Loslassen und Abstand halten

Predigt am 18. Sonntag im Jahreskreis C – am 04. August 2013
Lesungen: Koh 1,2;2,21-23 – Lk 12,13-21
Alle liturgischen Texte (hier)

AusruhenSelten sind Texte der Hl. Schrift so leicht zu verstehen, wie die Lesung und das Evangelium des heutigen Sonntags. Es bedarf keiner Auslegung, sondern nur des aufmerksamen Nachdenkens, um Anregungen für die Lebensgestaltung zu bekommen.

Was der Weisheitslehrer Kohelet niedergeschrieben hat und was Jesus über den Umgang mit dem Reichtum sagt, können wir aus eigenen Erfahrungen bestätigen: Das Leben ist wie ein Windhauch. Wir sagen es zwar mit anderen Worten – und auch nicht jeden Tag. Aber immer wieder reden wir davon,  wie schnell doch die Zeit vergeht. Gleichzeitig wissen wir alle,  wie wenig ein Mensch braucht, um glücklich zu sein, wie schnell – manchmal über Nacht – mühsam angehäufter Besitz, öffentliche Ehre und Rang ihren Wert verlieren. Die kürzlich erfolgte Ablösung des Siemens-Chefs Peter Löscher oder der Rücktritt des Brandenburgischen Ministerpräsidenten Mathias Platzeck lesen wir mit gemischten Gefühlen aus der Zeitung. Was aber im Inneren dieser Menschen vorgeht, können wir nur erahnen. Machtverlust ist zum  Weinen!

Wie viele Sorgen machen wir uns über Dinge, die plötzlich gar keine Bedeutung mehr haben: von heute auf morgen dreht sich der Wind und wir stehen auf einmal ganz anders da. Wie der Weisheitslehrer Kohelet, so könnten auch wir zahlreiche Beispiele für das Auf und Ab unseres Lebens aufzählen. Recht hat er: das Leben ist wie ein Windhauch. Warum also soll man sich so viele Sorgen machen?

Ein moderner Kohelet,  dessen Buch in großen Auflagen seit Jahren gelesen wird, war der Amerikaner Dale Carnegie. Er gab dem Buch mit seinen gesammelten Lebensweisheiten den Titel: Sorge nicht – lebe! Manchmal hilft es uns tatsächlich, leichter zu leben, wenn wir uns von Sorgen verabschieden und einfach vertrauensvoll leben – im Glauben an die Fürsorge und Liebe Gottes.

Der Evangelist Lukas ist in der Lebensschule Jesu gegangen. Darum hat er wohl auch die Erzählung vom reichen Kornbauern in sein Evangelium aufgenommen. Der Nachwelt wollte er in diesem Gleichnis verständlich machen, worauf es  ankommt.

Der Kornbauer  muss schon ein tüchtiger Mann gewesen sein und ein Glückspilz dazu, dass er jedes Jahr gute Ernten einbringen und in immer größere Vorratsscheunen investieren konnte. In unserem Wirtschaftssystem wäre er sicher erfolgreich gewesen. Denn auch da gilt: nur wer investiert, wer seinen Handlungsspielraum erweitert, seine Fertigungsorte weltweit ansiedelt und mit den modernsten Maschinen arbeiten läßt, ist erfolgreich.

Ich glaube nicht, daß Jesus gegen die Tüchtigkeit etwas einwenden wollte. Wovor er warnen wollte, war das rastlose Tätigsein, das keinen Feierabend und keinen Sonntag mehr kennt. Der Kornbauer betrügt sich selbst, wenn er Ruhezeiten nur in der Zukunft einplant: „Ruh dich aus, iß und trink, und freu dich des Lebens“, war sein Motto für später. Aber genau das war der Fehler in seinem Lebensentwurf. Der Kornbauer lebte so, als ob alles einzig und allein von ihm abhinge und er deshalb ruhelos und ständig tätig sein sollte.  Er konnte sich nicht vorstellen, dass auch ein Anderer für ihn Sorge trägt und dass man diesem Anderen auch die Ehre erweisen müsse. Nur für sich Schätze sammeln, seine Lebenshoffnungen nur auf sich selbst und auf die eigene Tüchtigkeit gründen, das wird eines Tages ein böses Erwachen geben. Wer so lebt, lebt nach Jesus wie ein Narr! Denn noch in der Nacht kann seine Stunde geschlagen haben, von heute auf morgen kann sein Tag gekommen sein, an dem sich alles um 180 Grad dreht.

PauseBeide Lesungen erinnern uns: halte  immer wieder einmal Abstand und zwar von allem und von jedem (Menschen). Mach mal Pause – ist ein oft gehörter, aber wenig befolgter Rat. Lass immer wieder einmal alles und auch jeden Menschen los! An dieser Übung kommt kein Christ vorbei, wenn er nicht in die Irre gehen will.

Abstand halten und Loslassen sind christliche Tugenden, die wir gerade in unseren Tagen bitter nötig hätten. Abstand halten und Loslassen – das vollzieht sich in den kleinen Dingen des täglichen Lebens und man braucht dazu keinerlei Vorbereitung. Sofort kann jeder damit beginnen. Jetzt gleich, wenn man sich selber losläßt und – wie im Gottesdienst am Sonntag – der Fürsorge Gottes überläßt. Er will in unserer Mitte sein, um uns zu befreien von allzu großem Anhaften an die Dinge dieser Welt.

Loslassen kann, wer sich Gott überläßt. Abstand halten kann, wer sich in die Nähe Gottes begibt. Wir vollziehen das immer in der Feier der Eucharistie.

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
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