Geschenk und Aufgabe

Predigt am 14. Sonntag im Jahreskreis C – am 07 . Juli 2013
Lesungen: Jes 66,10-14 / Gal 6,14-18 / Lk 10,1-9
Alle liturgischen Texte (hier)

regenbogenIm Jahr 373 nach Christus starb der Mönch und Kirchenschriftsteller Ephräm der Syrer. Ihm verdanken wir folgenden Hinweis: „Das Wort Gottes ist ein unerschöpflicher Quell des Lebens. Wer könnte mit seinem Geist auch nur eines der Worte ganz verstehen? Das, was wir nicht erfassen, bleibt größer als das, was wir verstehen. Das Wort Gottes hat viele Seiten, die es dem Lernenden je nach seiner Auffassungsgabe darbietet. Gott hat seinem Wort viele Farben gegeben. Wer es erforscht, soll an ihm etwas sehen können, was ihn anspricht.“

Jeder Versuch, biblische Texte verständlich zu machen, steht unter diesem Vorbehalt. Auch was ein Prediger sagen kann, ist nur ein Teil der Wahrheit. Die Hörer sind selber eingeladen, in den Hl. Schriften zu lesen und das zu erkennen, was der Hl. Geist Ihnen persönlich sagen will. Denn Gottes Wort ist – so sagt Ephräm der Syrer, wie eine unerschöpfliche Quelle, aus der alle trinken und ihren Lebensdurst stillen können.

Worum geht es heute?

  • Der Prophet Jesaja verkündet dem geschlagenen Volk Frieden und Trost.
  • Der Hl. Paulus glaubt an die Grenzen überwindende Kraft des Kreuzes Christi.
  • Und vom Evangelisten Lukas erfahren wir, wie Jesus seine Jünger als Friedensboten aussendet. Denn das Reich Gottes ist nahe.

Jesaja lebte im 8. Jahrhundert vor Christus, in einer Zeit, in der die beiden Reiche in Palästina unter ständiger Kriegsangst standen. Das Nordreich wurde schließlich von den Assyrern erobert, später auch das Südreich. Nach der Babylonischen Gefangenschaft und der Rückkehr des Volkes aus dem Exil (seit 538 v. Chr.) war der Neuanfang in Jerusalem schwierig. Der Wiederaufbau ging nur langsam voran. Noch schwieriger war die innere Erneuerung des Volkes.

Wir wissen, dass Menschen in Zeiten großer Not viel Mut und Trost brauchen. Jesaja und später auch seine Schüler hören nicht auf, dem geängstigten und gedemütigten Gottesvolk Trost zuzusprechen. Freilich immer auch mit der Ermahnung, das eigene Leben und den eigenen Lebensstil zu überdenken und umzukehren zum lebendigen Gott, sich nicht weiter in stolzer Selbstüberschätzung aus dem Lebenszusammenhang mit Gott heraus zu halten.

Wie die Geschichte zeigt, hat Jesaja keine Illusionen verkündigt, sondern tröstende Wahrheit von Gott her:  auf Gott ist in jedem Fall Verlass, auch wenn alles noch so düster und trostlos aussieht – es gibt eine Wende. Die Bilder, die Jesaja verwendet, gehen einem zu Herzen, weil sie so menschlich sind. Ich erinnere nur noch einmal an den Gottesspruch: „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch“. Manchmal bräuchten auch wir solche Worte – und nicht nur Ermahnungen und Kritik.

Etwas Vergleichbares hören wir aus dem Mund des Apostels Paulus. Für ihn gibt es die alte Trennung zwischen einem auserwählten Gottesvolk und den  Heidenvölkern nicht mehr. Äußerlich und sozial blieb zwar die Trennung erhalten. Durch die Beschneidung und die Zugehörigkeit zur Synagoge ist sie bis heute erkennbar. Aber Paulus war überzeugt, dass Jesus Christus durch seinen Tod am Kreuz die trennende Scheidewand niedergerissen und Frieden gestiftet hat. Der Preis war hoch. Aus der Sicht derer, die meinten, allein die Wahrheit zu besitzen – aus der Sicht der Schriftgelehrten und Pharisäer – war das Reden und Verhalten Jesu Verrat. Sie konnten es nicht glauben, dass Gott größer ist als menschliches Berechnen und religiöses Handeln. Wie soll ein Unbeschnittener ins Reich Gottes gelangen? Das war die beklemmende Frage in Israel.

