Füreinander begabt

Predigt am 9. Sonntag im Jahreskreis C – am 02. Juni 2013
Lesungen: 1 Kön 8,41 / Gal 1,1-2.6-10 / Lk 7,1-10
Alle liturgischen Texte (hier)

katholikentagskreuzVor einigen Jahren erschien ein kleines Buch mit dem Titel „Füreinander begabt“. Ein älteres evangelisches Ehepaar hatte es verfaßt. In der Eheberatung wurde es sehr schnell aufgenommen und weiterempfohlen. Es enthält eine einfache, aber sehr wichtige Botschaft: unser Leben kann nicht gelingen, wenn es nicht Menschen gibt, die für uns eintreten, Menschen, denen es ein Anliegen ist, dass es uns gut geht.

Zwei Beispiele für diese Wahrheit finden sich heute in der ersten Lesung und im Evangelium.

Salomon, der Erbauer des Tempels, möchte diesen Ort des Gebetes nicht exclusiv für sein Volk reservieren. Auch Fremde, die nicht zum Volk Israel gehören und aus fernen Ländern kommen, dürfen dieses Heiligtum betreten und dort zum Gott Israels beten.

Das war nicht immer so. Auch in späteren Zeiten achteten die Tempelpriester sehr genau darauf, wer Zugang zum Heiligtum hat. Und auch heute  dürfen andersgläubige Ausländer  das Areal, auf dem der im Jahr 70 n.Chr. zerstörte zweite Tempel stand, nicht betreten. Und Juden deshalb nicht, weil man nicht mehr genau sagen kann, an welchem Ort auf dem großen Gelände das Allerheiligste stand. Ein großes Schild mit dem Verbot ist von der religiösen Behörde in Jerusalem am Aufgang zum Tempelberg aufgestellt. Allerdings ist die politische Realität längst andere Wege gegangen. Denn seit 691 stehen auf der Tempelstätte der islamische Felsendom und seit 705/715 die Al-Aqsa-Moschee und die Muslime haben dort unter dem Schutz der israelischen Staatsmacht Zutritt zum Gebet.

So kann man die äußeren Verhältnisse beschreiben. Viel wichtiger aber ist der innere Kern dessen, was Salomon betete: er trat nämlich fürbittend für die Fremden bei Gott ein. Er machte sich zum Anwalt ihrer Anliegen. Er lebte den Grundsatz, dass wir alle „füreinander begabt“ sind und deshalb auch füreinander vor Gott eintreten sollen.

Die gleiche Wahrheit wird in der anrührenden Geschichte mit dem römischen Hauptmann erzählt. Durch seine Großzügigkeit – er hatte den Juden eine Synagoge bauen lassen – steht er bei den jüdischen Ältesten in hohem Ansehen. Natürlich hört er von dem Wanderprediger Jesus, dass dieser vielen Menschen geholfen hat, Kranke heilen kann und einen neuen geschwisterlichen Umgang predigt. Er kennt auch die Regeln. Juden meiden normalerweise dem Umgang mit Andersgläubigen. Trotzdem wendet er sich vertrauensvoll an seine jüdischen Freunde und diese setzen sich bei Jesus für ihn ein. Auch sie leben den Grundsatz „Füreinander begabt“. Ihnen tut der todkranke Diener des Hauptmanns leid. Sie möchten ihm helfen.

Was uns bei dieser Geschichte besonders anrührt, ist das Verhalten des Hauptmanns und das Verhalten Jesu. Als Römer weiß er, dass es nicht üblich ist, einen jüdischen Rabbi direkt um Hilfe zu bitten. So kann er sich auch nicht vorstellen, dass dieser in sein Haus kommt.

Er läßt aber ausrichten, dass in seinem Beruf als Soldat ganz einfache Gesetze gelten. Wenn ein Vorgesetzer eine Weisung erteilt, wird sie selbstverständlich umgesetzt. Das ist ein Grundgesetz in allen militärischen Einrichtungen. Im zivilen Leben gelten andere Regeln. Aber diese selbstverständliche Gehorsamsstruktur nimmt der Hauptmann als Beispiel dafür, dass der jüdische Wanderprediger und Wanderheiler Jesus von Nazareth eine ähnliche Macht haben muss, wenn er denn – wie man schon in Galiläa erzählt – ein von Gott Gesandter ist.

Auch Jesus lebt das Gesetz „Füreinander begabt“. Sein ganzes Dasein haben gescheite Theologen als „Pro-Existenz“ beschrieben, als ein Dasein für Andere.

Und wir wissen ja vom Apostel Paulus, dass er dieses neue Lebensgesetz mit Zähnen und Klauen verteidigt. „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“, schreibt er im zweiten Kapitel des Galaterbriefes, aus dem wir heute auch vorgelesen haben (Gal 6,2). Und gleich im ersten Kapitel startet Paulus einen scharfen Angriff auf all jene, die das Heil von Gott her wieder für sich und für ihre religiösen Rituale reservieren wollen. Beschneidung sei heilsnotwendig, sagen sie. Und Paulus schreibt, das sei eine Verfälschung des Evangeliums. Denn er habe in seiner Berufungsvision vor Damaskus klar und deutlich erfahren, dass Gott für alle Menschen da ist.

Die Gefahr, sich in eigenen religiösen Welten einzuigeln und nicht auch für andere da zu sein und auch dem Fremden zugestehen, dass er von Gott geliebt ist, diese Gefahr ist immer vorhanden. Und wir tun gut daran, uns bei Salomon und seiner Fürbitte für die Fremden, bei den jüdischen Ältesten in deren Einsatz für einen heidnischen Hauptmann und bei Paulus und seiner kämpferischen Botschaft zu bedanken. Es gibt kein anderes Evangelium. Das Evangelium Jesu Christi ist die Heilsbotschaft für alle Menschen. „Mit Christus Brücken bauen“ heißt deshalb auch das Motto des Katholikentages 2014 in Regensburg. Wir sind eingeladen, wie Menschen zu leben, die „füreinander begabt“ und deshalb auch füreinander da sind und dieser Begabung treu zu bleiben.

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
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