Wer bin ich? Werde ich wahrgenommen?

Predigt am 22. Sonntag im Jahreskreis C – am 01. September 2013
Lesungen: Sir 3, 17-18.20.28-29 (19-21.30-31) – Hebr 12, 18-19.22-24a – Lk 14, 1.7-14
Alle liturgischen Texte (hier)

EhrenplatzWer dieses Evangelium gehört hat, wird spontan sagen können: Jesus hat Recht. Diese „Benimmregel“ kann man nur empfehlen. Die Wirklichkeit sieht ja oft ganz anders aus. Wichtige Leute gehen, wenn sie eingeladen sind, selbstbewusst nach vorne in die ersten Reihen. Manche müssen ja vielleicht auch etwas reden. Dann ist das etwas anderes. Aber das Bedürfnis, wer zu sein und wahrgenommen zu werden, ist uralt. So wünscht sich z.B. die Mutter  der Zebedäussöhne, die Beiden sollen doch in der neuen Welt Gottes die Ehrenplätze rechts und links von Jesus erhalten (vgl. Mt 20,20-21)

Bei der jüngeren Generation ist eine spontane Platzwahl inzwischen üblich. Um Probleme zu vermeiden, legt man dann doch lieber vorher mit Tischkarten fest, wer wo und mit wem zusammensitzen soll.

 

 

Die Worte Jesu bleiben dennoch bedenkenswert. Es geht nämlich darum, welche soziale Bedeutung einer sich selber zuschreibt. Man kann sich in seiner Wichtigkeit schon täuschen. Und deshalb empfiehlt Jesus Bescheidenheit und nicht Selbsterhöhung. Eine falsche Bescheidenheit, so als ob man sich am liebsten unter den Gästen verstecken sollte, ist damit sicher nicht gemeint, sondern Dankbarkeit dafür, dass man überhaupt eingeladen worden ist und am Leben einer Gemeinschaft teilnehmen darf.

Unverkennbar verweist Jesu Belehrung auf den eigentlichen Gastgeber, auf Gott, dessen Kostgänger wir alle sind. Denn er kennt die Gedanken der Menschen, er kennt ihr Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung.

Menschen können einander solche Wertschätzung schon schenken. Aber ihre Kraft der Anerkennung ist begrenzt, weil jeder Mensch Ecken und Kanten hat, an denen sie sich aneinander reiben. Die bedingungslose Annahme des Menschen, so, wie er wirklich ist, kann nur von Gott her kommen.

Jesus ist in der Auswahl der Gäste ziemlich radikal. Er empfiehlt sogar, Arme, Krüppel, Lahme und Blinde einzuladen. Die Freunde und Brüder müssen es nicht unbedingt sein.

Mit diesem Übertreibungen, wie sie im Orient üblich sind, soll nur deutlich werden, wer die eigentlichen Lieblinge Gottes sind: nicht die Selbstherrlichen, sondern die Bescheidenen, nicht die Sicheren, sondern die Schwachen. Ihnen gilt Gottes Aufmerksamkeit und Liebe.

In den Sinnsprüchen der ersten Lesung finden wir die gleiche Auffassung. Nicht die Gaben, die einer großzügig verteilen kann,  machen den Geber groß, sondern seine Bescheidenheit und sein Dienst am Mitmenschen.

Am Ende der Zeiten  sorgt Gott selbst für eine Überraschung. Im Hebräerbrief werden die von Gott Geliebten zu einer unerwarteten großen Feier eingeladen. Im Bild des himmlischen Jerusalem, in einer Stadt des lebendigen Gottes, wird allen Gottsuchenden die Gemeinschaft mit ihm zugesprochen – nicht mehr unter furchterregenden und schrecklichen Umständen, wie sie Mose auf dem Berg Sinai erleben musste, sondern zu einer angstfreien festlichen Versammlung, in der jeder der sein kann, der er wirklich ist – in erlöster Atmosphäre, frei von jeder sozialen Angst und von jedem verkrampften Versuch, unbedingt wer sein zu müssen.

Das ist die  Freiheit, die uns in der neuen Welt Gottes zugesprochen wurde. Das soziale Miteinander bekäme eine  andere Qualität und Dichte, würden wir den Worten und dem Beispiel Jesu folgen. Er hat von sich gesagt: „Ich bin unter euch wie einer, der dient“ –  und in der Fußwaschung beim letzten Abendmahl hat er es uns gezeigt – und hinzugefügt:  „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“  (Joh 13,15).

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
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