Jesus Christus verkündete das Reich Gottes allen Menschen, den Fernen und den Nahen,  denen, die dazugehören und denen, die anscheinend draußen stehen. Jetzt gibt es diese Trennung nicht mehr. Alle sind vom Erbarmen Gottes umschlossen. Alle Menschen können diese Frohe Botschaft annehmen. Dafür wirbt Paulus und gerät deshalb in einen ähnlichen Verdacht wie Jesus – in den Verdacht des Verräters an der Sache Gottes.

Paulus nennt diese Unterstellung sein Kreuz, weil er Ähnliches erleidet wie Jesus. Er fühlt sich an der Seite Jesu und sagt: „Ich will mich des Kreuzes Christus rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.“ Er verteidigt seinen Glauben an die zuvorkommende Liebe Gottes und ermutigt alle zu einem Wandel der Gesinnung – weg vom innerweltlichen Kalkül, vom berechnenden Denken, hin zum Vertrauen auf Gott, der alles in allem zum Guten führen wird – und zwar für alle Menschen.

Revolutionär ist solches Denken schon. Denn es stellt alles Bisherige in Frage. Das bisherige Denken äußert sich z.B. in einer bekannten Redewendung: „Wo kämen wir denn da hin, wenn wir statt Gerechtigkeit Liebe und Erbarmen walten ließen?!“ Unsere Angst und unser mangelndes Vertrauen lassen uns so denken. Wir wollen lieber selber bestimmen, was gerecht und wahr ist, wo Erbarmen angezeigt und wo es nicht angezeigt ist.

Aber auch hier belehrt uns die Geschichte eines besseren: wir drehen uns nur im Kreis, wenn wir nur um uns selber kreisen. Frei werden wir nur, wenn wir um den einzigen und wahren Mittelpunkt von allem kreisen – um Gott selbst.

Jesus hat dazu eingeladen. In seinem Reden und Handeln schimmerte immer wieder durch, was sein Auftrag war: das Reich Gottes mitten unter uns aufzurichten. D.h. dem Frieden, dem Wohl und dem Heil der Menschen Raum zu geben. Da braucht es viele überzeugte Helfer und Helferinnen, Arbeiter für die Ernte nennt sie das Evangelium. Und sie sollen nur eines tun: unter den Menschen da sein, von Haus zu Haus gehen, den Frieden wünschen und heilsam wirken (in der Sprache der Bibel: Kranke heilen). Warum und mit welcher Berechtigung? Der letzte Satz im Evangelium verrät es uns:  „Das Reich Gottes ist euch nahe.“

Es geht also nicht darum, den ersehnten Frieden, das Leben in Freude und Fülle, mit eigenen Mitteln herzustellen, sondern ihn darzustellen. D.h. daran zu glauben, dass er bereits da ist und von uns nur noch ans Licht gehoben werden muss. Nicht wir erwirken das Heil durch unsere Leistung, sondern Gott hat das Heil bewirkt und an uns liegt es, dies im Glauben anzunehmen.

Ein findiger Mensch hat diese Wahrheit einmal so ausgedrückt: mit der Anwesenheit Gottes und seines Reiches in der Welt ist es so wie mit dem Strom in einer Steckdose. Solange man sich dort nicht ansteckt, merkt man nichts davon.

Nimm Deinen Stecker und schließe Dich an den Lebensstrom Gottes an, dann wirst Du erfahren, dass das, was wir jeden Sonntag im Gottesdienst verkünden, kein Lügengebäude ist, sondern befreiende und froh machende Wahrheit.

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
[print_link]

Print Friendly, PDF & Email