Die Antwort auf alle Fragen ist die Liebe

Predigt am 15. Sonntag im Jahreskreis C – am 14 . Juli 2013
Lesungen: Dtn 30,10-14 / Ko l 1,15-20 / Lk. 10,25-37
Alle liturgischen Texte (hier)

Dornbusch-modernEltern erzählen mir manchmal, dass Ihnen ihre Kinder stundenlang mit Fragen in den Ohren liegen. Jede Antwort eröffnet eine neue Frage: Warum? warum? – und ab und zu reißt der Geduldsfaden, weil sie selber nicht mehr weiter wissen oder die Fragen so gestellt sind, dass man sie nicht beantworten kann.

Die Pädagogen sagen, dass sich die Kinder auf diese Weise die Welt erobern: sie stellen sich wie in einem Puzzle-Spiel aus den vielen Antworten ihr Weltbild zusammen und finden sich so mit der Zeit im Leben zurecht. Das Fragen aber bleibt auch über die Kinderzeit hinaus. Auch wer schon Vieles weiß, eine Schulbildung abgeschlossen hat, ein Studium, bleibt ein fragender Mensch. Es gehört zum Wesen des Menschen, zeit seines Lebens Fragen zu stellen. Und das gilt auf allen Gebieten, in allen Bereichen des Lebens. Auch der Christ, der mit einem gläubigen Wissen um seine Bestimmung und Aufgabe unterwegs ist, kommt an schwierigen Fragen nicht vorbei: „Was muss ich tun?“ „Wie soll ich es halten‘?“ „was ist das wichtigste und erste Gebot?“

Fragende Menschen sind uns heute in der Schriftlesung begegnet. Wir wollen hören, welche Antworten sie erhalten haben.

Moses stellt Fragen. Er hatte eine ganz besondere Gotteserfahrung gemacht. Am Dornbusch und auf dem Sinai war ihm Jahwe begegnet. Dennoch muss er Fragen stellen: „Wer bist Du? Was soll ich den Israeliten sagen, wenn sie wissen wollen, wer mich zu ihnen gesandt hat, sie aus der Sklaverei Ägyptens herauszuführen? Mose bekam eine Antwort. Bis heute rätseln die Theologen, wie man die hebräischen Sätze am besten übersetzen soll. Es war eine rätselhafte Antwort. Der zu ihm redete – aus dem Dornbusch – sagte über sich selbst: ICH BIN DA. ICH BIN DER ICH BIN. Was kann man damit anfangen? Soll es heißen: Du, Moses, bist nicht allein! Ich bin immer mit Dir. Wohin Du auch gehst, was immer Dir zustößt: ich bin mit Dir!?

Und weil ich für Dich da bin, und damit ich für Dich da sein kann, halte Dich an die Kommunikationsregeln: halte die zehn Weisungen. Dann wirst Du es erfahren, dass ich Dein Gott bin!

Bei der Offenbarung der zehn Gebote wird immer wieder diese Verheißung eingestreut: Du wirst leben, wenn Du dich fraglos an diese Weisungen hältst.

Heißt das, man muss irgendwann einmal mit dem Fragen aufhören? Man muss irgendwann einmal glauben, frag-los glauben?

In Steine gemeißelt, d.h. für immer gültig, waren Worte der Weisung. Es waren Antworten auf die Fragen des Volkes nach dem richtigen Lebensstil, sogar mit dem Anspruch, überhaupt überleben zu können bei der beschwerlichen Wanderung durch die Wüste. Die vielen Probleme bei so einem Unternehmen lagen auf der Hand. Immer wieder mussten sich die Israeliten fragen: „Wie sollen wir uns verhalten, damit wir nicht untergehen und damit wir durchhalten in diesem weglosen Land der Wüste?!

