Wohin der Weg der Sehnsucht führt

Predigt am 6. Sonntag der Osterzeit C –  5. Mai 2013
Lesungen: Apg 15, 1-2.22-29 / Offb 21,10-14.22-23 / Jo 14,23-29
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
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gottesdienstMax, 18 Jahre alt, lebt ohne Beziehung zur Kirche. Ein Suchender in Sachen Religion ist er jedoch. So betritt er eher zufällig am Sonntag eine Kirche. Dort wird gerade die Messe gefeiert, aus einem Buch werden fremde Texte vorgelesen. Was in ihm vorgeht, wissen wir nicht. Wir können uns aber vorstellen, dass sein Vorurteil über die Kirche bestätigt wird. Denn was er da hört,  klingt eher nach Vertröstung auf eine bessere Zukunft, die angeblich irgendwann einmal kommen wird.

Alleingelassen mit seinen Fragen geht er wieder auf die Straße. Da war keine Antwort auf seine Frage, wie sein Leben gelingen kann. Gerade berichten die Medien vom evangelischen Kirchentag in Hamburg: mehr als 100.000 Teilnehmer sollen sich dort aufgehalten haben. Ob sie nach dieser Großveranstaltung klüger geworden sind und mit dem Motto „So viel du brauchst“ etwas für ihr tägliches Leben anfangen können?

Irgendwie müssen wir Max recht geben.  Die biblischen Texte sind mehr als 2000 Jahre alt. In der Offenbarung des Johannes wird etwa die Erfüllung der Sehnsucht des Menschen im Bild einer neuen zukünftige Stadt vorgestellt. Dieses neue Jerusalem sei ein Zustand vollkommener Zufriedenheit. Wie lange aber müssen wir noch darauf warten?

Damals bedeutete eine Stadt schon Sicherheit und Frieden. Auch noch im Mittelalter waren Städte gute Orte für das gelingende Leben – vor allem in Notzeiten. Sie waren umgeben von starken Mauern, bewehrt mit bewachten Türmen, ausgestattet mit Vorratsspeichern, gefüllt mit Lebensmitteln. Wer Bürger einer Stadt war, durfte sich glücklich schätzen. Heute schauen wir mit Sorge auf unsere Megacities. Das Bild einer Stadt taugt heute nicht mehr für die Vorstellung eines gelingenden Lebens.

Gerade in unseren Tagen aber schätzen wir Frieden und Sicherheit und sind fassungslos über die willkürliche Zerstörung von Wohnraum etwa in Syrien, über anhaltende Kriege überall auf der Welt.  Wir können nicht begreifen, dass Waffenstillstandsabkommen zwar geschlossen, aber nicht eingehalten werden. Was ist das für ein Friede, der ausgehandelt und doch wieder aufgekündigt wird?

Den Wortlaut solcher Abkommen kennen wir nicht. Aber wir ahnen, dass es oft nur ein Ausgleich materieller Interessen, eine Neuverteilung der Macht und bestenfalls der Güter ist. Reicht das allein schon aus? Kann ein Friede Bestand haben, der sich nur auf innerweltliche Werte stützt?

Jesus hat von einem Frieden gesprochen, den die Welt nicht kennt (vgl. Joh 14,27). Was meinte er damit? Verweilen wir kurz bei unseren Erfahrungen. Den Frieden und das Gefühl von Geborgenheit spüren wir dann, wenn alles, was wir selbst nicht in den Griff bekommen, aufgehoben ist in der Macht eines Anderen, dem wir vertrauen können. Das ist eine zeitlose Menschheitserfahrung.

Wenn es nun einen Menschen gäbe, dem ich restlos vertrauen könnte, würde mich nichts mehr aus der Ruhe bringen. Keine Angst um die Zukunft würde mein Herz quälen, keine Sorge um vergangene Fehler mich belasten. Wenn es einen solchen Menschen gäbe!

Ist es redlich zu sagen: den gibt es nicht? – Im Laufe des Lebens begegnen wir vielleicht einmal einem Menschen, der diese Geborgenheit und diesen Frieden ausstrahlt – aber auch dieser Mensch wird irgendwann einmal enttäuschen und vor allem: er wird eines Tages auch sterben. So werden wir – unserer Sehnsucht nach Frieden kaum auf der Spur – doch wieder zurückgeworfen und ernüchtert wegen der Schwäche und Sterblichkeit unserer besten Freunde.

Wie aber, wenn dieser gesuchte Mensch Jesus wäre? Wir erleben, dass Friede und Sicherheit durch Mitmenschen vermittelt werden können. Wenn nun Gott seinen Frieden vermitteln will, kann er das nur, indem er Mensch wird und uns in menschlichen Gebärden begegnet. Genau das aber hat er in Jesus getan: Jesus war – im Äußeren wie ein Mensch – der Sohn des lebendigen Gottes, der einzige und wirkliche Garant und Bringer des Friedens, der Einzige, der unsere tiefste Sehnsucht kennt und erfüllen kann.

Gott hat in Jesus von Nazareth mitten unter uns gewohnt. Vor seinem Abschied aus dieser Welt sagte er:  „Ich gehe fort und komme wieder zu euch. Ich habe es euch jetzt gesagt, bevor es geschieht, damit ihr glaubt, wenn es geschieht“.

Ankunft und Abschied, Nähe und Distanz sind die beiden Pole, um die die geheimnisvolle und immer währende Gegenwart Gottes unter uns kreist. Sich dem Mensch gewordenen Gott Jesus Christus anzuver­trauen, heißt einerseits dem Mitmenschen zutrauen, dass er friedensfähig ist und andererseits bereit sein, von ihm Abschied zu nehmen. Denn der Mitmensch ist immer nur ein unvollkommenes Zeichen Gottes und seines ganz anderen Friedens, den die Welt nicht kennt.

In unserem Mühen um Frieden sollen wir also den Weg zum Mitmenschen nicht verlassen. Es ist der richtige Weg, wenn auch Enttäuschungen unausweichlich sind. Wir können sie verkraften, weil der Glaube an Jesus über den konkreten Mitmenschen hinausweist auf Gott. Der Friede und das sichere Wohnen haben seine Wurzeln in der neuen Welt Gottes und wenn beides dort verankert ist, hat der Mensch eine Chance, mitten in den Gefährdungen seines Lebens zuversichtlich unterwegs zu bleiben.

Max wird hoffentlich einmal einem guten Menschen begegnen und nicht nur alte religiöse Texte zu hören bekommen. Sollte dieser Mensch ein gläubiger Christ sein, könnte ich mir vorstellen, dass die Vorurteile gegenüber der Kirche hinfällig werden. Denn die  neue Stadt, das himmlische Jerusalem, wartet auf alle, die ihre Sehnsucht nicht verraten, sondern unterwegs bleiben als Suchende und Glaubende – ob in oder außerhalb der Kirche. Und Christen können das bezeugen.

 

 

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