eben gehört.

Man könnte sie so zusammenfassen:
Weil Abschiedsstunde ist und Jesus nur noch für eine kurze Zeit bei den Jüngern sein wird, ist für nebensächliches Gerede kein Platz mehr. Nur das Allerwichtigste muss noch einmal gesagt werden – und das ist die Mahnung zur gegenseitigen Liebe. Das erinnert an alte Erzählungen über das Sterben eines Familienoberhauptes im Kreis seiner Angehörigen. Immer sagen sie zu den Hinterbliebenen: Haltet zusammen und streitet nicht! Diese Mahnung ist schon fast selbstverständlich, als ob es so sein müsste, als ob  nichts anderes zu erwarten wäre, weil das Leben gar nicht anders gelebt werden könne!

Wir können solchen Wünschen zustimmen. Denn wir ahnen, dass sich das Leben vor allem in Abschiedsstunden verdichtet. Wie wenn ein Film abläuft, in dem man noch einmal alle Höhen und Tiefen erleben kann und erst daraus die heilsame Erkenntnis gewinnt, was mir der konkrete Mitmensch wirklich bedeutet.

Auch in den  Lesungen – aus der Apostelgeschichte und aus der Geheimen Offenbarung – treffen wir auf eine vergleichbare Lebensweisheit.

Durch viele Drangsale müssen wir in das Reich Gottes gelangen, sagen Paulus und Barnabas, kurz bevor sie eine Gemeinde verlassen und zur nächsten weiterziehen. Sie sind unterwegs und tragen von einer Gemeinde in die andere die gleiche Wahrheit vom Reich Gottes, die der Schreiber der Offenbarung in knappen Sätzen zusammenfasst: „Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen – Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein. Gott wird bei ihnen sein“ (Offb. 21,3).

Dieses Unterwegs-Sein, dieses Auf und Ab in unserem Leben, das Hin- und Herwogen der Stimmungen – mal geht es einem gut, mal geht es einem schlecht, dieses ganze bunte Leben und Treiben – wird sich eines Tages beruhigen und besänftigen. Und was wird dann sein?

In den großen Visionen des Sehers Johannes auf Patmos bekommen wir eine Ahnung davon, wenn er schreibt: „Gott wird alle Tränen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Throne saß, sprach: Seht, ich mache alles neu (Offb. 21,4).

Kein Mensch kann ohne Hoffnung und ohne positive Erwartungen in die Zukunft leben. Selbst wenn alles düster herschaut, halten wir an den Verheissungen fest. Und je mehr wir uns um das einzig Wichtige und Richtige mühen, um das einander Ertragen, einander Lieben, umso mehr wächst das kleine Senfkorn Hoffnung und gibt uns Kraft, jeden neuen Tag zu bestehen. Auch Abschiede verwandeln sich nach einem kurzen Schmerz in die Zuversicht des Wiedersehens – in einer ganz anderen Gestalt, die wohl nur dem Herzen vertraut ist.

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