Da leuchtet es schon ein, wenn Grundregeln vereinbart werden. Z.B. die Grundregel, den Nächsten zu achten und zu lieben, zusammenzuhalten in dieser schweren Zeit. Denn einer allein in der Wüste kommt um. Man ist aufeinander angewiesen. Keiner darf auf Kosten des Anderen leben wollen! Oder z.B. dass man das Eigentum des Anderen achten müsse, jedem das Seine zugestehen müsse.

Eigentlich sind das Selbstverständlichkeiten, aus der Erfahrung des Lebens geschmiedet, eingeschrieben in das Herz des Menschen. Das ist gemeint mit dem Satz: „Das Wort ist Dir nahe. Es ist in Deinem Mund und in Deinem Herzen. Es ist Dir nicht fremd,  aber doch immer wieder in der Gefahr, vergessen zu werden. Es braucht deshalb die Erinnerung und die Ermahnung.

Der Evangelist Lukas stellt uns auch einen Fragenden vor. Diesmal geht die Frage an Jesus. „Was muss ich tun?“ Und weiter…: „Wer ist mein Nächster?“ Jesus antwortet nicht direkt, sondern mit einer Erzählung. Es ist das berühmte Gleichnis vom Samariter, in zahlreichen Auslegungen haben wir es schon gehört.

Wir sind uns einig: der Priester und der Levit haben keine gute Rolle gespielt. Aber Vorsicht mit einer schnellen Verurteilung. Wer den beschwerlichen Weg durch die Wüste kennt, ein Weg, auf dem Straßenräuber immer wieder unschuldige Reisende überfallen, denkt etwas anders: man muss schnell sein und darf sich in gefährlichen Regionen nicht aufhalten lassen. Wo einer schon überfallen worden ist, kann es sein, dass ich auch unter die Räuber falle.

Das ist so ähnlich, wie wir uns heute an einem Verkehrsunfall vorbeidrücken. Man will in das Geschehen nicht hineinverwickelt werden und macht sich aus dem Staub. Jesus kritisiert auch die beiden ausdrücklich nicht. Seine Absicht ist eine ganz andere: er will mit dem barmherzigen Samariter zwei Fragen beantworten:

Erstens: der nächste ist jeweils der, der dir gerade zufällig in die Quere kommt. Nicht irgendein Mensch, sondern der jeweils jetzt meine Wege kreuzt. Nächstenliebe ist also ganz konkrete helfende Tat – hier und heute – und nicht morgen oder übermorgen.

Zweitens: die helfende Tat ist eine einmalige „Soforthilfe“, die den Helfenden auch wieder entlässt in die Freiheit. Der Samariter nämlich gibt den Verletzten wieder aus der Hand. Er bittet den Wirt, für ihn zu sorgen – und setzt unbekümmert seinen Weg fort, geht wieder seinen Geschäften nach, lässt sich also nicht zu lange beim Helfen aufhalten. Das ist, was viele Menschen nur schwer fertigbringen. Zu helfen – und die Hilfe auch wieder zu beenden.

Jesus gibt dem Fragenden eine hilfreiche Antwort. Sie lautet: Frag nicht lange, sondern folge dem Impuls Deines Herzens. Und entlaste Dich zur rechten Zeit auch wieder. Du bist nicht total verantwortlich für Deinen Nächsten. Es gibt auch noch andere Helfer. Gib auch ihnen Gelegenheit, Gutes zu tun. „Don’t play god“, sagt der Psychotherapeut Fred Kanfer – Spiele nicht den Herrgott. Du bist nur ein Nächster für den Menschen, der gerade jetzt Deine Hilfe braucht. Das genügt. Damit erfüllst Du das wichtigste Gebot der Liebe. Dann lass los und warte auf die nächste Gelegenheit, Gutes zu tun.

Wir sind zur Güte befreit, heißt die Botschaft. Wir tragen in uns das gute, das hilfreiche Wort, die Weisung des Herzens von Gott. Ihr zu folgen, ist wesentliche Tat des Christen. Mehr braucht es nicht.

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
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