Die Geschichte Gottes mit uns ist noch nicht zu Ende …

Predigt am 7. Sonntag der Osterzeit C –  12. Mai 2013
Lesungen: Apg 7,55-60 / Offb. 22,12-14.16-17.20 / Joh 17,20-26
Alle liturgischen Texte (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
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dreiheit-einheitKein Wort der hl. Schrift ist wirkungslos in den Wind gesprochen. Jedes Wort enthält Trost und Verstörung zugleich, ist immer auch eine Lehre für unser Leben und  wie ein Mosaikstein eines großen Bildes von Gott und seiner Schöpfung, vom Menschen und sei­ner Bestimmung für die Zeit und die Ewigkeit.

 

Das trifft auch für die Texte des heutigen Sonn­tags zu.

  • Aus der ersten Lesung entnehmen wir, dass es falsch ist zu meinen, der Himmel sei verschlossen.
  • Aus der zweiten, dass es fahrlässig ist zu glauben, die Geschichte Gottes mit dem Menschen sei schon zu Ende.
  • Und aus dem Evangelium, dass sich Jesus bei seinem Abschied von dieser Welt keineswegs zur Ruhe setzen und nichts mehr mit uns zu tun haben wollte.

Von Stephanus erzählt die Apostelgeschichte, daß er Unglaubliches schaute, von Johannes berichtet die Offen­barung, daß er etwas Ungewöhnliches hörte, und der Evangelist Johannes weiß Unglaubliches, dass Jesus uns teilnehmen lassen will an seinem Leben, an seiner einzigartigen Beziehung zu Gott, seinem Vater.

Kurz vor seinem Tod sinkt Stephanus in die Knie und betet:  „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“. Was ist das für eine Sünde? Es ist der Zweifel daran, daß der Himmel offen ist. Es ist der Zweifel daran, daß der Menschensohn Jesus zur Rechten Gottes sitzt – und es ist die unsinnige Tat, den Zeugen dieser Wahrheit, den Stephanus dafür zu steinigen.

Wie, wenn wir dem Stephanus glauben würden? Was heißt das: der Himmel ist offen? Sehr viel! Denn immer war es die große Sehnsucht des Menschen, aus sei­nen Mängeln und Unvollkommenheiten auszuziehen und etwas ganz Großes zu erreichen. Der Mensch will hoch hinaus. Niemand von uns kann sich mit dem zu­frieden geben, was er ist und was er hat. In uns steckt eine unstillbare Sehnsucht nach Höherem. Das Wort „Himmel“ ist dafür ein Symbol. Sagen wir nicht, wenn wir etwas Glückliches erleben: „Das ist wie im Himmel! Das ist der Himmel auf Erden?“

Wenn nun nach dem Zeugnis der Hl. Schrift der Himmel offen ist, dann ist unsere Sehnsucht nicht trügeri­scher Schein, sondern sie hat eine reale Chance. Der Himmel kann von jedem von uns erreicht werden. Er ist nicht mehr mit einer dichten Tür verschlossen, sondern steht offen für alle.  Je­sus sitzt zur Rechten Gottes. Das heißt:  dieser Jesus von Nazareth, ein Mensch wie du und ich ist Gottes Sohn, ein Mensch ganz Gott – und Gott in Jesus Christus ganz Mensch! Keine Trennwand mehr, keine Schranke und kein unüberwindbarer Graben zwischen Gott und den Men­schen. Das ist kaum zu glauben und klingt in den Ohren der Zuhörer des Stephanus anmaßend. Sie möchten ihn deshalb mundtot machen, weil sie glauben, er redet vermessen.

Wir fragen uns: wie sieht das mit unseren Zweifeln aus? Können wir zustimmend sagen: Ja, ich glaube, dass der Himmel offen ist? Oder zweifeln auch wir an Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit? Meinen wir nicht im Grunde unseres Herzens doch, Gott könnte etwas gegen uns haben, weil wir so wenig für ihn üb­rig haben? Meinen wir nicht doch, wir müßten uns den Himmel wie eine verschlossene Bastion „erstürmen“ an­statt zu glauben, daß Gott ihn uns aus Gnade schon aufgetan hat. Unsere Zweifel sitzen tief, unser Glaube ist schwach. Stephanus sollte uns ermutigen. Er hat den Himmel of­fen gesehen!

Johannes, so sagten wir über die zweite Lesung, hörte Unglaubliches, eine Stimme, die sprach: „Siehe, ich komme bald. Ich bin der Erste und der Letzte, der An­fang und das Ende“. Es ist die Stimme Jesu, des Men­schensohnes zur Rechten des Vaters. Er hat sich nicht beim Vater zur Ruhe gesetzt, um von nun an den Din­gen ihren Lauf zu lassen, sondern er rüstet sich zu seiner endgültigen Wiederkunft. Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist noch nicht zu Ende, sondern geht auf ihren Höhepunkt erst zu: auf die Wiederkunft Christi in Herrlichkeit – vor den Augen aller Welt.

Es tut gut, sich diese Lehre in den Tagen zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten wieder einmal in Erinnerung zu rufen. Wir sind immer die Wartenden, immer wie im Advent, immer Ausschau haltend nach der Vollendung der Welt. Unser Glaube ist immer ein erwartender Glaube. In der Euchari­stiefeier beten wir doch nach der Wandlung jedes Mal: „Deinen Tod o Herr verkünden wir und Deine Auferste­hung preisen wir – bis zu kommst in Herrlichkeit“. Das Lieblingsgebet der urchristlichen Gemeinden lautete: Maranatha! Komm, Herr Jesus! Der letzte Vers der Hl. Schrift lautet: „Amen, Komm, Herr Jesus. Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“

Schauen wir jetzt noch kurz auf das Evangelium. Ich habe gesagt, es sei Unglaube zu denken, Jesus könnte jetzt nichts mehr für uns tun. Sein Gebet ist eine immerwährende Bitte an den Vater-Gott um die Einheit aller. Dabei geht es nicht um ein Gefühl, sondern um die reale Einheit in allen Bereichen der Wirklichkeit, um die Einheit zwischen Himmel und Erde, um die Einheit zwischen allen Völkern und Rassen, um die Einheit zwischen den Konfessionen und Religionen, um die Ein­heit des Menschen selbst in seinen innerseelischen Spaltungen.

Das Anliegen Jesu ist die Wiederherstellung von allem Zerbrochenen, Heilung der ganzen unheilen Schöpfung – einschließlich des Menschen. Er will, dass sich in der Schöpfung widerspiegelt, was das Geheimnis des dreifaltigen Gottes selbst ist: die Einheit in der Vielfalt.

„Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, so sollen auch sie in uns sein“. Wir Menschen sind also berufen, am innergöttlichen Leben Anteil zu haben. Gott hat uns eingeladen, an sei­nem Tisch Platz zu nehmen, mit dem Apostel gespro­chen: seine Hausgenossen zu sein.

Auch da dürfen wir fragen: Kann dem Menschen etwas Besseres widerfahren? Kann es eine größere Erlösung geben als die Erlösung aus der Entzweiung in die Ein­heit mit Gott, mit seiner Schöpfung und untereinan­der?

Wir wollen an diesem Sonntag nicht vergessen, was uns in der Hl. Schrift zugesagt worden ist. Der Himmel ist offen. Jesus ist und bleibt der Anwalt für uns beim Vater. Und er wird wiederkommen in Herrlichkeit und alles zur Einheit in Gott vollenden.

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