Der Fußballgott und der Mensch gewordene Gott

Predigt am 12. Sonntag im Jahreskreis C – am 23 . Juni 2013
Lesungen: Sach 12.10-11.13,1 / Gal 3,26-29 / Lk 9,18-24
Alle liturgischen Texte (hier)

fussballgottIm fußballbegeisterten Brasilien wächst der Unmut. Die Brasilianer rebellieren gegen den WM-Wahn. 20 Milliarden EURO Steuergelder sollen die beiden Großereignisse kosten: die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympiade 2016.
Nicht nur die Armen, sondern zunehmend auch die Mittelschicht und die Gebildeten wollen diese Gigantomanie nicht mehr mitmachen. Da werden sündteuere Stadien ins Land gesetzt, die später meist leer stehen, während das Verkehrswesen, das Bildungs- und Gesundheitswesen am Boden liegen. So war z.B. ein sarkastischer Eintrag in Twitter zu lesen: „Bring Dein krankes Kind ins Stadion!“

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Der sportliche Wettkampf der Clubs und Nationen um die ersten Plätze ist immer noch besser als ein politischer Kampf mit Waffengewalt um Vorrang, Macht und Einfluss. Aber die Frage muss doch erlaubt sein, wie viel Fußball in den Köpfen, Gefühlen und Geldbeuteln der Menschen Platz einnehmen darf! Ist das Ganze nicht doch nur ein gewaltiges Ablenkungsmanöver, das fatal an die Praxis vor dem Untergang des römischen Weltreiches erinnert? Damals verlangten die Menschen „Brot und Spiele“ – und die Kaiser haben sie großzügig gewährt.

Wenn sich die Probleme ins Unbeherrschbare auftürmen, wächst offenbar die Sehnsucht der Menschen nach Ablenkung. Gleichzeitig keimt die Hoffnung auf eine bessere, heilere Welt. Und wenn dann einer auftritt und die Lösung aller Probleme verspricht und gleichzeitig dem Volk mit Brot und Spielen Sand in die Augen streut, wird er der Wunschkandidat der Vielen.  Wer so etwas ankündigt, gewinnt Zustimmung, ist willkommen und erwünscht – wie ein Messias. Nicht zufällig redet man vom Fußballgott.

Das alles sollte uns Christen nachdenklich stimmen. Wir kennen einen anderen Mittelpunkt der Welt, der uns mehr interessieren sollte als der kleine runde Punkt Fußball. Über die frühen Christengemeinden jedenfalls berichtete um 110 n. Chr. der Statthalter Plinius der Jüngere an den römischen Kaiser: „Sie pflegen sich an einem bestimmten Tag der Woche vor Sonnenaufgang zu versammeln, um Christus als ihrem Gott einen Wechselgesang zu singen.“ Es war der sonntägliche Gottesdienst, der einen wichtigen Platz in der Wochengestaltung einnahm. – Heute hat der wöchentliche Besuch einer Fußballarena Vorrang.

In der gottesdienstlichen Versammlung hörten die Christen – wie heute – von einem  wichtigen Ereignis. Da stand kein Star im Mittelpunkt, kein Weltcupsieger, sondern ein Gescheiterter, um den Totenklage gehalten wurde, einer, auf den das Volk erschrocken schaut. Denn sie haben ihn umgebracht. Der Tod dieses beim Propheten Sacharia Namenlosen war für das Volk damals offenbar eine Katastrophe, aber auch der Beginn einer vom Geist Gottes bewirkten Umkehr des Denkens. Plötzlich waren Erfolge und Siege nicht mehr so wichtig. Worauf es ankam, das erkannten die Verlierer der Geschichte – nicht die Sieger. Das geschlagene Gottesvolk in Jerusalem musste einsehen, dass menschliche Erfolgsgeschichten nicht das letzte Wort haben. Probleme und Sorgen der Menschen scheinen auf eine andere Lösung zu hoffen.

Die dumpfe Ahnung, die sich auch heute noch im stillen Nachsinnen einstellt, hält Ausschau nach einem Ganz Anderen. Und als dann Jesus von Nazareth in Galiläa auftrat und sich den Armen und Vergessenen, den Schwachen, Kranken und Ausgestoßenen zuwandte, ging den Menschen ein Licht auf. Sie konnten anfänglich nicht wissen, wer dieser Wanderprediger eigentlich war. Nur allmählich wurde ihnen klar, dass da mehr war als nur ein Problemlöser. Er selber fragte seine engsten Freunde: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ Unsicher waren sie, rätselten herum – und nur Petrus machte aus seiner Herzensüberzeugung kein Hehl: Du bist der Messias Gottes.

Damit diese Bahn brechende Einsicht nicht missverstanden wurde, erinnerte Jesus an sein Lebens- und Leidensschicksal. Die religiösen Führer würden ihn verkennen: die Hohenpriester und Schriftgelehrten würden ihn verwerfen und töten wie damals den Namenlosen, von dem das Buch Sacharja erzählte.

Das ist nun wahrlich keine Erfolgsgeschichte, mit der man die Massen faszinieren und zu ausgelassenen Freudenorgien verleiten könnte – das ist eine nüchterne und sehr alltägliche Geschichte. Gott ist eben der Gott unseres Alltags. Als menschenfreundlicher und mitfühlend barmherziger Gott sucht er unsere Nähe.

Es sind nicht die vordergründig faszinierenden Erlebnisse, die dem menschlichen Herzen Frieden schenken, sondern die einfache und treue Nähe zu unserem grauen und nicht selten belastenden Alltag, von der wir die Kraft zum Leben erhalten.

Fußball ist eine schöne Abwechslung. Aber die Seele kann sich davon nicht vollwertig ernähren. Wir brauchen eine Kost, die uns durch den Alltag hindurch am Leben erhält. Wir brauchen einen festen Halt, wenn sich manches, was scheinbar Halt bietet, als haltlos erweist, wir brauchen eine Vision über den Rand der Welt hinaus – und wir brauchen eine bedingungslose Bejahung – wir brauchen die Erfahrung, geliebt zu werden. Das ist wahrscheinlich bei einer Massenversammlung im Fußballstadium nur selten zu finden, eher schon in der einfachen Versammlung der Gottsuchenden im Raum der Kirche.

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
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