Welchen Himmel wollen wir?

Predigt am Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel – 15. August 2013
Lesungen: Offb 11,19a.12,1-6a.10ab; / 1 Kor 15,20-27a;/ Ev: Lk 1,39-56
Alle liturgischen Texte (hier)

mondlandungVor 44 Jahren, im Juli 1969, hat erstmals ein Mensch den Mond betreten. Es war eine  Sensation, die Erde zu verlassen, in den Weltraum hinaus zu fliegen und auf dem Mond zu landen. Heute haben wir uns daran gewöhnt, dass eine bemannte Raumstation um die Erde rast und Wissenschaftler in diesem künstlichen Himmelskörper  leben und forschen.

So sehr wir diese Leistungen bestaunen, im Blick auf unser Dasein in dieser  Welt bleiben doch viele Fragen offen. Sind die Menschen durch diese Fortschritte  wirklich glücklicher geworden? Hat das gegenseitige Verständnis zugenommen? Ist mehr Friede unter den Menschen eingekehrt? War es wirklich ein Fortschritt der Menschheit?

Sind die Menschen dadurch, dass sie den Wolkenhimmel überschritten haben, auch dem Himmel näher gekommen, den wir in der religiösen Sprache unsere Heimat nennen, von woher wir Christus unseren Retter erwarten (vgl. Phil 3,20)?

Wir müssen eingestehen: der technisch-wissenschaftliche Fortschritt geht nicht automatisch einher  mit einer Zunahme an Menschlichkeit und Lebenssinn. Es liegt in der Freiheit des Menschen, wie er den Schöpfungsauftrag umsetzt, sich die Erde untertan zu machen und ihren Lebensraum menschenfreundlich zu gestalten (vgl. Gen 1,28).

Heute an diesem hohen Festtag richtet sich unser Blick zum Himmel Gottes. Das ist kein physischer Ort hoch über den Wolken, sondern jenes Reich der Liebe und Gerechtigket, das von Gott her kommt. Die frohe Botschaft des heutigen Tages lautet: Es gibt Menschen, die dieses Ziel des Lebens schon erreicht haben. Sie sind uns vorausgegangen und dürfen sich der Gemeinschaft mit Gott und untereinander erfreuen.

In einzigartiger Weise trifft dies für Maria, die Mutter Gottes zu. Sie, die auf Erden ihrem Sohn Jesus eine liebevolle Mutter war, wurde nach Vollendung ihres Lebens von Gott mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen. So bekennt es unser Glaube. Das ist der Inhalt des heutigen Festgeheimnisses!

Jesus Christus ist am dritten Tag von den Toten auferstanden und in seiner Himmelfahrt zum Vater heimgekehrt. Der Tod hatte gegenüber der Macht des lebendigen Gottes keine Chance. Jesus Christus, so sagt Paulus, ist als Erster der Entschlafenen auferweckt worden (1 Kor 15,20).  Wenn wir unsere Hoffnung  nur auf den Himmel der vergänglichen Schöpfung setzen, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.

Wir sollten also immer wieder über den Rand der Welt hinausschauen und das letzte Ziel unseres Lebens in den Blick nehmen. Wir sollten den religiösen Himmel wie mit einem Radarschirm abtasten und uns gegenseitig sagen, was wir mit den Augen des Glaubens sehen: Christus ist erhöht zum Vater. Von dorther kommt uns das Heil.

Maria, die Mutter Jesu, stand in einer besonderen Nähe zu ihrem Sohn und es ist deshalb kein Wunder, dass sie  nach ihm die Vollendung an Leib und Seele erfahren hat, dass sie – in religiöser Sprache ausgedrückt – in den Himmel aufgenommen wurde.

Auch uns ist die selige Vollendung im Reiche Gottes verheißen. Was an Maria geschah, soll auch an uns geschehen. Die Gottesmutter leuchtet uns in den Mühseligkeiten und Nöten dieses Lebens wie ein Stern der Hoffnung  auf. Denn unser Leben geht nichts ins Leere; es hat mit dem Tod kein Ende, sondern wird seine Vollendung finden, wenn wir an Jesus Christus glauben und ihm die Treue halten in Glaube, Hoffnung und Liebe!

In der Verherrlichung Mariens wurde der menschliche Leib schon hineingenommen in die Gemeinschaft mit Gott. Eine große Würde ist dem Menschen geschenkt, dass er seine Vollendung auch in seiner Leiblichkeit erfährt. Das Zeichen dafür ist die Mutter Gottes.

In dieser Weltzeit sind wir oft hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Angst, bedrängt von Meinungen und Anschauungen. Der Blick zum Himmel Gottes aber befreit uns zu einer unerschütterlichen Hoffnung! Es ist deshalb  selbstverständlich, dass wir uns der Fürbitte jener Frau anvertrauen, deren Fest wir heute feiern.

Der bekannte Psychologe Carl Gustav Jung, selber kein bekennender Christ, wohl aber ein religiöser Mensch, hat nach der Verkündigung des Dogmas von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel im Jahre 1950 gesagt, dies sei eine hervorragende Antwort der Kirche auf die Erniedrigung und Entwürdigung des Leibes. Es waren ja gerade mal fünf Jahre nach dem verheerenden zweiten Weltkrieg vergangen, in dem das menschliche Leben keinen Deut mehr wert war und einer unmenschlichen Ideologie nahezu 50 Millionen Menschen zum Opfer gefallen waren.

Jenseits aller manchmal ausufernden Formen der Marienfrömmigkeit dürfen wir deren tiefen Sinn nicht vergessen. Er lautet: Gott handelt gnädig an den Menschen. Er nimmt uns wie Maria mit Leib und Seele ernst und will uns zu jener Herrlichkeit führen, die Maria an der Seite ihres Sohnes bereits erreicht hat. So ist sie uns zur Mutter, zur Fürsprecherin und Wegbegleiterin geworden. Dieses Wissen hat sich in einem durch die Jahrhunderte aufbewahrten einfachen Satz verdichtet: durch Maria und auf ihre Fürbitte können wir zu Christus gelangen. Unsere Heimat ist nicht irgendeine Raumstation am Himmel, sondern der Himmel Gottes als Vollendung und Erfüllung unserer Sehnsucht.

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
[print_link]

 

Print Friendly, PDF & Email