Beten – wie geht das?

Predigt am 17. Sonntag im Jahreskreis C – am 28. Juli 2013
Lesungen: Gen 18,20-32 – Lk 11,1-13
Alle liturgischen Texte (hier)

betenBeten – wie geht das? Ich habe mich ausführlich mit diesem Thema befaßt und bin auch über das Internet auf viele interessante Anregungen gestoßen. Ist Beten wieder modern geworden? Oder soll man bei dem bekannten Vorurteil bleiben: „Da hilft kein Beten mehr!“

Thomas von Aquin (1274) jedenfalls meint, es läge in der Natur des Menschen, dass er bittet, wenn er von einem andern erhalten will, was er sich wünscht. „Das Gebet ist also in der Veranlagung des Menschen begründet, und durch das Gebet erhalten die Menschen, was sie von Gott zu bekommen hoffen. … Im Gebet geht es nicht darum, Gott unsere Wünsche und Bedürfnisse mitzuteilen, da er doch alle kennt. Im Matthäusevangelium heißt es: Euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet“.

Soweit Thomas von Aquin. Sind wir jetzt gescheiter geworden? Theologische Überlegungen bringen manchmal Licht ins gedankliche Dunkel. Für den täglichen Gebrauch sind aber Geschichten und Bilder  hilfreicher.

In den Geschichten der Bibel werden wir fündig. Wir erfahren, wie Abraham betet und wie Jesus seine Jünger in die Kunst des Betens einführt. Abraham ringt mit Gott wegen der drohenden Katastrophe über Sodom und Gomorra. Man kann sogar schmunzelnd sagen: Abraham schachert mit Gott wie ein orientalischer Straßenhändler. Von 50 Gerechten, um deretwillen die Städte verschont werden sollten, handelt er mit Gott schließlich auf 5 Gerechte herunter!

Jesus hingegen betet ganz anders. Seine Worte sind uns nicht unbekannt. Ein Ausschnitt seiner Jüngerunterweisung ist das „Vater unser“. Und dann kommt seine Einladung, nicht nachzulassen mit den Bitten.

Dennoch bleiben noch viele Fragen offen. Warum beten wir eigentlich, wenn  Gott sowieso alles weiß und alles lenkt? Warum beten wir, wenn wir doch den Eindruck nicht loswerden, dass unsere Gebete nicht erhört werden? Manche Menschen behaupten ja: Handeln ist die einzig sinnvolle Alternative. Das Beten kannst Du vergessen! Andere hingegen sehen jede glückliche Wende in ihrem Leben als das Ergebnis ihrer Gebete.

Aus den Worten Jesu spricht ein einfacher und schlichter Glaube an die Wirksamkeit des Gebetes: Bittet, dann wird euch gegeben. Sucht, dann werdet ihr finden … (vgl. Lk 11,1-13). So einfach soll es sein.

Ich kenne Menschen, die das genau so erfahren haben und auch genau so bezeugen. Und das sind nicht wenige – zu allen Zeiten der Geschichte. Denken wir nur an die vielen Votivtafeln in Wallfahrtskirchen.

Ich kenne aber auch Menschen, die genau das Gegenteil behaupten und es auch belegen können: das Gebet hat mir nicht geholfen, sagen sie.

Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären? Ein Grundgesetz gilt wohl immer: Gott erhört nicht alle unsere Bitten, aber er erfüllt alle seine Verheißungen.

Es ist seine unergründliche Entscheidung, unsere Bitten so zu erhören, dass uns das erbetene Gute zum Heil dient, selbst dann, wenn unsere Erwartungen enttäuscht werden. Wir haben nur eine verkürzte und zeitgebundene Sicht unseres Lebens. Wir bewerten unser Lebensglück oder -unglück in der Regel nach unseren aktuellen Empfindungen.

Aber gilt nicht auch das berühmte Wort des Dichters Eugen Roth: „Ein Mensch schaut in die Zeit zurück und sieht, sein Unglück war ein Glück“? Stimmt es nicht, dass wir oft erst im Nachhinein ein negatives Erlebnis anders bewerten, eine leidvolle Zeit nachträglich als Prüfung verstehen, die uns menschlich reifer und freier gemacht hat?

Man kann also den Glauben an die Macht des Gebetes nicht damit erschüttern, dass man Beweise für nicht erhörte Gebete aufzählt. Wer wissen will, ob die Verheißungen Gottes gültig sind, muss die Probe aufs Exempel machen und darf nicht nachlassen in seinem Beten.

Schöner als in der Erzählung vom bittenden Freund, der in der Nacht kommt wie ein Störenfried – und nach anfänglicher Abwehr doch erhört wird, schöner als in dieser Erzählung Jesu kann man es gar nicht sagen. Es ist die Zudringlichkeit, mit der der Freund bittet, die ihm schließlich Gehör verschafft. Man sollte also Gott gleichsam in den Ohren liegen und bei ausbleibendem Erfolg nicht nachlassen mit dem Bitten.

Das ist eine Einladung an uns, es immer wieder zu versuchen. Gott hört und erhört uns – auf seine Weise – zu seiner Zeit – und in jedem Fall zu unserem Heil.

Beten ist keine einfache und selbstverständliche Sache. Deshalb zum Schluss noch ein paar praktische Hinweise. Die erste Bedingung ist die Stille. Man muss sich lösen vom Lärm der Umwelt und innerlich zur Ruhe kommen. Dazu braucht es einen geeigneten Raum und eine günstige Zeit. Dann ist es wichtig, den Glauben an die Gegenwart Gottes zu erneuern. Das geht am besten über ein Wort der Hl. Schrift z.B. mit der Zusage aus dem AT: „Gott ist der Herr im Himmel droben und auf der Erde unten“. Oder mit dem Liedvers: „Gott ist immer und überall da“.

Beten braucht Übung. Wer die Übung nicht scheut, wird Erfahrungen machen und sein schwacher Glaube wird aufleben. Auch seine Stimmung im Alltag kann friedlicher und ruhiger werden.

Darum werden wir nicht nur bei Gottesdienstversammlungen gemeinsam beten, sondern  jeder wird auch für sich allein und in ganz persönlicher Weise sein Herz zu Gott erheben – oder sein Herz vor Gott ausschütten. Eines steht fest: Gott hat sein Ohr an unserem Herzen!

P.S.
Meine persönliche Erfahrung mit dem Beten habe ich in einer Fastenpredigt zum Thema „Begegnung mit Sterben und Tod“ veröffentlicht (hier)

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
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