Christsein ist anspruchsvoll

Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis C – am 30 . Juni 2013
Lesungen: 1 Kön 19,16b.19-21 / Gal 5,1.13-18 / Lk 9,51-62
Alle liturgischen Texte (hier)

Christus-BerufenderEs ist nicht einfach, einen inneren Zusammenhang zwischen den heutigen drei Lesungen zu erkennen. Was können uns die Berufungserzählung des Elischa, das Lehrschreiben des Paulus an die Galater zum Thema Freiheit und der folgenreiche Anfang des sog. Lukanischen Reiseberichtes für unser Leben sagen? Ist es vielleicht nur der Rippenstoß, den einer spürt, wenn Gott unerwartet in sein Leben  einbricht?

Wir hörten, wie sich Jesus gegen Ende seiner irdischen Lebenszeit entschloss, nach Jerusalem hinaufzugehen – wohl wissend, was ihn da erwarten wird, Anklage und Verurteilung zum Kreuzestod wegen Gotteslästerung! Hatte er doch in vielen Streitgesprächen mit den Pharisäern und Schriftgelehrten die Grundlagen der jüdischen Lebensordnung in Frage gestellt und mit dem Hinweis auf ein einziges wichtiges Gebot alle anderen Gesetze und Gebote relativiert.

Wir hörten, dass die Jünger auf dem Weg nach Jerusalem auf die ungastlichen Samariter zornig reagierten, wie Jesus sie deswegen zurechtwies und wie er einem Mann, der mit ihm gehen wollte, harte Nachfolgebedingungen stellte: man müsse völlig frei sein von allem, man werde keine sichere Bleibe mehr haben, könne nicht einmal mehr der Pietätspflicht gegenüber den verstorbenen Eltern nachkommen. Es gelte, ohne Abschied von der eigenen Familie aufzubrechen. Mit dem berühmt gewordenen Satz endete das heutige Evangelium: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.

Das sind ernste Worte, aber für einen jüdischen Frommen nicht ganz neu. Denn für ihn nimmt Gott eine unangefochtene Vorrangstellung ein. Nichts und niemand darf man der Verehrung Gottes vorziehen. Wenn Gott in das Leben eines Menschen einbricht, gibt es kein Halten mehr, keine Bedenkzeit, kein Zögern, sondern nur noch den herzhaften Entschluss, aufzubrechen und alles hinter sich zu lassen.

Jesus hat die Geschichten über den Propheten Elija gekannt. Denn er erinnert an eine Szene, die wir in der ersten Lesung gehört haben: die Berufung des Elischa als dessen Nachfolger. Elischa war wohl ein reicher Bauer. Immerhin pflügt er seinen Acker gleich mit 12 Gespannen. Eines Tages wird er nun mitten in der Arbeit von Elija angehalten. Im Vorbeigehen wirft der Prophet seinen Mantel auf ihn, heißt es. Das ist ein Zeichen des Besitzanspruchs. Wem ich den Mantel umwerfe, der geht künftig unter meinem Schutz und in meinem Auftrag. Der wird mir zum Untertan und Knecht.

Elischa verhält sich so, wie der junge Mann im Evangelium. Er will sich auch noch von seinem Vater und seiner Mutter verabschieden. Das wird ihm zwar gewährt, aber sozusagen nur im Vorübergehen. Festhalten dürfen ihn die Eltern nicht mehr. Er ist bereit, alles zu verlassen und mit Elija zu gehen. Um diesen Einschnitt in sein bisheriges Leben ganz deutlich zu markieren, schlachtet er auch noch seine Rinder und hält ein Abschiedsessen für seine Leute.

Man muss sich vergegenwärtigen, was das bedeutet. Es bedeutet, die bisherige Lebensgrundlage aufzugeben. Der Bauer ist auf seine Tiere angewiesen. Er braucht sie zum Pflügen und für die Ernährung seiner Leute.

Elischa gibt also alles auf, was sein bisheriges Leben getragen hat. Er verlässt alles, um sich ab sofort ganz auf den von Gott kommenden Ruf des Propheten Elija einzulassen. Dieser totale Lebenswandel hat zwei Seiten: eine negative und eine positive. Negativ erscheint die radikale frei gewählte äußere Verarmung. Sofort würden wir einwenden: ja, wovon soll denn dieser Mann in Zukunft leben? Was der macht, ist doch unverantwortlich. Das kann man nicht gutheißen. Positiv erscheint, dass er nun von nichts und niemandem mehr abhängig ist, sondern sich ausschließlich auf Gott verlassen kann.

Dieser Umbruch im Leben eines Menschen erinnert ein wenig an das berühmte Märchen vom Hans im Glück: Hans tauscht immer wieder ein Symbol für Reichtum und Glück gegen ein anderes, ihm noch besser Erscheinendes ein: den Goldklumpen als Abschiedslohn von seinem Lehrherrn tauscht er gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen eine Gans, die Ganz zuletzt gegen einen Schleifstein, den er dann unglücklicherweise beim Trinken in einen Brunnen hinein verliert. Die Geschichte endet seltsam. Denn jetzt erst, wo er ganz veramt ist,  fühlt sich Hans im Glück wirklich im Glück. Völlig unbeschwert und frei vollendet er seinen Weg nach Hause.

Kann es sein, dass in diesen Geschichten auch für uns eine Wahrheit enthalten ist? Kann es sein, dass wir mit der Anhäufung von Gütern, die uns Glück verheißen, eigentlich gar nicht glücklich werden, sondern nur noch mehr Sorgen anhäufen? Hier verknüpft sich nun der Inhalt der alttestamentlichen Lesung und des Evangeliums mit dem Lehrschreiben des Hl. Paulus an die Galater. Paulus stellt die Freiheit als ein großes Geschenk vor. Es ist die von Gott geschenkte Möglichkeit, nichts anderes tun zu müssen als nur zu lieben.

Keine Habe zu benötigen, um glücklich zu sein, sondern nur noch Respekt voreinander und würdevollen Umgang miteinander zu pflegen. Sich nicht mehr von den Verlockungen dieser Welt – in der biblischen Sprache steht dafür Begehren des Fleisches – gefangen nehmen zu lassen, sondern vom Geist Gottes geführt in völliger Freiheit zu leben. Selbst die Gesetze, die Rahmenbedingungen für ein gelingendes Leben, sind nach Paulus nur Hilfsmittel, nicht die Hauptsache.

Die Lesungen des heutigen Sonntags geben uns folgendes zu bedenken: Christsein ist anspruchsvoll, Christsein ist kein harmloser Gang durchs Leben, sondern kann zu einer großen Herausforderung werden. Wenn Gott in die Welt einbricht – und das geschieht manchmal sehr konkret durch unerwartete Ereignisse, die das Leben von heute auf morgen umkrempeln –  dann gibt es kein Halten mehr. Dann müssen die Haltetaue gekappt werden, so wie man das Seil für einen Ballon durchtrennt, damit er in die Freiheit der Lüfte aufsteigen kann.

Gestern haben sich im Regensburger Dom junge Männer zu Priestern weihen lassen. Jeder ist wohl auf seine Weise einem inneren Ruf gefolgt. Wir hoffen und beten, dass sie ihrer Berufung gerecht werden.

Gottes Geist weht doch, wo er will – und nicht, wo die Menschen es gern hätten. Beim Propheten Jesaja lesen wir einen Gottesspruch. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege“ (Jes 55,8).

Christsein ist und bleibt ein anspruchsvolles Abenteuer – und was für eines!

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
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